Bönens Bürgermeisterkandidaten stehen im Livestream Rede und Antwort

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Stephan Rotering und Thomas Semmelmann wollen Bürgermeister bleiben, beziehungsweise werden. Fabian Lauer von der IHK fragte nach ihren Zielen.

Bönen – Weißes Hemd, Jeans, blaues Sakko: Bei der Frage, was ein Bürgermeisterkandidat anzieht, wenn er zu Gast beim IHK-Wirtschaftsgespräch ist, waren Stephan Rotering und Thomas Semmelmann sich am Donnerstagabend einig. Und auch sonst: Einen echten Schlagabtausch gab es im Haus der IHK in Dortmund nicht.

Dort hatten die Organisatoren ein provisorisches Studio aufgebaut, um das Gespräch live im Internet zu übertragen. Eine Veranstaltung wie in den vergangenen Jahren mit bis zu 80 Teilnehmern war coronabedingt nicht möglich.

Stefan Schreiber, Geschäftsführer der IHK Dortmund kündigte die Diskussion ganz richtig als wirtschaftspolitische Gesprächsrunde an – auch wenn es mit der Frage „Wer wird Chef im Bönener Rathaus?“ überschrieben war. Rotering und Semmelmann beantworteten – moderiert von IHK-Regionalbetreuer Fabian Lauer – sachlich die Fragen, die ihnen von Bönener Unternehmern und Zuhörern aus dem Chat gestellt wurden. Vieles drehte sich um die Gewerbegebiete, um Ansiedlungen und den Wirtschaftsstandort Bönen.

Die Mitte beleben

Doch auch die Gemeindemitte war Thema. Dort verschwinden immer mehr Geschäfte, die Ladenlokale stehen leer. Und der Wochenmarkt hat Probleme, überhaupt noch Kunden und Händler anzulocken. „Das ist kein Bönener Phänomen“, bezog sich Rotering zunächst auf die Leerstände. In vielen Kommunen sei das zu beobachten. Ein Patentrezept, wie sich dieses Problem lösen lässt, habe er nicht. „Es sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen, unter anderem die Kaufkraft. Damit liegen wir in Bönen deutlich im unteren Viertel in NRW“, machte er klar. Dann grabe der Online-Handel den Geschäften die Kunden ab. Seine Idee ist, die bestehenden Geschäfte in der Mitte zu zentrieren, um Lücken zwischen den Schaufenstern zu schließen. Dafür sollten leer stehende Läden in den Außenbereichen mit Förderprogrammen zu Wohnraum umgebaut werden. Der Verwaltungschef verwies auf den Citymanager, der sich seit Anfang des Jahres in Kooperation mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises (WFG) in Bönen darum kümmern soll.

Ob das die richtige Lösung ist, darauf wollte Thomas Semmelmann nicht eingehen. Er machte vielmehr die Geschäftsgrößen als ein Problem aus. „Sie sind meistens zu klein. Man müsste sich daher die Gebäude anschauen und gucken, ob sich Räume nicht zusammenlegen ließen.“ Attraktivität sei ein anderer Punkt. „Insbesondere der Markt am Mittwoch wird von den Beschickern sehr dürftig besucht. Dies gilt es zu attraktivieren.“ Diese Aufgabe sieht Semmelmann ebenfalls beim Citymanager. „Und es muss mehr Werbung gemacht werden für den Markt.“ Freies W-Lan in der Fußgängerzone sei ein weiterer Faktor, ebenso wie sichere Fahrradparkplätze. Dass es in der Mitte bereits kostenloses W-Lan gibt, wusste der Bergkamener offenbar nicht. Rotering zeigte sich besser informiert, er sitzt aber schließlich auch seit fünf Jahren im Chefsessel der Gemeindeverwaltung vor Ort. Der passionierte Radfahrer Semmelmann ist in den vergangenen zwölf Monaten zwar schon 3000 Kilometer mit dem Rad durch die Gemeinde geradelt, diesen Vorsprung konnte er damit aber nicht wettmachen.

