Selbstständige in der Coronakrise

Manchen steht das Wasser schon bis zum Hals

Party mit DJ im Bönener Zechenturm
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Keine Partys im Zechenturm: Die Veranstaltungsbranche liegt seit Ausbruch der Coronapandemie am Boden.

Bönen – Der Lockdown wird immer wieder verlängert, die Türen von vielen Läden bleiben weiterhin zu, Dienstleistungen dürfen nicht angeboten werden. Wer nicht arbeiten darf, hat keine Einnahmen. Wie halten sich die betroffenen Selbstständigen über Wasser? Greifen die staatlichen Unterstützungen? Wo finden die Betroffenen Hilfe?

Besonders gebeutelt von der Corona-Pandemie ist die Eventbranche. Seit einem Jahr läuft bei Marcel Schmidt, Inhaber der Bönener „Eventbude“, nichts mehr. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt. Für März, April und Mai 2020 beantragte er Soforthilfen. „9000 Euro habe ich erhalten für die laufenden Firmenkosten“, berichtet er. Die Fixkosten habe er immer möglichst gering gehalten, dennoch fallen Miete für die Scheune an, wo er sein Equipment für Veranstaltungen lagert, wie zum Beispiel Beleuchtung, Lautsprecher oder Bühnen. Feste Angestellte hatte zum Glück nicht.

Wann platzt die Blase?

„Zunächst hieß es, das Geld müsse nicht zurückgezahlt werden. Später wurde das wieder zurückgenommen. Bis spätestens Oktober muss ich laut meinem Steuerberater 90 Prozent der Summe zurückzahlen.“ Wer jetzt Einnahmen gleich Null hat, wie die meisten seiner Branchenkollegen, der wisse nicht, wovon er die Rückzahlung leisten soll. Er selbst sei in der glücklichen Lage, dass er mittlerweile eine Vollzeitstelle bei den Johannitern im Kreis Unna gefunden habe als Leiter des Fachbereichs Soziale Dienste, berichtet der studierte Psychologe.

Veranstaltungsmanager Marcel Schmidt hat inzwischen einen festen Job und wird seine „Eventbude“ nur noch nebenbei betreiben.

„Deshalb will ich mich auch nicht beschweren. Ich kann davon leben und noch etwas zurücklegen für die Rückzahlung der Soforthilfe.“ Andere seien da viel schlimmer dran. Etwa die vielen Freelancer der Branche, die für verschiedene Eventfirmen frei tätig waren. Sie erhielten keine staatliche Unterstützung und fänden derzeit nur schwer einen Job zum Überleben. Die Agentur für Arbeit berichtet von einer sehr geringen Zahl Selbstständiger auf Jobsuche.

Wie die, die jetzt keine Einnahmen haben, die Soforthilfen zurückzahlen sollen, ist Schmidt ein Rätsel. „Ich frage mich, wann platzt die Blase. Es ist schade, dass viele kleine Unternehmen auf der Strecke bleiben.“ Wie es weitergeht, wann wieder große Feste und Veranstaltungen stattfinden können, da wagt Marcel Schmidt keine Prognosen. Planungen für Mai oder Juni, die ehemals umsatzstärksten Monate seiner Branche, sieht er eher skeptisch. Er wird in seinem neuen Job mit Festanstellung bleiben. „Das ist ein absoluter Glücksfall“, betont er. Die „Eventbude“, die er 2014 gegründet hatte, will er nebenberuflich weiterführen – wenn dann irgendwann wieder größere Veranstaltungen möglich sind.

Ersparnisse sind aufgebraucht

Über vier Monate insgesamt war die Boutique „La dolce vita“ von Jolante Stammen-Kniejski geschlossen – bis jetzt. Dabei hatte sie erst im Dezember 2019 den Laden unter dem Dach des Rewe-Marktes übernommen. Staatliche Hilfen hat sie bisher nicht erhalten. „Ich verlasse mich da auf meinen Steuerberater“, sagt sie. Der habe berechnet, dass ihr die ersten Hilfen nicht zustanden. Jetzt prüfe er gerade, ob sie von den neuen Hilfen profitieren würde. „Ich habe bis jetzt von meinen Ersparnissen gelebt“, sagt sie. „Wenn wir ab 8. März nicht wieder öffnen können, dann wird es eng, denn die Kosten laufen ja weiter.“

Jolanta Stammen-Kniejski hofft, ihren Laden ab 8. März wieder öffnen zu können.

Sie könnte sich eine Regelung vorstellen, dass immer nur ein Kunde gleichzeitig den Laden betreten darf. „Große Unternehmen profitieren vom Online-Geschäft. Das läuft bei uns leider nicht. Wir haben es über Facebook und „Bönen liefert“ versucht, aber unsere Kunden wollen die Ware vor Ort anfassen.“

Blick in die Zukunft: Das neue Normal wird Hybrid sein

Wie geht es jetzt weiter? Wo können sich Unternehmer Hilfen holen? Sabine Radig von der Wirtschaftsförderung (WFG) Kreis Unna gibt Antworten.

