Silke Meyer aus Bönen arbeitet ehrenamtlich im Kinder- und Jugendhospizdienst

Das Leben begleiten

Andrea Welsch, Silke Meyer und Gisela Mensching vom Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Kreis Unna
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Koordinationsfachkraft Andrea Welsch (links) steht der Bönenerin Silke Meyer Mitte) und ihrer ehrenamtlichen Kollegin Gisela Mensching aus Bergkamen als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Kinder gehören zu Silke Meyers Leben. Sie selbst hat zwei, die inzwischen erwachsen sind. Dann sind da noch die Kleinen, die sie in ihrem Beruf als Tagesmutter betreut. Und schließlich gibt es noch einen ganz besonderen Jungen für die Bönenerin. Ihm widmet die 53-Jährige einmal pro Woche ein paar Stunden Zeit als ehrenamtliche Mitarbeiterin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes des Kreises Unna. Zeit, die ihr wichtig ist und ihr Leben bereichert, wie sie sagt.

Für manche klingt das paradox. „Hospiz? Dabei denken viele an sterbende Kinder und fragen mich, wie ich das überhaupt kann“, weiß Silke Meyer. „Dann kläre ich sie erst mal auf.“ Im Gegensatz zum Hospizdienst für Erwachsene, die in der letzten Phase ihres Lebens begleitet werden, ist es nämlich eher selten, dass Kinder in der Betreuung sterben. Die meisten haben lebensverkürzende Krankheiten, für die es keine Heilung gibt. Oft werden die Mädchen und Jungen sowie teils ihre Familien bis ins Erwachsenenalter hinein von den Ehrenamtlichen begleitet. „Die Krankenkasse übernimmt die Kosten dafür bis zum 27. Lebensjahr. Aber wenn der Wunsch besteht, begleiten wir sie auch darüber hinaus noch“, erklärt Andrea Welsch, Koordinationsfachkraft beim Kinder- und Jugendhospizdienst in Unna.

Silke Meyers Schützling ist inzwischen 17 Jahre alt. Kennengelernt haben sich die beiden 2015. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass der Kinder- und Jugendhospizdienst einen Vorbereitungskursus für neue ehrenamtliche Mitarbeiter anbietet. Und da ich mich ehrenamtlich betätigen wollte und etwas von meiner Zeit abgeben wollte, bin ich zu dem Infoabend gegangen“, erzählt sie. „Es war interessant, ich habe sehr nette Leute kennengelernt und bin sofort gut aufgenommen worden“, erinnert sich die Bönenerin.

Noch heute geht Silke Meyer gerne zu den regelmäßigen Treffen der Begleiter. Die finden einmal monatlich statt. Der Austausch untereinander bedeutet ihr und den anderen Mitarbeitern viel. Er hilft, wenn die Situation mal schwierig ist. „Und wir haben immer Spaß, lachen oft“, schildert Silke Meyer. „Danach komme ich jedes Mal ganz entspannt und gelassen nach Hause.“ Daneben hat sie jederzeit die Möglichkeit, die Unterstützung der „Profis“ in Anspruch zu nehmen, wenn es mal Probleme geben sollte oder sie einfach mal ein offenes Ohr benötigt.

Der Kursus hat sie damals intensiv auf ihre Aufgaben vorbereitet. „Ich wusste gleich, dass ich ein Kind betreuen möchte, und zwar nicht in einer Familie, sondern in der Lebensarche“, so die 53-Jährige. „Ich bin berufstätig und muss häufig länger arbeiten. Deshalb habe ich nur an den Wochenenden Zeit. Und wenn ich dann mal nicht kann, weiß ich, dass das Kind dort trotzdem gut versorgt ist. Eine Familie verlässt sich aber vielleicht auf mich. Das würde mich unter Druck setzen.“