Industriegebiet und Ortskern verbinden

„Ich denke daran, Unternehmerstammtische zu etablieren, bei dem nicht nur die Unternehmen aus dem Gewerbegebiet mit dabei sind, sondern auch die Unternehmen, die in der Ortsmitte ansässig sind“, schlug Semmelmann so auf die nächste Frage hin vor. Solche Stammtische gibt es bereits, die Bönener Interessengemeinschaft (BIG) lädt regelmäßig Firmen im Industriegebiet mit ein.

Für die beiden „Welten“, die noch immer wenig verbindet, sieht Stephan Rotering das Pendeln als Hauptursache. Die wenigsten Menschen, die im Industriegebiet arbeiten, leben in der Gemeinde. Einen konkreten Vorschlag, wie sich eine Annäherung erreichen ließe, hatte er aber nicht.

Glasfasernetz im Gewerbegebiet

„Es hat ja schon mehrere Versuche gegeben, das Gewerbegebiet an das Glasfasernetz anzuschließen“, wusste Thomas Semmelmann. „Da darf man jetzt nicht nachlassen und muss gucken, wie man die Fördergelder dafür nach Bönen holt.“ Rotering verwies dazu auf das Förderprogramm zur Beseitigung der Weiße Flecken, bei dem die Gemeinde mit Kamen und Bergkamen zusammenarbeitet. „Insgesamt fließen rund 1,8 Millionen Euro nach Bönen für den Ausbau der Gewerbegebiete mit Glasfaser“, erklärte er.

Verbesserung der Straßeninfrastruktur

Bei dieser Frage dachten beide Kandidaten in erster Linie an einen zweiten Autobahnanschluss und den Ausbau der B63n. Und beiden ist klar, dass das nur in Zusammenarbeit mit der Stadt Hamm geschehen kann. „Diese Planung ist schon ein paar Jahre alt. Über die Jahrzehnte hat sich unser Gewerbegebiet aber entwickelt, und wir haben Wahnsinnsverkehre. Aber dafür den Anschlusspunkt Nordbögge zu nutzen, stellt sich problematisch dar, weil diese Anschlussstelle die Verkehre gar nicht mehr aufnehmen kann“, sieht Rotering die B63n nicht als „Heilmittel“. Es müsse eine andere Lösung her, etwa eine Anschlussmöglichkeit nördlich der A2 auf Bönener Gebiet, damit die Verkehre direkt auf die A2 abfließen können.

Sein Herausforderer will das Übel an der Wurzel packen, Verkehre nämlich gar nicht erst entstehen lassen. Er will gemeinsam mit den Unternehmen eine Online-Plattform für Fahrgemeinschaften entwickeln. Außerdem würde er den Haltepunkt Nordbögge gerne als Mobilitätspunkt ausbauen. „Mir schwebt vor, dort ein Leihradsystem zu etablieren und einen Pendelverkehr aufzubauen, um die Straßen zu entlasten“, so Semmelmann. Und: „Wir sehen hier überall die E-Scooter. Die könnten genutzt werden, um von den Gewerbegebieten mal eben in den Ortskern zu fahren.“

Die Fragen der Bönener Unternehmer wurden eingespielt.

Sauberkeit im Gewerbegebiet

Das Gewerbegebiet wird immer wieder von Lkw-Fahrern genutzt, um dort länger zu parken. Das bringt eine Menge Problem mit sich. Eine spontane Lösung fiel beiden Kandidaten nicht ein. „Kurzfristig kann ich mir vorstellen, mit den Menschen, die dort parken, zu reden und zusätzliche Papierkörbe aufzustellen. Eine schnelle Lösung, die über einen Autohof abzuwickeln wäre, ist nicht so schnell umzusetzen“, sagte Semmelmann.

