27. März 1945: Bombenangriff auf Bönen

Bunker wird zur zur Todesfalle: Jürgen Klein überlebt als Kind Massenpanik

Zeche Königsborn III/IV nach der Bombardierung 1945
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Die Bombardierung am 27. März 1945 zerstörte Teile der Zeche Königsborn III/IV, hier die Waschkaue.

Bönen – Was kaum noch jemand weiß: Samstag genau vor 76 Jahren erlebt Bönen – damals die beiden Gemeinden Altenbögge und Bönen – die größte Katastrophe in ihrer Geschichte. Am 27. März – als der Zweite Weltkrieg sich bereits seinem Ende nähert – fliegen alliierte Bomberverbände noch einen schweren Angriff auf die Gemeinde, bei dem über 70 Menschen ihr Leben verlieren, hinzu kommen Hunderte Verletzte. Bei einer Massenpanik in einem Bunker in Altenbögge werden alleine 22 Menschen getötet.

Am 27. März 1945 heulen gegen 13 Uhr wieder einmal die Sirenen: Voralarm. Das gibt es in dieser Zeit häufig. Doch das Signal findet bei den kriegsmüden Menschen kaum noch Beachtung, was sich als fataler Fehler herausstellen soll. Bis dahin ist immer wieder Voralarm ausgelöst worden, ohne dass Bönen oder Altenbögge betroffen sind. Auch als der Rundfunk an diesem Tag einen feindlichen Bomberverband im Anflug auf den Raum Dortmund-Unna meldet und Vollalarm ausgelöst wird, glaubt kaum jemand, dass Bönen das Ziel ist.

Niedergetrampelt und zu Tode gequetscht

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, die Bomber werfen diesmal ihre tödliche Fracht über der Gemeinde ab. Der Bombenangriff trifft die Bönener und Altenbögger trotz Vorwarnung aus heiterem Himmel. Während die herabfallenden Bomben nicht nur die Zeche Königsborn III/IV als kriegswichtigen Energielieferanten, sondern auch viele Wohnhäuser trafen, begreifen die Menschen den Ernst der Lage und flüchten in Richtung Bunker.

Auch viele private Wohnhäuser werden bei dem Bombenangriff in Bönen zerstört.

Während der Zustrom der Menschen am Eingang Mittelstraße, wie Zeugen später berichten, verhältnismäßig geordnet verläuft, kommt es am anderen Stollentor zu einer Massenpanik. Hunderte Menschen drängen mit Gewalt in den Bunker, um sich vor dem Bombenhagel in Sicherheit zu bringen. Sie befürchten, dass die eiserne Tür geschlossen werden könnte, bevor sie den sicheren Bunker erreichen, und drängen weiter nach vorne. Viele Menschen werden niedergetrampelt oder zu Tode gequetscht.

Jürgen Klein hat die Bilder der schrecklichen Ereignisse bis heute im Kopf.

Zeitzeuge Jürgen Klein entgeht als Kind nur knapp dem Tod

Der Bönener Jürgen Klein (80) hat die Bombardierung am 27. März 1945 als Kind im Bunker an der Mittelstraße in Altenbögge hautnah miterlebt. Er kann sich an die Massenpanik, bei der 22 Menschen starben, noch gut erinnern. Er wurde 1940 in Holzwickede geboren, seit 1941 lebt er in Bönen. Seine Enkelin Josephine Klein sprach mit dem Zeitzeugen über seine Erinnerungen an den schwärzesten Tag der Gemeinde.

Wie viel hast du vom Krieg miterlebt?

Bewusst die letzten zwei Jahre.

Wie hast du dich gefühlt, wenn Fliegeralarm war?

Erst mal durfte man als Kind nur vor dem Haus spielen und musste in der Nähe bleiben, falls Alarm kommt. Als Kind wusste man, dass man in Gefahr war, wenn der Alarm losging. Die Angst war ja immer da, denn das kam von den Erwachsenen. Wir sind auch angezogen ins Bett gegangen in den letzten zwei Kriegsjahren, das weiß ich noch. Über das Radio hörte man, dass Tiefflieger ins Ruhrgebiet flogen. Bei Alarm waren sie schon ziemlich nah, bei Vollalarm waren sie praktisch da. Und wenn man zum Bunker lief, dann konnte es passieren, dass Tiefflieger die Bahnhofstraße entlang flogen. Dann musstman sich in Nischen verstecken.

Wo waren Bunker in Bönen?