Wie geht es den Firmen vor Ort?

Vielen Kleinen steht das Wasser bis zum Hals. Ab sofort können Solo-Selbstständige Hilfen beantragen. Seit 10. Februar ist die Überbrückungshilfe III auch beantragbar.

Blicken die Betroffenen noch durch, welche Hilfe für sie in Frage kommt?

Das ist ein Phänomen, dass Hilfen rausgehauen werden, die später noch modifiziert werden, etwa, was die Rückzahlung betrifft. Das sorgt für Verwirrung und Verunsicherung. Die verschiedenen Hilfen sind für unterschiedliche Gruppen gedacht. Der Einzelhandel ist da allerdings ein bisschen durchs Raster gefallen. Viele wenden sich an ihren Steuerberater, um Hilfen zu beantragen. Die haben aber derzeit noch viele andere terminierte Aufgaben. Das ist dann oft der Flaschenhals, wo es dauert mit den Anträgen.

Wo bekomme ich Rat und Hilfe?

Die WFG veranstaltet digitale Workshops zu verschiedenen Themen. Dort kann man sich informieren. Auf unserer Homepage findet man unter wfg-kreis-unna.de das Corona-ABC mit Tipps und Hinweisen zu allen Themen rund um die Pandemie. Auch ich bin ansprechbar unter Telefon 02303/272890.

Welchen Rat geben Sie Selbstständigen?

Manchmal geht es der Firma so schlecht, dass eine Insolvenz unumgänglich ist. Dann rate ich dazu, sie nicht noch in die Länge zu ziehen und weitere Schulden anzuhäufen. Ansonsten lege ich Selbstständigen ans Herz, sich intensiver mit Konzepten für die Zukunft auseinanderzusetzen.

Wie sieht die aus?

Ich bin überzeugt, dass die Wirtschaft nicht zu dem zurückkehren wird, was vor Corona war. Das neue Normal wird hybrid sein. Also, ein Restaurant bietet beispielsweise weiterhin Lieferservice an, weil sich die Kunden daran gewöhnt haben.

Sie verstehe die Regeln manchmal nicht, sagt Jolante Stammen-Kniejski. „Blumenläden und Gartencenter dürfen öffnen, aber eigentlich nur frische Blumen verkaufen. Aber da gehen auch Dekoartikel über die Theke, die wir auch verkaufen.“ Sie sei froh, dass sie georderte Osterware stornieren konnte. Aber wenn sie wieder öffnet, muss auch neue Frühjahrsware her, die bezahlt werden muss. Keine Ware, keine Kunden – ein Teufelskreis.

Banken verzeichnen große Nachfrage nach Krediten

Wenn es wirtschaftlich eng wird, wie in der Corona-Pandemie, dann wenden sich viele Firmen auch an ihre Hausbank, um die Durststrecke zu überstehen, bestätigt Oliver Drave, Vorstand der Volksbank Bönen. „Gerade zu Beginn der Pandemie herrschte große Nachfrage. Die Anfragen für Unterstützungskredite haben sich mittlerweile mehr als verdoppelt. Wir versuchen, auf jeden Fall zu helfen; ob es dann Überbrückungshilfen, Sonderkredite oder eigene Gelder sind, muss man von Fall zu Fall entscheiden. Die Grundidee ist, jedem, der unverschuldet in Not geraten ist, wird geholfen.“

Nicht verschweigen will er aber auch, dass – je nachdem, welche Hilfe in Anspruch genommen wird – irgendwann die Steuerpflicht eintritt bei Zuschüssen und die Tilgung einsetzt. „Da hoffen wir mit unseren Kreditnehmern, dass irgendwann wieder eine wirtschaftliche Normalität eintritt.“

Auch die Sparkasse Bergkamen-Bönen verzeichnet über 100 Kreditanfragen von Unternehmen seit Beginn der Corona-Pandemie, so Katja Kowalke, Leiterin Kreditgeschäft. „Am Anfang ging es vor allem um die Corona-Soforthilfen. Wir unterstützen unsere Kunden da vor allem mit Vorfinanzierungen, bis die Mittel fließen. Täglich kamen da neue Informationen, die wir als Banker auch erst einmal sondieren mussten, was für wen in Frage kommt.“ Im nächsten Schritt wurden Anfragen für Kredite im Bereich der KFW-Mittel (Kreditanstalt für Wiederaufbau) gestellt.

Die Anfragen kamen quer Beet von Kleinstunternehmen bis zu großen Firmen. Besonders betroffen seien Firmen aus den Bereichen Gastronomie, Einzelhandel, Veranstaltungen, aber auch aus dem Handwerk. Es gebe aber auch durchaus Profiteure der Krise, so Kowalke. „Die Unternehmen, die früh auf Digitalisierung gesetzt haben.“

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