Rotering sprach sich eindeutig gegen einen Autohof aus, „weil wir damit noch zusätzlich Verkehr anziehen.“ Es sei erst mal wichtig, zu wissen, wer da parkt. Das prüft derzeit die WFG mit einer Befragung. „Wenn Bönen das Ziel der Fahrer ist und sie hier nicht nur auf neue Aufträge warten, dann müssen wir mit den Unternehmen sprechen, damit Sozialräume auf den Betriebsgeländen angelegt werden. Einige machen das schon, in einigen Fällen aber mit negativen Erlebnissen. Konzeptionell kommen wir nur weiter, wenn wir das Problem insgesamt im Kreis angehen.“

Digitalisierung an den Schulen

Das Thema hat in der Pandemie-Zeit noch mal eine neue Bedeutung bekommen. Für Semmelmann ist es deshalb wichtig, dass nicht nur schnelle Leitungen liegen, sondern an den Schulen einheitliche Plattformen genutzt werden. Außerdem müssten Schüler aus finanzschwachen Haushalten mit Endgeräten ausgestattet werden. Reichen die Fördergelder nicht, will Semmelmann bei den hiesigen Unternehmen um Spenden bitten.

Für Rotering ist nach wie vor die Infrastruktur Dreh- und Angelpunkt. „Alle Schulen in Bönen erhalten einen Gigabit-Anschluss. Das ist im Förderprogramm zur Beseitigung der weißen Flecken mit inbegriffen. Für ihn bedeute Digitalisierung aber nicht, alle Schüler mit einem Tablet auszustatten. „Natürlich gibt es finanzschwache Haushalte, da muss natürlich geregelt sein, dass die so ein Gerät bekommen.“

Herausforderungen am Arbeitsmarkt

Für den amtierenden Bürgermeister ist der Fachkräftemangel die größte Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt, der es zu begegnen gilt. Für Semmelmann ist das „kalter Kaffee“: „Ja, vor Corona war das so. Jetzt ergibt sich ein anderes Bild“, ist er sich sicher. Die gesamte Arbeitswelt sei im Begriff, sich zu ändern. „Wir werden eine Situation haben, wo die Menschen den Arbeitsplatz auch zu Hause haben. Viele Dienstreisen sind gar nicht notwendig. Das alles jetzt zurückzudrehen, ist gar nicht im Sinne der Unternehmen.“

Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz

Beim Klimaschutz kommt es auf alle an. „Wir müssen uns fragen, was können wir auf kommunaler Ebene tun, um CO2-Bildung zu vermeiden?“, so Rotering. Das integrierte Klimaschutzkonzept der Gemeinde sei ein Hinweis. Und bei Neuansiedlungen in den Gewerbegebieten seien Photovoltaik-Anlagen ein Faktor, der unbedingt mit einfließen müsse. Damit die Bönener in Sachen Klimaschutz mit anpacken, will die Verwaltung verstärkt Beratungen anbieten, etwa zu Fördermitteln für regenerative Energien. Dafür gebe es den Klimaschutzmanager, dessen Stelle Rotering gerne dauerhaft im Stellenplan etablieren möchte. „Und als Gemeinde müssen wir vorangehen, mit kleinen Schritten. Wir müssen mehr Grün reinholen und Bäume pflanzen.“

Semmelmann sieht viel Potenzial vor Ort im Solarausbau. Es würden nur vier Prozent der Flächen, die zur Verfügung stehen dafür genutzt. „Das ist ein riesiges Pfund, das man mit Förderprogrammen auf den Weg bringen muss.“ Wenn es um die energetische Gebäudesanierung gehe, dann braucht es jedoch Energieberater, die eine weiterreichende Ausbildung haben als der Klimaschutzmanager. Nachhaltigkeit ist für ihn aber nicht nur Umweltschutz: „Es geht auch um Bildung und Ausbildung. Auch das Thema Ernährung spielt eine große Rolle“, so der 59-Jährige.

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