Glücklich in Bönen gelandet

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Thomas Hahn kümmerte sich während der Rückreise um einen kleinen Jungen und seine Mutter.

Bönen – Endlich zu Hause! Darüber ist Thomas Hahn heilfroh. „Ich merke jetzt erst, wie die Anspannung nachlässt und bin richtig erschöpft“, sagt der Bönener. Nach einer sechswöchigen Rundreise durch Südostasien war der 49-Jährige auf der philippinischen Insel Negros gestrandet. Aufgrund der Corona-Pandemie haben auch die Philippinen die Reisemöglichkeiten extrem eingeschränkt. Erst beim fünften Anlauf schafften er und sein Freund es, heimzukehren. Die Rückreise gestaltete sich dabei nervenaufreibend.

Vier Mal haben die beiden Männer versucht, ein Flugzeug gen Deutschland zu besteigen, vier Mal scheiterten sie schon daran, die Insel zu verlassen. Am Donnerstag sollte es wieder einmal soweit sein. „Wir machten uns früh auf den Weg, um gegen 8 Uhr bei einer Anlaufstelle zu sein. Dort mussten wir eine Einweisung abwarten, dann ging es mit einem Kleintransporter zum Gesundheitscheck ins Krankenhaus“, berichtet der Bönener. Die Mitarbeiter, die sie untersuchten, waren von Kopf bis Fuß in Schutzkleidung gehüllt. „Es war wie in einem Katastrophenfilm, schon unheimlich“, schildert er. 

Anschließend ging es zurück zur Anlaufstelle, einem Platz unter freiem Himmel. Dort mussten Hahn und sein Begleiter gemeinsam mit knapp 50 anderen Reisenden in der Hitze bis zum Nachmittag ausharren. „Es waren hauptsächlich Deutsche, aber auch ein paar Niederländer und US-Amerikaner, die versucht haben, sich an uns dranzuhängen“, so der 49-Jährige. 

Die Wartenden mussten verschiedene Formulare ausfüllen, unter anderem eine Erklärung, dass sie bereit sind, für die Rückreise selbst aufzukommen. „Wie teuer das wird, weiß ich nicht. Ich warte auf die Rechnung“, sagt Thomas Hahn.

Gegen 14 Uhr kamen Busse, die die Urlauber zu zwei weiteren Bussen brachten. In den Bus von Hahn stieg eine Philippinin zu und fragte die Passagiere, ob jemand von ihnen fließend Englisch spräche. „Da sich niemand gemeldet hat, habe ich es getan“, erzählt der Bönener. Schließlich studiert er Anglistik in Münster. Sichtbar erleichtert überreichte die Organisatorin ihm eine Liste mit den Namen der Passagiere und weitere Papiere. Sie dürfe nicht mitfahren, daher müsse er die Unterlagen an bestimmten Stellen vorzeigen, zum Beispiel die Bestätigung darüber, dass die Busfahrt bezahlt sei, erfuhr Hahn. „Da hatte ich auf einmal die Verantwortung für den ganzen Bus.“ 

Gleichzeitig kümmerte er sich noch um eine schwangere Frau und ihren kleinen Sohn, die allein unterwegs waren. „Niemand sonst hat ihnen irgendwie geholfen. Wir haben sie quasi bis Frankfurt mit durchgeschleppt.“

Der Bus brachte die Gruppe zu einer kleinen Fähre und endlich kehrten sie Negros den Rücken zu. Angekommen auf der Nachbarinsel Cebu stand der nächste Gesundheitscheck an, diesmal allerdings weniger steril und umfangreich. Aber erst danach ließ die Ärztin die Deutschen wieder in einen Bus steigen. Begleitet von der Polizei brachte dieser die Reisenden in ein Hotel. „Das wurde nur für uns geöffnet, und die Organisation war ziemlich chaotisch“, beschreibt Hahn. Inzwischen war es 21 Uhr, die Gäste total übermüdet, hungrig und gereizt. Über allen schwebte immer noch die Ungewissheit, ob sie wirklich am nächsten Tag nach Hause fliegen durften.

