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Nach Lieferstopps: GSW zählen Hunderte Neukunden bei Strom und Gas

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Von: Jürgen Menke

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Unterschiedliche Tarife: Beim Arbeitspreis für Strom zahlen GSW-Neukunden in der Grundversorgung das 2,5-Fache dessen, was Bestandskunden entrichten müssen. Beim Gas ist die Differenz nicht ganz so hoch, wenngleich die absoluten Kosten in diesem Bereich deutlich höher ausfallen.
Unterschiedliche Tarife: Beim Arbeitspreis für Strom zahlen GSW-Neukunden in der Grundversorgung das 2,5-Fache dessen, was Bestandskunden entrichten müssen. Beim Gas ist die Differenz nicht ganz so hoch, wenngleich die absoluten Kosten in diesem Bereich deutlich höher ausfallen. © Sina Schuldt/dpa

Böses Erwachen für etliche Bürger, die beim Strom- und Gaspreis ein Schnäppchen machen wollten: Vertragskündigung, weil der Anbieter lieber andere Versorger mit höherer Marge bedient. Stattdessen nun happige Einstiegspreise beim Grundversorger.

Kreis Unna – Im Zuge der jüngsten Lieferstopps von Billiganbietern im Energiesektor verzeichnen die Gemeinschaftsstadtwerke (GSW) Kamen, Bönen, Bergkamen Hunderte Neukunden. Diese berappen nun in der Grundversorgung – gerade beim Strom – einen deutlich höheren Preis als jene im Bestand. Die Verbraucherzentrale in Kamen rät zu einem schnellen Tarifwechsel.

Über Nacht wohl Hunderte Neukunden

Konkrete Zahlen nennt der hiesige Grund- und Ersatzversorger nicht. Nur so viel: Jeweils dreistellig sei die Summe derer, die nach einer abrupten Kündigung durch den vormaligen Anbieter zu den GSW gewechselt seien. Gemessen an der Anzahl der Zähler im Versorgungsgebiet (Strom: rund 65 600, Gas: etwa 22 200) seien das wenige, heißt es. Gleichwohl wurde ein eigener, höhere Tarif für diese Klientel eingeführt.

Strompreis mit Faktor 2,5

Strom-Neukunden in der Grundversorgung wird aktuell ein fast zweieinhalb Mal höherer Arbeitspreis in Rechnung gestellt als Bestandskunden. Beim Gas ist der Wert rund anderthalb mal so hoch. Die GSW rechtfertigen dies mit massiv gestiegenen Einkaufspreisen, die fällig würden, weil man sich kurzfristig am Markt mit zusätzlicher Energie habe eindecken müsse. Die Mengen für die Bestandskunden seien größtenteils vor der Preisexplosion eingekauft worden.

GSW: Schutz der Bestandskunden

„Unsere Entscheidung hinsichtlich einer preislichen Differenzierung erfolgte auch mit Blick auf den (berechtigten) Schutz unserer Bestandskunden“, betonen die GSW. „Wir wollen das hohe Energiepreisniveau für Neukunden nicht über alle Kunden sozialisieren.“ Viele Stadtwerke sind in ähnlicher Weise verfahren. Eine Marktstichprobe der Verbraucherzentrale NRW Mitte Januar ergab, dass 18 von 23 untersuchten Strom-Grundversorgern Neukundentarife eingeführt hatten. Exemplarisch hat der Verband drei Unternehmen abgemahnt und geht jetzt gerichtlich gegen sie vor.

Gerichte sind schon eingeschaltet

Eine Ungleichbehandlung der Kunden in der Grundversorgung verstößt nach Ansicht der Verbraucherzentrale gegen geltende Vorschriften des Energierechts. Auch widerspreche sie dem eigentlichen Schutzzweck der Ersatzversorgung.

Bei den GSW sieht man das anders. Hier will man nicht für Energiediscounter, die ihre Kunden im Regen stehen lassen, klaglos die Kohlen aus dem Feuer holen. „Wir können die Vorwürfe der Verbraucherschützer an dieser Stelle nicht nachvollziehen, da hier die Kritik an die falsche Seite gerichtet wird“, heißt es. Gerade die örtlichen Stadtwerke und Netzbetreiber stellten eine konstante Versorgung sicher.

