Gaststätte Timmering schließt nach 115 Jahren ihre Pforten in Bönen

+
Schließt nach 115 Jahren seine Türen: Die Gaststätte Timmering an der Bahnhofstraße

Bönen – Es ist ein Stück Bönener Geschichte, das heute endet. Renate und Klaus Timmering schließen die Türen ihres Gasthofes Haus Timmering an der Bahnhofstraße endgültig ab.

Mit der Gaststätte, dem prägnanten, grün gestrichenen Gebäude an der Bahnhofstraße, verbinden viele Bönener Erinnerungen: an Familienfeiern, Klassentreffen, gemütliche Abende an der Theke, Abendessen in netter Runde oder an Treffen mit den Vereinskollegen. 

Inhaber Klaus Timmering verknüpft noch mehr damit: Es ist sein Leben. Gebaut wurde der Gasthof von Heinrich Timmering, seinem Großvater. Der junge Mann aus Bielefeld-Menninghausen witterte in Altenbögge ein gutes Geschäft. 

Mit dem Abtäufen der Zeche Königsborn III/IV 1899 kamen nämlich nicht nur viele Menschen in den Ort, sondern ebenso ein gewisser Wohlstand. Der rührige Ostwestfale beobachtete die Entwicklung der Zeche genau.

Auf dem Betriebsgelände ließ er zunächst drei große Zelte errichten, in denen er insbesondere die ausländischen Arbeiter versorgte. Das waren vor allem die „Ruhrpolen“, die aus Schlesien, Ostpreußen und Posen auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet gekommen waren, aber auch etliche Italiener. 

Schmucke Bögen und Giebel und ein Adler

Timmering kaufte dann gleich mehrere Grundstücke an der heutigen Bahnhofstraße auf, um dort seinen Gasthof zu bauen. Er beauftragte einen Architekten aus Königsborn mit dem Entwurf eines repräsentativen Gebäudes. 1905 war das mehrgeschossige Haus mit den großen Fensterbögen, hohen Räumen und schmucken Giebeln fertig. Timmering nannte die Gaststätte „Zum Adler“ und krönte einen Giebel passend dazu mit einem steinernen Vogel. 

Schnell etablierte sich die Gaststätte in der Gesellschaft. Vereine, wie etwa der Männergesangsverein Einigkeit Altenbögge, der Rassegeflügelzuchtverein oder der Schützen- und Heimatverein, fanden dort eine Heimat. Und natürlich brachten die Bergleute einen Großteil ihres Lohnes in die Schankwirtschaft. 

Renate und Klaus Timmering verabschieden sich nach vielen Jahren von ihren Gästen und gehen in den wohlverdienten Ruhestand.

Bereits 1918 ließ Heinrich Timmering das Haus deshalb umbauen. Dort, wo heute das Fenster unter dem Adler zu finden ist, wurde der Eingang zum Gastraum für die erste Klasse eingerichtet. Der eigentliche Schankraum war für die zweite Klasse vorgesehen, und im Saal durften sich die einfachen Arbeiter, die dritte Klasse, tummeln. Für die italienischen Gastarbeiter ließ der moderne Wirt sogar noch eine Boccia-Bahn ans Haus bauen. 

1931 übernimmt die zweite Generation das Ruder

Nach seinem Tod 1931 übernahm sein Sohn Rudi Timmering den Gasthof und führte ihn mit seiner Frau Helene auch durch die schweren Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Das Paar bekam zwei Kinder, Tochter Erika und Sohn Klaus. Beide zeigten Interesse an der Gastronomie und begannen nach der Schule mit einer entsprechenden Ausbildung. 

„Wir haben abgemacht, dass derjenige, der zuerst heiratet, auszieht“, erzählt Klaus Timmering. Dass er aber schon sehr früh in die Fußstapfen seines Vaters treten musste, ahnte er damals noch nicht. Nach der Oberen Handelsschule begann er eine Lehre im Hotel Biedermeier.

Nächstes Karriereziel war eine Stelle im renommierten Breidenbacher Hof in Düsseldorf. Doch statt an die Königsallee musste Klaus Timmering wieder zurück an die Bahnhofstraße in Altenbögge. Sein Vater starb 1958 im Alter von 58 Jahren und seine Frau Helene war auf die Mithilfe des Sohnes angewiesen. Der übernahm das Geschäft und änderte den Namen in „Gasthof Haus Timmering“ um. 

Politik, Prominenz und Vereine

Um seine Ausbildung dennoch zu vervollständigen, studierte Klaus Timmering neben der Leitung der Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern vier Semester an der Hotelfachschule in Dortmund. Mit dem Abschluss Hotelkaufmann stand dem Bönener nun eine weitere Tür offen: Ab 1961 arbeitete er 30 Jahre lang jedes Jahr während der Ausstellungszeit in der Direktion der Hannover Messe und wurde schließlich Geschäftsführer des Kongresszentrums. „Ich habe allen namhaften Politikern die Hände geschüttelt“, erzählt der Gastwirt. Doch nicht nur in Niedersachsen begrüßte Klaus Timmering Prominenz.

