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Da steht ein Pferd vor der Theke: In der Gaststätte Middendorf war immer was los

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Von: Karl Löbbe

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Aussenansicht Gaststätte Middendorf
Immer noch präsentabel, wenn auch sanierungsbedürftig: Die Gaststätte Middendorf. © Löbbe Karl

Die Geschichte der ehemaligen Gaststätte Middendorf in Altenbögge ist eng mit der ehemaligen Zeche verbunden und dem steten Wachstum der Gemeinde. Das Haus war zeitweise Poststelle und Klassenraum, der Saal diente als Kino und Kleiderfabrik. „Hier war immer was los“, erinnert sich der ehemalige Wirt. Sogar ein Pferd besuchte mal in die Kneipe.

Bönen – Wie es genau dazu kam, dass das Pferd des früheren Kohlenhändlers Heinz Pluta plötzlich an der Theke stand, kann sich Gastwirt Gerd Middendorf bis heute nicht erklären: „Die Eingangstür stand wohl offen. Irgendwer oder irgendwas muss das Pony dazu gebracht haben, die Treppenstufen hinauf zu klettern. So gelangte es in den Gastraum. Nur mit Mühe einiger Gäste und allerhand Tricks brachten wir es wieder auf seine Weide hinter unserem Haus. Es hatte auch nichts bestellt.“

Das ist nur eine Episode aus dem Kapitel Bönener Bau-und Gesellschaftsgeschichte, wie sie das traditionsreiche Gasthaus Middendorf am Ortseingang an der Bahnhofstraße Nr. 32 erzählt. Erbaut wurde das Haus noch vor 1900 von Bauer Beukelmann. In offensichtlich weiser Voraussicht hinsichtlich der kommenden Entwicklung der Zeche Königsborn richteten dessen Stiefsöhne Wensmann in dem zweigeschossigen, fünfachsigen Backsteinbau im Stil der Neorenaissance eine Gaststätte ein. Diese bot all denjenigen Gelegenheit für eine Pause, die einerseits als Gewerbetreibende, Kaufleute oder Handwerker aus Richtung Unna, Kamen oder Hamm nach Bönen-Altenbögge kamen.

Kneipe für die Kolonie

Andererseits entstand gleich nach dem Abteufen der Zeche im Jahre 1899 die erste sogenannte „Kolonie“ mit Ost-, Nord-, Mittel- und Zechenstraße. Es folgte sogleich die nächste, die unter dem Begriff „Kapkolonie“ bekannt wurde, mit Gustav-, Blank-, Hugo- und Adalbertstraße. Dazu die von West nach Ost reichende Häuserreihe entlang der Bahnhofstraße vom ehemaligen Gelände der Goetheschule bis zum früheren Lebensmittelgeschäft Hessmann, heute „Cariert“.

Gerd Middendorf vor der ehemaligen Gaststätte Middendorf
Bis 2015 führte Gerd Middendorf die Gaststätte, dann wurde sie verkauft. © Löbbe Karl

Schon bald war das „Wirtshaus“ ein beliebter Treffpunkt für die immer größer werdende Anzahl der Kumpel und eines stetigen Zuzugs neuer Nachbarn, ausgelöst durch die wachsende Zahl an Arbeitsplätzen auf der Schachtanlage und den zügigen Wohnungsbau. Großer Anziehungspunkt war der geräumige Saal mit seinen 700 Quadratmetern Nutzfläche, vor allem für Feiern von Vereinen und Privatleuten.

Poststelle, Unterrichtsraum und Arztpraxis

„Zu Anfang gab es sogar eine Poststelle im Haus. Und im ersten Stock wurde eine Schulklasse unterrichtet,“ weiß Gerd Middendorf aus Berichten seiner Eltern. „Auch der langjährige Bönener Arzt Dr. Eichler hatte seine erste Praxis in diesem Hause.“ Erich und Margret Middendorf hatten die Gaststätte 1954 übernommen und führten sie bis 1965. Dann übernahmen Sohn Gerd und Schwiegertochter Marlies die Arbeit.

Eigentlich war Gerds Großvater der Auslöser für die Middendorf-Dynastie. 1928 hatte das Kamener Gastwirtsehepaar Fritz und Käthe Emanuel das Haus von den Wensmanns gekauft. Durch die spätere Heirat der Tochter Margret mit Erich Middendorf kam es zu dem neuen Besitzernamen.

Theater, Karnevalsfeiern und Sängerfeste im Saal

„Bei uns war immer was los,“ erinnert sich Gerd Middendorf. „Vor allem der große Saal machte das möglich. Es gab Theaterproben, Schützen- und Sängerfeste wie auch Karnevalsfeiern und die Pfarrfamilienfeste der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius. Das Essen anlässlich der Einweihungsfeier des neuen Kirchengebäudes mit Kardinal Jäger gab’s auch bei uns.“

Es kamen die Knappen-, Kaninchen-, Tauben- und Sportvereine. Vor allem an „TV Arminius“ erinnert er sich gut (heute TuS Bönen): „Wir hatten Ringer und Turner hier, Boxveranstaltungen zogen viele Zuschauer an.“ Legendär sind die Skat- und Doppelkopfspieler. Es verging nicht ein Tag, in dem im Haus Middendorf nicht an irgendeinem Tisch die Karten „gekloppt“ wurden. Vor allem natürlich an den „Stammtischen“ wurde bis zur Schließung der Gaststätte gespielt, „was das Zeug hielt“, so Middendorf. Vor allem nach dem Sonntagsgottesdienst war allerhand los. Punkt 13 Uhr war allerdings Schluss.: „Dann hatten die Männer zu Hause zu sein.“

Kino und Kleiderfabrik

Von 1951 bis 1959 wurde der Saal für Kinovorführungen verpachtet. Das „Union-Theater“ war damit eines von vier Kinos in der Gemeinde. Anschließend zog für 25 Jahre die Kleiderfabrik Nienhaus & Luig in das Gebäude. Später wurde der Anbau als Veranstaltungsort aufgegeben.

Bis 2015 führte Gerd Middendorf die Gaststätte weiter. Dann war Schluss. Es wurde verkauft. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.

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