Keiner plötzlich ohne Strom oder Gas

„Niemand in Kamen, Bönen oder Bergkamen muss fürchten, plötzlich ohne Strom oder Gas dazustehen“, so die GSW. Das betriebswirtschaftliche Risiko dürfe aber nicht auf die seriösen Stadtwerke abgetreten werden, während andere Akteure auf hohe Gewinne spekulierten.

„Eine Ungleichbehandlung entsteht nicht durch die Stadtwerke, sondern durch Energieanbieter mit kurzfristigen Interessen“, unterstreichen die GSW. Die aktuellen Überlegungen der Politik, dass Energieversorger Lieferstopps künftig mit mehrmonatiger Frist ankündigen müssen, gehen für den hiesigen Grundversorger „in die richtige Richtung“.

Verbraucherschützer stark gefragt

Die Verbraucherzentrale in Kamen bekommt täglich bis zu zehn Anfragen rund um die Energieversorgung. „Das Thema ist riesengroß, der Markt total in Aufruhr, es herrschen teils chaotische Zustände“, schildert Beraterin Jutta Eickelpasch. Oft seien die Hilfesuchenden schier verzweifelt, wenn es etwa um exorbitant gestiegene Preise oder höherer Abschläge gehe, die einem plötzlich abgebucht würden. Nicht selten würden Tipps zur Energieeinsparung eingeholt.

Wer ständig vergleicht, sollte fit sein

Auch beim plötzlichen Lieferstopp werde auf Beratung zurückgegriffen. Wer mithilfe des Internets und seiner Vergleichsportale Energie-Hopping betreibe, sei aber in der Regel nicht auf den Mund gefallen und wisse sich zu wehren, sagt Eickelpasch. Sie rate ganz generell dazu, nicht lange in einer Grundversorgung zu bleiben, weil deren Tarife immer höher seien als die übrigen.

Den GSW-Neukunden hilft dieser Ratschlag nur bedingt. Ein Tarifwechsel innerhalb des Unternehmens ist ihnen zunächst nicht erlaubt. Das wird sich laut Kai Kruppa, Centerleiter Organisation, erst ändern, wenn die Marktpreissituation es zulasse und „solide Kalkulationsgrundlagen“ vorlägen. Zu diesem Zeitpunkt würden die GSW mit entsprechenden Angeboten auf die Betroffenen zugehen. Natürlich wolle man die Neukunden „nicht strukturell benachteiligen“.

Diese haben nun zwei Möglichkeiten: abzuwarten oder weiterzuziehen. Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter sei in der Grundversorgung mit einer täglichen Kündigungsfrist von 14 Tagen kein Problem, heißt es. Aber: Die Tarife für Neukunden sind generell stark angestiegen.

Lob für das Prinzip Grundversorgung

Beraterin Eickelpasch sagt, sie sei weit davon entfernt, den Grundversorgern angesichts höherer Preise für Neukunden Abzocke vorzuwerfen. Erst einmal sei es „etwas ganz Wundervolles“, dass Verbraucher, denen das Blaue vom Himmel versprochen und dann der Hahn abgedreht wurde, in einer Grundversorgung lande. Eine Ungleichbehandlung sei dennoch nicht zu akzeptieren.

Sorge, dass es noch dicker kommt

„Wir raten nicht per se zum Anbieterwechsel“, betont Eickelpasch. Generell sollte man in Energiefragen nichts überstürzen, bei der Anbieterwahl auf Seriosität und auf kurze Vertragslaufzeiten achten. Das dicke Ende für manch Haushalte sieht sie noch kommen. „Heute reden wir über Zahlen, morgen über Geld, das vielleicht nicht vorhanden ist.“

Die GSW lassen wissen, dass sie sich der Argumentation des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft sowie des Verbandes kommunaler Unternehmen anschließen. Die hatten die Grundversorger in Schutz genommen. Von heute auf morgen hätten sie zusätzliche Strom- oder Gasmengen einkaufen müssen.

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