Verschiedene Einsatzmöglichkeiten

Der Hospizdienst bietet mehrere Einsatzmöglichkeiten: die Betreuung kranker Kinder in den Familien, aber auch von Eltern und Geschwistern sowie von den Patienten in der Königsborner Einrichtung für schwerst mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche. „So wie die Familien Wünsche äußern können, wie sie sich die Betreuung vorstellen, so dürfen die Mitarbeiter ebenso sagen, mit welcher Aufgabe sie sich am wohlsten fühlen“, erklärt Andrea Welsch. Manche Ehrenamtliche unterstützen den Hospizdienst etwa ausschließlich in der Öffentlichkeitsarbeit, an Informationsständen oder im Büro. Andere möchten die Mütter und Väter entlasten oder sich den Geschwistern widmen und nicht unbedingt dem kranken Kind selbst. Jede Hilfe ist gleichwertig, stellen die beiden Frauen fest. „Die Situation ist schließlich für die ganze Familie belastend“, stellt Andrea Welsch fest.

Silke Meyer besuchte indes die Lebensarche und lernte ihren heutigen Schützling kennen. Der Junge ist schwerstbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen.

Bei ihm wusste die Bönenerin vom ersten Augenblick an, dass es zwischen ihnen passt. „Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört.“ Seitdem sehen sich die Zwei regelmäßig für eineinhalb bis zwei Stunden pro Woche. Silke Meyer geht mit dem Jugendlichen spazieren, liest ihm vor oder hört mit ihm Musik. „Das mag er besonders gerne“, weiß die Ehrenamtlerin. Und sie weiß ebenso, dass er gerne Kinder um sich hat und Hunde toll findet. „Je mehr Krach, desto besser“, sagt die Begleiterin und lacht. Sprechen kann der 17-Jährige selbst nicht. Doch mittlerweile kann Silke Meyer viel aus seinen Gesten und seiner Mimik entnehmen. Sie spürt, wenn es ihm gut geht, er sich freut – oder auch das Gegenteil der Fall ist und er eine Pause benötigt. „Man wird ein eingespieltes Team“, schildert sie. „Das fühlt sich toll an.“

Sie ist der einzige Besuch, den der 17-Jährige bekommt und der ihn aus dem Einrichtungsalltag heraus holt. Das ist nicht bei allen Kindern so, die in der Betreuung des Hospizdienstes sind. Manche werden von ihren Familien an den Wochenenden nach Hause geholt oder Eltern, Geschwister oder Großeltern besuchen sie in Königsborn.

Gutes Vorbild für die eigenen Kinder

Silke Meyer erdet das Zusammensein mit ihrem Schützling, wie sie sagt. Die eigenen Probleme wirken viel kleiner. „Ich fühle mich jedes Mal gut, wenn ich danach nach Hause komme. Es ist ein schönes Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und es ist genau das richtige Ehrenamt für mich.“

Ihre Familie und Freunde finden ihr Engagement gut, selbst wenn sie dafür etwas von der gemeinsamen Freizeit „abknapst“. Für ihren Sohn ist sie sogar ein richtiges Vorbild. „Er hat selbst überlegt, mitzumachen. Aber bislang hat das mit seinem Studium und jetzt mit seinem Beruf noch nicht gepasst. Aber das wird ja vielleicht noch.“

Ihr ist ihr „Betreuungskind“ ans Herz gewachsen. „Zum Geburtstag rufe ich ihn an. Und aus dem Urlaub gibt es eine Grußkarte und auch mal kleine Geschenke“, erzählt sie. Dass sein Leben so viel schwieriger ist, als dass der meisten Kinder und Jugendlichen ist ihr bewusst. Ändern lasse sich das aber leider nicht. „Traurig bin deswegen eigentlich nicht. Wir lachen ja sehr viel zusammen. Und ich glaube, er will kein Mitleid. Das hilft ihm nicht.“ Mit ihm schöne Stunden zu verbringen, Spaß zu haben: Das helfe hingegen schon. „Wenn er einen guten Tag gehabt hat, dann bin ich auch froh.“

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