Bönener Seniorin traut sich kaum noch ans Telefon

Telefonterror: Was tun, wenn jeden Tag obskure Anrufe Angst machen?

Seniorin mit Telefon
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Beunruhigend, nicht nur nervend ist es, wenn Senioren von Unbekannten unter einer falschen Nummer ständig angerufen werden.

Bönen – Ständig klingelt das Telefon bei Annegret Willert – das nervt nicht nur, das verunsichert auch. Die Bönenerin wandte sich jetzt an den WA, weil sie täglich Anrufe bekommt von einer dubiosen Telefonnummer. Unsere Recherche ergab: Diese Nummer gibt es gar nicht. Das riecht nach Betrug, deshalb haben wir bei den Experten der Polizei nachgefragt, was in so einem Fall zu tun ist.

Seit Wochen klingelt das Telefon regelmäßig jeden Tag vormittags und nachmittags bei Annegret Willert und ihrem Mann. Wer der Anrufer ist, weiß die Bönener Seniorin nicht, denn am anderen Ende wird nur Englisch gesprochen. Auch der Grund für den Anruf liegt bis jetzt im Dunkel. „Ich spreche nicht so gut Englisch“, sagt Annegret Willert, die mittlerweile befürchtet, dass es sich um eine neue Betrugsmasche handeln könnte, mit der ältere Menschen am Telefon abgezogen werden sollen. Was dafür spricht: Die Nummer, die regelmäßig bei ihr im Display des Telefons auftaucht, gibt es offenbar gar nicht.

Verunsichert, was es mit den ständigen Anrufen auf sich hat, wandte sich Annegret Willert schließlich an unsere Redaktion. „Wir trauen uns schon gar nicht mehr, ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt“, erzählt die Seniorin. Die regelmäßigen Anrufe haben was von Telefonterror.

„Es handelt sich immer um dieselbe Nummer 049/632884424, die im Display erscheint“, berichtet Annegret Willert. Eine deutsche Telefonnummer, wie die Länderkennung 049 suggerieren soll – auf den ersten Blick. Die existiert aber gar nicht, wie unsere Recherchen ergaben. Die Ortsvorwahl deutet auf einen Ort in Rheinlandpfalz hin. „Hier handelt es sich wahrscheinlich um Call-ID-Spoofing“, klärt Andreas Kaltenberg von der Abteilung für Kriminalprävention und Opferschutz bei der Kreispolizeibehörde Unna auf. „Die Betrüger schalten eine falsche Telefonnummer auf, die beim Angerufenen im Display erscheint, wie etwa die 110 beim Trick mit dem falschen Polizeibeamten. „Außerdem werden bei inländischen Anrufen keine Länderkennungen angezeigt“, weiß der Experte.

Nach dem falschen Polizeibeamten misstrauisch

Da sie vor einiger Zeit mit solchen Betrügern zu tun hatte, die sich als Polizeibeamte ausgaben und sie versuchten auszufragen, war Annegret Willert jetzt misstrauisch geworden. „Ich war geschockt, wie viele Informationen, die damals über uns hatten“, erzählt sie. Deshalb reagierte sie prompt und legte den Hörer mit der Bitte „rufen Sie uns nicht mehr an“ sofort wieder auf. Ihre Bitte blieb ungehört, denn die Anrufe gingen weiter. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass es sich um einen seriösen Anrufer handelt. Der würde wohl auch auf deutsch kommunizieren.

„Wahrscheinlicher ist, dass es sich um Betrüger handelt, die beispielsweise in Indien sitzen und sich als Microsoftberater ausgeben und eine Fernwartung am Rechner anbieten, um Zugriff auf den heimischen Computer zu bekommen und eine Schadsoftware aufzuspielen“, so Andreas Kaltenberg, der sich täglich mit den perfiden Tricks der Telefonbetrüger beschäftigen muss.

Wer zahlt, sieht sein Geld nie wieder

„Oder es handelt sich um die sogenannte Nigeria-Connection. Da suggerieren die Täter, die in der Regel von Afrika aus operieren, man habe eine fette Erbschaft gemacht, etwa ein Golddepot geerbt. Um an das Geld ranzukommen sei eine Vorauszahlung nötig.“ Wer zahlt, ist sein Geld los, die Erbschaft wird er nie erhalten. Diese Betrugsversuche hätten seit Ausbruch der Coronapandemie spürbar zugenommen, bestätigt der Polizist. „Viele Kriminelle haben ,umgeschult’ von Einbruch auf Betrug“, sagt er.

Was also tun als Betroffener, wenn dreiste Betrüger immer wieder anklingeln? „Auf keinen Fall auf Fragen eingehen und irgendwelche Informationen preisgeben, sondern bei unbekannten Nummern einfach auflegen“, rät Kaltenberg. Er rät auch davon ab, die dubiose Nummer zurückzurufen. In der Regel handele es sich um gefälschte Nummern, möglicherweise landen die Betroffenen aber auch bei einer kostenpflichtigen Hotline. Das Klingeln einfach ignorieren, ist manchmal wahrscheinlich leichter gesagt als getan, denn die permanenten Anrufe nerven nicht nur, sie verunsichern auch, wie Annegret Willert erzählt.

Anruffilter einbauen oder Rufnummer wechseln

Wie wird man die lästigen Telefonterroristen dann wieder los? „Es ist möglich, einen Anruffilter in das Telefon einzubauen, der dann nur noch die bekannten, zugelassenen Telefonnummern durchlässt.“ Das sei aber schon etwas anspruchsvoll. Entweder holen sich Senioren Hilfe bei Kindern und Enkeln oder beauftragen eine Firma mit der Installation.

„Am effektivsten ist es natürlich, die Telefonnummer zu wechseln“, sagt Andreas Kaltenberg. Das bedeute aber auch, dass der Betroffene allen Kontakten die neue Nummer mitteilen müsse – unter Umständen ein mühsames Verfahren. Oft bleibe es nicht bei einem obskuren Anrufer, sondern es kommen weitere dazu. Der Angerufene fragt sich dann, wie die Anrufer an seine Telefonnummer gekommen sind. „Die wird oft von einem Betrügerring an andere weiterverkauft“, weiß Andreas Kaltenberg.

Wer von Betrügern belästigt wird oder bereits Opfer einer Straftat wurde, sollte das umgehend bei der Polizei anzeigen. Das kann bei der nächstgelegenen Dienststelle sein oder beim Kommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz. Hier gibt es auch Tipps, wie man sich gegen die Betrüger wappnet.

Rat und Hilfe für Betroffene: Andreas Kaltenberg und die Abteilung für Kriminalprävention und Opferschutz bei der Kreispolizeibehörde Unna sind erreichbar unter Telefon 02303/921-4900 und per Mail: kriminalpraevention.unna@polizei.nrw.de.

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