Chaos bei der Impfanmeldung

Senioren und Angehörige kämpfen mit überlastetem System

Margarete Presch am Telefon
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Warten auf ein Freizeichen: Margarete Presch versuchte über die Service-Hotline, einen Impftermin zu bekommen. Sie hörte aber über Stunden nur das Besetztzeichen. Die Leitungen waren völlig überlastet.

BÖNEN – Wer am Montag versucht hat, einen Impftermin zu bekommen, der brauchte viel Geduld. Ab 8 Uhr waren die Telefonleitungen der Servicenummer 0800116 117 02 der Kassenärztlichen Vereinigung freigeschaltet, aber schon um kurz nach 8 Uhr ging nichts mehr.

Nur Tuten war zu hören. Auf der Internetseite klappte es auch nicht besser. Dort zeigte regelmäßig ein roter Balken an, dass das Anfragelimit erreicht sei. Ein umständliches Prozedere, mit dem die Zielgruppe, über 80-Jährige, einfach überfordert waren.

Zu denen, die am Montagmorgen versuchten, einen Impftermin zu erhalten, gehören auch meine Schwiegereltern Margarete (85 Jahre) und Franz (89 Jahre) Presch. Sie ist mit 85 Jahren zwar mit Smartphone und Tablet vertraut, aber die Anmeldeprozedur auf der Internetseite ist ihr dann doch zu kompliziert. Also muss Unterstützung her.

Während sie seit 8 Uhr versucht, telefonisch durchzukommen – und immer nur ein Tuten hört, versucht es meine Schwägerin Meike Presch parallel im Internet. Wir sind bald ratlos. Immer wieder erscheint auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung ein roter Balken, der einen System-Error verkündet. Also wieder von vorne!

Während ihre Mutter versucht, telefonisch durchzukommen, probiert es Meike Presch im Internet.

Irgendwann gibt meine Schwägerin auf. Sie muss zur Schule, schließlich hat sie noch einen Job als Lehrerin. Ich versuche es weiter, denn, um einen Impftermin zu machen, muss zunächst ein Code generiert werden, der schließlich per SMS kommt. Den Code nimmt das System aber nicht an. Frustrierend. Ich frage mich: Wenn ich das nicht hinkriege, wie sollen das meine Schwiegereltern schaffen?

Irgendwann geben wir auf, weil das System immer wieder abbricht. Dabei hatte meine Schwiegermutter so auf einen Impftermin gehofft. „Seit Dezember habe ich das Haus nicht mehr verlassen“, sagt sie. Angst vor Nebenwirkungen hat sie nicht.

Auch Ingrid Pinger (83 Jahre) möchte sich so schnell wie möglich impfen lassen gegen Covid-19. „Mein Arzt hat mir dazu geraten, weil ich wegen einer chronischen Erkrankung zu den Hochrisikopatienten gehöre“, erzählt sie. Dass da morgens ein riesiger Ansturm auf die Telefonleitungen stattfinden würde, damit habe sie schon gerechnet. Die Bönenerin wollte es mittags per Telefon versuchen nach dem ersten Andrang – da waren aber schon alle Termine vergeben. „Im Internet bin ich nicht so firm“, gesteht sie. Impfen lassen will sie sich aber auf alle Fälle. „Es ist einen Versuch wert, man klammert sich an jeden Strohhalm.“ Schließlich will sie die Zeit, die ihr bleibt, nicht nur zu Hause verbringen.

Auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung kam es immer wieder zu Abstürzen.

Marga Schänzer (87 Jahre) gehört ebenfalls zu den zahlreichen Bönenern, die bei der Impf-Lotterie am Montag leer ausgegangen sind. „Blöd gelaufen“, kommentiert sie die Aktion, die Senioren und Angehörige teilweise stundenlang an die Telefone und Laptops fesselte – mit dem Erfolg, dass sie am Ende keinen Termin erhielten. Weil auch sie die Anmeldung auf der Internetseite nicht alleine hätte durchführen können, hatte sie sich Hilfe von Tochter Sabine geholt. Die sei zwar berufstätig, musste sich am Montag aber die Zeit nehmen.

Anmeldungen sind täglich möglich

1253 Personen Menschen über 80 Jahre, die nicht in einer Pflegeeinrichtung wohnen, leben aktuell in der Gemeinde Bönen. Sie wurden mit einem Schreiben der Gemeinde aufgefordert, telefonisch oder im Internet ab Montag einen Impftermin für das Impfzentrum in Unna auszumachen.

700 Zugriffe pro Sekunde auf die Webseiten zur Buchung einer Corona-Impfung und 250 000 Anrufe bis 8.30 Uhr bei der Hotline 0800/116 117 02 führten dazu, dass das Netz zusammenbrach“, teilt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit. Inzwischen wurde das System heruntergefahren und höhere Serverkapazitäten freigegeben. Die telefonische Terminvergabe ist täglich zwischen 8 und 22 Uhr möglich, online rund um die Uhr. Jeden Tag werde der Impfkalender um einen neuen Tag mit Terminen ergänzt. Jeder, der geimpft werden möchte, wird drankommen, versichert die KV, aber eben nicht sofort.

Auch Achim Werth hat den Montag seit 8.30 Uhr abwechselnd am Telefon und im Internet verbracht, um für seine Schwiegermutter Frieda Mueller (91 Jahre) einen Impftermin zu machen. Ihr Schwiegersohn forderte zunächst mehrfach den nötigen Code im Internet an, um online einen Termin machen zu können. „Als der endlich per Mail ankam, teilte mir die Seite einen System-Error mit!“ Um kurz nach 10 Uhr habe ihm die Internetseite dann mitgeteilt, dass es keine Impftermine mehr gäbe. Er hat die Seite offengelassen – und hatte Glück. „Plötzlich konnten wir doch noch einen Impftermin auswählen.“

Am Ende gab es auch für meine Schwiegereltern noch ein Happy End: Der Gatte versuchte es am Nachmittag noch einmal online. Und siehe da, nach dem großen Ansturm am Vormittag kam er tatsächlich durch. Er erhielt die nötigen Codes und konnte am Ende für seine Eltern Impftermine eingeben.

Nach dem ersten Ansturm hatte die KV das System offline gestellt, wie eine Sprecherin mitteilt, und zunächst einmal alle abgefertigt, die einen Code aber keinen Termin hatten, um Doppeltermine zu vermeiden. Nachmittags liefen die Server wieder mit erhöhter Kapazität. In Zukunft soll das System zuverlässiger laufen.

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