Corona-Pandemie stellt Geflüchtete vor große Herausforderungen

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In den Unterkünften am Nordkamp leben derzeit 47 Geflüchtete, 53 weitere am Billy-Montigny-Platz und an der Nordbögger Straße.

Bönen – Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat die meisten Menschen verunsichert. Für viele derjenigen, die erst vor Kurzem eine Zuflucht in Deutschland gefunden haben, war und ist die Situation allerdings besonders beängstigend. Die Flut von Informationen, Anordnungen und Empfehlungen muss in der noch fremden Sprache erst mal verstanden werden. Die Mitglieder des Vereins Zuflucht.Bönen, die sich insbesondere um die Geflüchteten in der Gemeinde kümmern, haben jedenfalls alle Hände voll zu tun.

„Gerade am Anfang waren die Flüchtlinge sehr besorgt“, schildert Deniz Atli-Werth von Zuflucht.Bönen. „Wir haben sehr, sehr viel telefoniert.“ Insbesondere die alleinerziehenden Mütter hätten sich an sie gewandt, unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollen. „Der Kreis Unna bietet sehr gute Informationen in verschiedenen Sprachen auf der Internetseite an. Die entsprechenden Links haben wir dann weitergegeben.“ 

Ganz praktisch kümmern Deniz Atli-Werth und die anderen Helfer sich momentan darum, dass die Kinder an den Lernangeboten der Schulen teilnehmen können. Sie helfen per Videochat bei den Hausaufgaben, besorgen Material, drucken Aufgaben aus und stehen in engen Kontakt zu den Bönener Schulen. Die meisten Flüchtlingsfamilien sind allerdings kaum so ausgestattet, dass die Kinder problemlos am digitalen Unterricht teilnehmen können. Es fehlen Laptops, Tablets und Drucker. Außerdem sind die Internetzugänge in den gemeindlichen Unterkünften eher dürftig, eine stabile Leitung gibt es selten.

 „Wir müssen jetzt schauen, dass die Kinder ausgestattet werden“, sagt Deniz Atli-Werth. Möglicherweise könne dazu Geld aus den Integrationsmitteln verwendet werden, die die Gemeinde noch nicht ausgeschöpft hat. Ob die Schüler, die Asylbewerberleistungen beziehen, auch von dem Paket profitieren, dass der Bund zu diesem Zweck für bedürftige Familien bereitstellen will, ist hingegen noch nicht klar. „Wir recherchieren, ob es vielleicht noch von anderer Seite Hilfe gibt“, so Deniz Atli-Werth. 

Um die geflüchteten Kinder so gut wie möglich auf die Schule vorzubereiten, ist der Besuch einer Kita ein wichtiger Baustein, vor allem für die Sprachförderung. Dass Mädchen und Jungen mit einem besonderen Förderbedarf bereits wieder in die Kitas gehen können, wussten die Flüchtlingsfamilien nicht. Und so haben die Vereinsmitglieder auch dafür gesorgt. 

Einige Flüchtlinge gehören zu Risikogruppen

Den Deutschkursus für die Frauen, den Zuflucht.Bönen normalerweise im Treffpunkt Go in anbietet, musste der Verein indes vorerst einstellen, ebenso wie das Treffpunkt-Angebot im Bodelschwingh-Haus. Wer aber Unterstützung benötigt – sei es für das Ausfüllen von Anträgen und Formularen oder bei medizinischen Angelegenheiten –, für den sind die Flüchtlingshelfer weiterhin da. 

„Es gibt einige, die zu den Risikogruppen gehören und Vorerkrankungen haben. In einem Fall haben wir einen Mann zum Arzt begleitet, weil es einfach nicht anders ging“, schildert Deniz Atli-Werth. Vieles lasse sich aber am Telefon oder über einen Videochat klären, wenn auch etwas umständlicher. „Mit jemandem zu telefonieren, der noch nicht so gut deutsch kann, ist schon schwieriger“, stellt sie fest. 

Digital gar nicht durchzuführen ist der Möbeltransport. Darum kümmert sich nach wie vor Herbert Lammers von Zuflucht.Bönen. „Wenn wir Spenden bekommen, dann macht er das möglich – mit Abstand und unter Einhaltung der Hygieneregeln“, erzählt Deniz Atli-Werth. Vieles würden die Geflüchteten aber selbst in die Hand nehmen und organisieren. „Als die Maskenpflicht kam, hat eine Familie angefangen, Masken zu nähen, und hat diese dann an die anderen verteilt“, nennt sie ein Beispiel. Die Menschen in den Notunterkünften würden sehr viel Verantwortung füreinander übernehmen und sich kümmern. 

Dass die Menschen dort nicht nur untereinander gut vernetzt sind, sondern auch in ihre Heimatländer, hat Khaled Abdulaal von der Gemeindeverwaltung festgestellt. „Sie haben sich über das Corona-Virus informiert. Die Pandemie ist ja weltweit“, stellt der Integrationsbeauftragte fest. 

Eine Bewohnerin unter Quarantäne gestellt

Anfangs hätte den Menschen aber tatsächlich die Aufklärung gefehlt. „Wir haben Informationen zu Corona auf Arabisch, Deutsch und Englisch in den Unterkünften ausgehängt“, berichtet Abdulaal. Da er fast täglich die Post in die Häuser bringt, habe er auch immer wieder persönlich mit den Bewohnern gesprochen, unter anderem über die Kontaktbeschränkungen, die Maskenpflicht und andere Verordnungen. 

Ansonsten steht Abdulaal mit den Flüchtlingen telefonisch, per E-Mail oder Whatsapp in Kontakt, berät und unterstützt, wenn es Fragen gibt. Die regelmäßigen Sprechstunden in den Unterkünften musste er ebenso wie der Verein Zuflucht.Bönen coronabedingt einstellen. Die Flüchtlinge in Bönen leben auf engen Raum zusammen, zum Teil müssen sie Gemeinschaftswaschräume und -küchen benutzen. Ein erhöhtes Infektionsrisiko sieht Khaled Abdulaal darin jedoch nicht. „Sie haben ja vorher auch schon zusammen gewohnt. Man kann es als einen Haushalt ansehen.“ 

Besondere Hygienemaßnahmen habe die Gemeinde deshalb nicht getroffen. Desinfektionsmittel hat lediglich eine Asylbewerberin bekommen, die Kontakt zu einer infizierten Person hatte. „Sie stand in ihrem Zimmer unter Quarantäne“, erzählt der Verwaltungsmitarbeiter. Andere Verdachtsfälle hat es bislang unter den Geflüchteten nicht gegeben.

Lesen Sie dazu auch: Cornavirus im Kreis Unna: Ein weiterer Infizierter in Berkamen

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