Der Bunker war in Altenbögge an der Bahnhofstraße, bei Bartmann ging’s rein, und an der Mittelstraße. Der war eigentlich gedacht, so weiß ich das, für Zechenangehörige, damit sie auch während der Schicht dahin flüchten konnten.

Hast du noch Erlebnisse vom Bunker im Kopf?

Ja, das war der 27. März 1945. Wir sind bei Voralarm zum Bunker gelaufen, das heißt, unsere Oma brachte uns immer zum Bunker – meine Mutter, meinen Bruder und mich. Ich erinnere mich, dass es ein sonniger Tag war und oben vor dem Bunker standen Rotkreuz-Helferinnen. Sie unterhielten sich und lachten. Einer habe ich noch etwas zugerufen, weil es unsere Nachbarin war.

Wir sind in den Bunker runter gegangen, zunächst steil abwärts. Dann war da ein Absatz, danach ging es wieder steil abwärts und schließlich rechts um die Kurve. Als wir den ersten Absatz erreicht hatten, waren kaum Leute da, es sind uns sogar noch welche entgegen gekommen. Wir hörten auf einmal Schreie. Ich habe mich umgedreht, das weiß ich noch ganz genau. Da war ein Tumult und der ganze Bunkereingang schwarz von Menschen. Meine Mutter zog mich weg. Mein Bruder hing hinter einem Vorsprung fest, den hat sie an den Haaren herausgezogen. Dann schafften wir es, weiter in den Bunker hineinzukommen. Dort sind eine Zeit lang geblieben, ich weiß nicht mehr wie lange. Dann hörten wir auch schon, dass es Tote gegeben hat. Und als wir wieder nach oben kamen, hörten wir, dass links in der Turnhalle 22 Tote liegen sollten. Wir gingen daran vorbei und wussten, dass da die Toten liegen. Das war schon schlimm.

Wie ist das passiert?

Hinterher wurde gesagt, der Märtens, das war der Besitzer des Schuhgeschäfts an der Zechenstraße, sei gestolpert. Der war ziemlich korpulent. Ich kann mich an ihn noch erinnern, weil es unüblich war, im Krieg dick zu sein. Es gab ja nicht viel zu essen. Der Märtens sei zuerst gefallen im Eingang des Bunkers, hieß es. Als alle vor den Bomben in den Keller flüchteten, sind die anderen einfach über ihn weggetrampelt. Soldaten sind an die Lichtleitungen gesprungen und wollten sich daran runter hangeln, aber die Leitungen sind gerissen. Das war total chaotisch.

Kanntest du die Opfer?

Ich habe eine Nachbarin gesehen, die war drei, vier Jahre älter als ich. Sie lebte noch, aber ihr ganzes Gesicht war blutig und zertreten. Aber sie ist heile herausgekommen. Eine Tochter des Metzgers Stura ist totgetreten worden und auch viele, die man nicht kannte. Aber Stura kannte man, weil man da als Kind schon mal ein Stück Wurst kriegte.

Während die Menschen im Bunkereingang um einen sicheren Platz kämpfen, regnet es Sprengbomben. Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm: Nahezu alle Fensterscheiben im Ort platzen unter der Druckwelle, Schornsteine werden abrasiert. Der Bahnhof versinkt in Schutt und Asche. Häuser entlang der Bahnhofstraße und am Kletterpoth sind zerstört. Auch das Zechengelände wird von Bomben getroffen.

Nach 15 Minuten ist der tödliche Angriff vorbei

Bei all der Verwüstung hat Bönen noch Glück, weil an diesem Tag keine Brandbomben abgeworfen werden. Außerdem geht ein großer Teil der Bomben auf unbewohntem Gelände nieder. Der ganze Luftangriff dauert kaum eine Viertelstunde, dann ist der Spuk vorbei. Militärisch hat die Aktion keine Bedeutung, dennoch verlieren mehr als 70 Menschen aus der Zivilbevölkerung, auch Frauen und Kinder, ihr Leben. Allein die Massenpanik am Eingang zum Bunker hat mindestens 22 Todesopfer gefordert. Dazu kommen Hunderte Verletzte. Wie viele ausländische Zwangsarbeiter ums Leben kommen, die auf der Zeche arbeiten müssen, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass viele russische Kriegsgefangene im Kesselhaus der Zeche nach den Bombeneinschlägen durch kochendes Wasser oder ausströmenden Dampf umkommen.

Nicht einmal eineinhalb Monate später, am 8. Mai 1945, endet der Zweite Weltkrieg.

Recherche: Dr. Ulrich Heitger

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