Auch in der Gaststätte in Bönen gaben sich manche hochrangigen Volksvertreter die Klinke in die Hand, zum Beispiel der spätere Bundespräsident Johannes Rau oder der achte NRW-Ministerpräsident und spätere Bundesminister Peer Steinbrück. Im großen Saal wurden nicht nur Feste gefeiert, sondern es fanden Modenschauen, Ausstellungen und mehr statt.

Dass sich die Gäste – egal ob Bergmann, Schützenkönig oder Berufspolitiker – in den Räumen wohlfühlten, hatte wohl auch immer mit der Küche des Hauses zu tun. Die stand seit 1976 unter der Regie von Renate Timmering. Die attraktive Bambergerin eroberte dabei relativ spät das Herz des Bönener Gastwirtes. Klaus Timmering lernte sie 1975 durch seinen Schwager kennen, der mit Timmerings Schwester in Egloffstein in der fränkischen Schweiz ebenfalls einen Gasthof betrieb. 

Die Fassade der Gaststätte hat sich bis heute kaum verändert

Fritz Heid war ein ehemaliger Klassenkamerad von Renate Timmering, gemeinsam hatten sie die Hotelfachschule besucht. Auch sie stammte aus einer Gastronomenfamilie und kann eine fundierte Ausbildung teils im Ausland vorweisen. Der schüchterne Westfale, der jeden Montag seine Schwester und seinen Schwager in Oberfranken besuchte, gefiel ihr. Andersherum war es genauso – und mit einem üppigen Blumenstrauß warb der damals 36-Jährige um seine künftige Frau. Geheiratet wurde 1976 in Bönen, getraut wurde das Paar von einem Augsburger Pfarrer, ein Bekannter von Renate Timmering. 

Die fränkische Braut ist die Attraktion

Für die Gäste an der Bahnhofstraße war die bayerische Braut erst mal eine Attraktion. „Sie wollten natürlich wissen, wen ich da nach Hause gebracht habe“, erzählt Klaus Timmering und schmunzelt. „Ich war ja lange Junggeselle gewesen.“ 

Seine frisch angetraute Gattin fasste sofort tatkräftig mit an und kreierte aus ihrer bayerischen Kost westfalentaugliche Menüs. Die lockten jahrzehntelang zahlreiche Gäste ins Haus. Als es die gemeinsame Tochter Katrin nach dem Schulabschluss ihren Eltern gleichtat und die Hotelfachschule besuchte, um anschließend Karriere in verschiedenen Hotels zu machen, schien eigentlich eine Nachfolgerin für den Familienbetrieb gefunden zu sein. 

Doch Renate und Klaus Timmering wollten die junge Frau auf keinen Fall dazu drängen, sie sollte ihren eigenen Weg gehen. Und der führte am Ende eben nicht in die Bönener Gaststätte. Zwar bemühte sich das Wirtspaar um geeignete Nachfolger für den Gasthof, doch die haben sie bis heute nicht gefunden. 

Ein Käufer ist noch nicht gefunden

Inzwischen hat Klaus Timmering seinen 80. Geburtstag gefeiert, Renate ist 72 Jahre alt und hat damit gleichfalls das Rentenalter erreicht. Die aktuelle Corona-Krise hat für sie jetzt den Ausschlag gegeben. Nachdem die Timmerings im März bereits die Türen ihrer Wirtschaft aufgrund der Beschränkungen abschließen mussten, wollen sie sie nun auch nicht mehr für Gäste öffnen. Klaus Timmering ist diese Entscheidung besonders schwergefallen, „Das ist ein Stück meines Herzens. Es ist mein Elternhaus und ich habe hier mein ganzes Leben verbracht“, sagt er. „Und es hat mir immer viel Spaß gemacht.“ 

Mittlerweile haben die Beiden jedoch ihre Koffer gepackt – sie ziehen nach Werne-Stockum. Dort wollen sie ihren wohlverdienten Ruhestand genießen und hoffentlich noch lange ihrer Leidenschaft – dem Reisen – nachgehen. Mit dem Verkauf des Hauses ist ein Makler beauftragt, und es gibt durchaus Interessenten, wie Renate Timmering berichtet. 

Gerne hätte sich das Paar von den vielen Stammgästen und Freunden mit einer Feier in der Gaststätte verabschiedet. „Das ist aufgrund der Corona-Beschränkungen nun leider nicht möglich“, bedauert die Wirtin. „Es war uns aber stets eine große Ehre, unseren Gästen schöne Stunden zu bereiten. Es war auch für uns eine schöne Zeit“, bedankt sich Klaus Timmering.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare