Corona erschwert Kinderschutz: Jugendamt rechnet mit steigenden Zahlen

Häusliche Gewalt
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Die Fälle von häuslicher Gewalt könnten in Zeiten der Coronakrise zugenommen haben. Das Jugendamt rechnet mit steigenden Zahlen, wenn nun Kitas und Schulen wieder öffnen.

Bönen – Familie in Zeiten des großen Stillstands durch Corona: Die Zwangspause hat nicht alle Eltern und Kinder mit Zeit füreinander beglückt, die in trauter Runde genossen wird. Wenn Menschen plötzlich ganz auf sich geworfen sind, die vorher schon Schwierigkeiten miteinander hatten, droht mancher Konflikt irgendwann heiß zu laufen.

Vor allem dort, wo das Jugendamt schon hinschaut, damit die Schwächsten im System ohnehin schon im konfliktbeladenen Alltag keinen Schaden nehmen. Etwa mit verschiedenen „Hilfen zur Erziehung“, mit denen das Kreisjugendamt aktuell in Bönen in 132 Fällen daran arbeitet, eine so genannte Kindeswohlgefährdung abzuwenden. 

Die Behörde rechnet damit, dass die Fallzahlen deutlich steigen werden, wenn sich der Blick mit der regelmäßigen Rückkehr der Kinder in Kitas und Schulen wieder schärft. Mit Augen und Ohren ist es so eine Sache in diesen Tagen, ohne den üblichen Kontakt ist es „eine besondere Herausforderung, den Kinderschutz sicherzustellen“, wie die Sachgebietsleiterin für derlei Hilfen, Sandra Piccinno, auf Nachfrage erläutert. 

Notbetreuung brachte etwas Entlastung

„Wir haben ein standardisiertes Verfahren zur Gefährdungserkennung, davon sind wir auch jetzt nicht abgewichen.“ Aber Hausbesuche und Gespräche seien nur eingeschränkt oder über technische Wege wie Telefonate oder Videokonferenzen möglich. Etwa bei den regelmäßigen Hilfeplangesprächen, bei denen der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) mit der Familie und eingesetzten Betreuern (oftmals freier Träger) erörtern, was an Maßnahmen oder Verhaltensregeln vereinbart und wie umgesetzt wurde.

„Der ASD fährt jetzt selten raus“, so Piccinno, die Träger gingen unterschiedlich damit um, ihre Mitarbeiter vor Covid-19-Infektionen bei Hausbesuchen zu schützen. „Wir halten aber viel Telefonkontakt.“ In Einzelfällen würden Familien aber auch aufgesucht. Entlastung gab es, als das Land auf Drängen der Jugendämter die anfänglich stark begrenzte Notbetreuung in Kitas und Schulen auf die HZE-Kinder ausdehnte und diese stundenweise einen Tapetenwechsel erfuhren. 

Trotzdem haben sich Probleme auch so zugespitzt, dass die Behörde keinen anderen Weg mehr sah, als das Kind vorerst aus der Familie zu holen. „Da ging es um Konflikte, die unter Corona eskaliert sind“, sagte Piccinno. 

Damit der ASD mit sechs Mitarbeitern für Bönen funktionsfähig bleibt, sind mit beträchtlichem Aufwand EDV-Strukturen und Homeoffice-Plätze so eingerichtet worden, dass die Arbeit ohne direkten Kontakt erledigt werden kann. Das Team wurde gesplittet, damit eine etwaige Quarantäne nicht den Apparat lahmlegen kann. 

Die Fallzahlen selbst seien gegenüber dem Vorjahr nicht signifikant angestiegen. Es gab 51 ambulante Hilfen (Dezember ‘19: 47), 25 Eingliederungshilfen (34), 42 Vollzeitpflegen (41), 5 stationäre Hilfen (6) und 9 teilstationäre (3). „Ich rechne aber mit steigenden Zahlen, wenn das System wieder hochfährt“, gab die Sachgebietsleiterin einen Ausblick. 

Vier Einsätze der Polizei

Mit der Rückkehr von Einrichtungen, Kitas und Schulen werde sich zeigen, in welchem Maße sich Kinder in der langen Abwesenheit eventuell verändert haben. Dass unter den besonderen Bedingungen zuhause schneller und öfter etwas aus dem Ruder läuft, zeigen teilweise auch die Einsatzzahlen der Polizei wegen Fällen von häuslicher Gewalt. Die lassen weder den Anlass noch die Schwere des möglichen und im Nachgang zu bewertenden Delikts erkennen, wohl aber einen örtlich voneinander abweichenden Trend. 

So hat es in Bönen von Ende März bis Ende Mai vier Fälle geben, in denen die Polizei gerufen wurde. Im selben Zeitraum 2019 waren es ebenfalls vier, im Jahr davor einer. In Bergkamen sind aktuell zwölf Fälle vermerkt, nach 21 und 16 in den Jahren davor. Ausreißer ist Unna mit 29 Fällen häuslicher Gewalt nach 15 im Vorjahr und 17 in 2018. Kreisweit (ohne Lünen) wurden die Beamten seit der Kontaktsperre 86 Mal zur Hilfe gerufen, sieben Mal öfter als im Vorjahr, 2018 mussten sie 99 Mal einschreiten.

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