Die Nacht verbrachten die Gäste in ihren Zimmern, die sie nicht verlassen durften. Das karge Frühstück, das es am nächsten Tag immerhin gab, motzte Hahn mit einer Mango aus dem Rucksack und einem Teebeutel aus der Hosentasche auf. Zumindest etwas gestärkt brach die Gruppe zum Flughafen Mactan-Cebu auf. 

Gegen 10 Uhr kamen sie dort an und verbrachten dann die nächsten zwei Stunden in einer riesigen Menschenschlange vor dem verschlossenen Eingang. „Da wurden einige schon dreist und unverschämt“, ärgert sich der Bönener immer noch über die Vordrängler. „Sie wurden ausgebuht und zurückgedrängt. Da tobte ein bisschen der Mob.“ 

Besonders schlimm wurde es, als eine Philippinin die Namen derjenigen vorlas, die in die einzige, an diesem Tag startende Maschine steigen durften. „Sie sprach leise, niemand konnte sie verstehen. Zum Glück fasste sich ein Deutscher das Herz und nahm ihr das Mikrofon ab. Dann wurde es besser“, erzählt Thomas Hahn. „Es war vorher schon bekannt gegeben worden, dass Eltern mit kleinen Kindern, Behinderte und Leute ab 60 Jahren bevorzugt ausgeflogen werden.“ Er selbst ist schwerbehindert und auf Medikamente angewiesen, sein Freund hat zwei Wochen zuvor seinen 60. Geburtstag gefeiert. Das hatten sie natürlich angegeben, waren aber dennoch unheimlich erleichtert, tatsächlich auf der Liste zu stehen.

 Die Abreisenden durften ins Flughafengebäude, doch die übrigen Wartenden machten keinerlei Anstalten, sie durchzulassen. „Da fing echt das Hauen und Stechen an“, so Hahn. Er ist zwar erschüttert über das Verhalten einiger Menschen dort, hat aber gleichzeitig Verständnis: „Die Leute standen alle unter Strom und waren total angespannt. Viele hatten Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen.“ Im Flughafengebäude wurde es ruhiger, sehr viel ruhiger sogar. „Es ist ein riesiger, internationaler Flughafen. Und er war total leer. Alle Geschäfte und Restaurants hatten geschlossen.“ 

Rund zehn Stunden verbrachten die Deutschen in dieser gespenstischen Atmosphäre. Zwischendurch wurde ihnen Essen angeboten, Thomas Hahn ruhte sich zwischendurch auf dem Steinfußboden aus. Die Erleichterung am Abend endlich in die Maschine steigen zu können, war gigantisch. 15 lange Stunden dauerte der Flug nach Frankfurt, der Airbus musste einen Schlenker über Russland fliegen. Bei einigen Passagieren lagen die Nerven blank, viele waren einfach total erschöpft. 

Deutschlands größter Flughafen empfing die Rückkehrer still, es waren kaum Passagiere zu sehen. Die Abfertigung ging rasant. „Ich war noch nie so schnell aus einem Flughafen heraus“, stellt der Reisefan fest. Eine Gesundheitskontrolle gab es nicht. Besonders freundlich seien dann die Zugbegleiter im ICE gewesen. „Sie haben uns Mut zugesprochen.“ Die Fahrt in dem fast leeren Zug war für die Rückkehrer kostenlos, sie durften mit ihrer Bordkarte einsteigen. Bis Duisburg nutzten die beiden Männer die Gelegenheit, dort lebt Thomas Hahns Begleiter. Er brachte ihn nach dieser Odyssee am Sonntag mit dem Pkw heim nach Bönen.

Tage zwischen Hoffen und Bangen: Vier Ausreiseversuche gescheitert: Bönener auf den Philippinen gestrandet 

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