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Schützen erleben ihre Vereinsgeschichte in einer Wohnzimmer-Ausstellung

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Von: Markus Liesegang

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Schützen-Ausstellung im Wohnzimmer
Willkommen zur Ausstellung im Rademacherschen Wohnzimmer: Viele Schützenbrüder und -schwestern nutzten die Gelegenheit, Einblicke in die Vereinsgeschichte zu tun, die sonst unsichtbar zwischen Aktendeckeln ruhen. © Markus Liesegang

Was sich bei einem Schützenverein so alles in Jahrzehnten ansammelt an Fotos, Schriftstücken und Kuriositäten - viel zu schade, um sie im Archiv unter Verschluss zu halten. Das dachte sich Schriftführerin Elena Rademacher und kam auf die Idee, eine Wohnzimmer-Ausstellung zu machen, damit alle was davon haben.

Bönen – Elena Rademacher ist in Lenningsen eine Zugezogene. Das eröffnet neue Blickwinkel auf das Leben der „Eingeborenen“. Die gebürtige Freiburgerin, seit Sommer Schriftführerin des Schützenvereins Bramey-Lenningsen-Flierich, entdeckte dessen Historie bei der Übergabe der alten Akten durch Vorgänger Hans-Ludwig „Lutz“ Sudhaus. „Ich fand es einfach zu schade, sie einfach auf dem Dachboden zu verstauen.“ Rademacher kam also die Idee einer kleinen Ausstellung, die am Samstag in ihrem Haus an der Friedenstraße in Lenningsen eröffnet wurde.

Dass die Mitgliedschaft im Schützenverein zwingend ist, erfuhr die junge Mutter gleich nach der Hochzeit 2014. „Pfarrer Zierke drohte: Taufen lassen oder Schützin werden“, sagt Rademacher schmunzelnd. Sie zog also den Grünen Rock über.

Elena Rademacher (links) und Wiebke Böckmann
Elena Rademacher (links) und Wiebke Böckmann haben die Schätze zu einer Ausstellung zusammengetragen. © Markus Liesegang

„Ich bin hier so herzlich aufgenommen worden, auch vom Schützenverein“, erzählt sie weiter. Beim Durchblättern der überlassenen Akten habe sie etliche spannende Geschichten entdeckt. „Und die Highlights haben wir dann hier ausgestellt.“ Stellvertreterin Wiebke Böckmann, immerhin schon seit 2005 Mitglied im Verein, unterstützte Rademacher bei der Auswahl.

„Wie der Schützenverein hier verankert ist, die Wertschätzung, die er genießt.“ Das begeisterte die beiden Chronistinnen. „Hier zum Beispiel: Manfred Plümpe, König 1977 bis 79, hat aus Rio de Janeiro ein Telegramm geschickt mit dem Versprechen, jedem fünf Freibier zu bezahlen, der an der Versammlung teilnimmt.“

Das Klischee, die sprichwörtlichen Beitrittserklärungen auf dem Bierdeckel, im Bönener Süden auch gern auf einer Wurstpappe gezeichnet, hängen ebenso in der Ausstellung wie das Foto des ersten Schützenkönigs nach dem zweiten Weltkrieg, Heinrich Schäfer, oder die Ergebnislisten des Osterschießens 1976 – Friedhelm Pankauke gewann einen lebenden Osterhasen.

Mann betrachtet altes Fotos in Schützenausstellung
Alte Fotos wecken Erinnerungen. © Markus Liesegang

„Erschreckt hat uns der Wortlaut der Protokolle aus der Nazizeit“, sagt Rademacher, „obwohl man ja weiß, dass Nazis überall waren, auch hier.“ Wehrsport solle im Verein stattfinden, forderte laut einer Niederschrift der Vereinsleiter damals. Die neu zu gründende Schießgruppe solle erst mit einem Gewehr der SA üben.

Es überwiegen in der Ausstellung aber die positiven Erinnerungen. Die Vereinsmitglieder brachten auch Fotos und Anekdoten vorbei, als sie von der Idee hörten. „Annegret Schlieper, Schützenkönigin 1965, hat uns dieses kleine Album zur Verfügung gestellt“, freut sich Rademacher über die entstandenen persönlichen Kontakte.

„Und Ulla Plümpe, Schützenkönigin 1979, erzählte davon, dass sie in den Bönener Eissalon entführt wurde, sie aber dann keiner von dort zurückholen konnte – wegen alkoholbedingter Fahruntüchtigkeit der Schützen. Eine befreundete Familie aus dem Rheinland hat sie zurück zum Platz gebracht.“

Brief aus dem Buckinghampalast und Zweitungsartikel
Der Brief aus dem Buckingham Palace ist echt und gehört natürlich auch in die Ausstellung über die Vereinsgeschichte. © Markus Liesegang

Die Besucher der Ausstellung beömmeln sich am Samstag derweil über das Video des Dorfabends von 1991, das im Hintergrund läuft. Oder sie schmökern in den in der Sofaecke gesondert ausgelegten Leitz-Ordnern mit weiteren Zeitungsausschnitten. „Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so berührt“, sagt Sabine Mellenthin, als sie ein Tränchen fließen lässt beim Betrachten des Bildes von Vater Hans Gäbler in Schützenuniform.

Ihre Tochter Luisa wird in der nächsten Ausstellung sicher auch ihren Platz bekommen: „Als am längsten im Amt und älteste Jugend-Königin“, sagt die Amtierende mit Blick auf die Coronapause ohne Schützenfest. Das findet nämlich erst 2023 wieder statt.

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