Gesundheit geht vor

Bönener Friseur leidet unter Lockdown, hält sich aber an die Verordnung

Friseurmeister Bedir Acar führt seinen Salon an der Lenningser Straße
+
Bedir Acars Salon muss weiter geschlossen bleiben. Die Situation belastet den jungen Friseurmeister.

Bönen – Im Schnitt wachsen Haare täglich zwischen 0,3 und 0,5 Millimeter. Seit dem Lockdown im Dezember kann der Haarschnitt also schon ordentlich herausgewachsen sein. Für diejenigen, die Wert auf die perfekte Frisur legen, offenbar eine Katastrophe. In den sozialen Netzwerken suchen daher manche ganz offen nach einem Friseur, der bereit ist, gegen die geltenden Schutzverordnung zu verstoßen. Manche Handwerker gehen aber auch in die Offensive, rufen Stammkunden an und bieten ihnen ihre Dienste an.

Bedir Acar hält davon gar nichts. „Alles hat seinen Grund“, sagt er. Und als Selbstständiger weiß er genau, wie schädigend Schwarzarbeit ist – nicht nur in Corona-Zeiten. Dennoch kann der Friseurmeister seine Kollegen verstehen. „Durch die Verlängerung des Lockdowns haben viele kein Einkommen mehr. Sie sind quasi dazu gezwungen, Schwarzarbeit zu machen“, sagt er.

Er selbst hat seit Wochen keine Schere mehr angefasst, ausschließlich an der eigenen Frisur Hand angelegt. „Ich habe nicht mal meinem eigenen Vater die Haare geschnitten“, sagt der Bönener. Seine Kunden seien glücklicherweise sehr verständnisvoll. „Ein, zwei Kunden haben mich bisher angeschrieben und gefragt, ob ich ihnen nicht trotzdem die Haare schneiden kann“, erzählt er. Natürlich habe er abgesagt.

Sicheres Hygienekonzept aufgestellt

„Ich verstehe, dass sie verzweifelt sind. Die Haare sind lang, die Farbe wächst heraus. Aber wir sehen ja im Moment alle so aus“, tröstet er seine Kunden. Dass viele derzeit neidisch auf die top gestylten Profifußballer mit ihren feschen Frisuren, Politiker oder andere „Promis“ gucken, kann er nachvollziehen. „Warum dürfen die frisiert werden und alle anderen nicht?“ Er glaubt nicht, dass das Infektionsrisiko in den Friseursalons besonders hoch ist. „Wir hatten ein sehr gutes Hygienekonzept, haben immer Masken getragen, Einmalhandschuhe und -umhänge benutzt und ständig alles desinfiziert. Sogar die Kugelschreiber, die ich benutzt habe, habe ich gewechselt und desinfiziert“, berichtet der 26-Jährige.

Zudem hätte er in seinem kleinen Salon an der Lenningser Straße den erforderlichen Mindestabstand der Kunden zueinander gut einhalten können. „Sie haben geduldig draußen gewartet, wenn schon zwei Kunden im Laden waren“, so der Bönener. Das sei im Einzelhandel oft anders. In den Supermärkten würden sich die Kunden teils aneinander vorbei drängeln, ohne auf Abstand zu achten.

Dass er die Corona-Schutzverordnung dennoch einhalten muss, akzeptiert der Handwerksmeister aber voll und ganz. „Corona ist gefährlich. Und Haare sind wichtig, aber Gesundheit geht vor! Was nützt mir ein schöner Haarschnitt, wenn ich hinterher Corona habe?“

Bislang keine staatliche Hilfe erhalten

Noch ist der junge Geschäftsinhaber auch zuversichtlich, die Krise wirtschaftlich meistern zu können. „Ich habe zurzeit keine Mitarbeiter, deshalb habe ich nicht so hohe Fixkosten wie viele andere Kollegen“, sagt Bedir Acar. Seinen Salon hat er erst im August von seiner ehemaligen Chefin Brigitte Kuckhoff übernommen und dann auch eine Mitarbeiterin gesucht. „Jetzt bin ich froh, dass ich keine Angestellte gefunden habe“, stellt er fest. Wie langer er aber durchhalten kann, wenn er sein Geschäft noch mehrerer Monate geschlossen halten muss, weiß er nicht.

Bislang hat Acar allerdings auch keine staatliche Unterstützung bekommen, obwohl die Ladenmiete und andere Kosten weiter laufen. „Ich kläre zurzeit mit meiner Steuerberaterin, ob und was ich an Hilfen beantragen kann“, schildert er. Im Gegensatz zu anderen Kollegen gehe es ihm aber noch recht gut. „Es werden jetzt viele Salons verkauft“, hat Acar beobachtet. „Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren kaum von Corona sprechen werden, dafür aber über Depressionen und Insolvenzen“, befürchtet er schlimme Folgen der Pandemie.

Treue Kunden werden belohnt

Die Situation drückt seine Stimmung ebenfalls. „Mir fehlen die Kunden, die Gespräche mit ihnen“, sagt Bedir Acar, der nun einmal von ganzem Herzen Friseur ist. Andersherum ist es wohl genauso. „Mir haben einige Kunden geschrieben, dass sie mich vermissen“, erzählt er. Manche seiner Stammkunden kämen normalerweise jede Woche zu ihm. „Da bin ich dann auch Gesprächspartner“, weiß der Bönener.

Er hofft, dass sich die Situation bald entspannt und er sein Geschäft endlich wieder öffnen kann. Für die Zeit nach dem Lockdown hat er sich schon etwas Besonderes überlegt. „Die Kundin mit dem breitesten Ansatz bekommt eine Überraschung von mir“, kündigt er an. Das gleich gelte bei den Männern bei herausgewachsenen Schnitten oder längsten Bärten. Damit will Bedir Acar sich dann bei denjenigen bedanken, die ihm während des Lockdowns die Treue gehalten haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare