Bönener Schüler verzichten aufs Handy

Große Wiedersehensfreude herrschte am Freitagvormittag bei Amina Hussein, Aileen Worblewski, Rabia Karamik und Senep Oturak.

Bönen – Mit der Freundin chatten, spielen, Musik hören oder die Lieblingsserie ungestört im eigenen Zimmer schauen: Ein Leben ohne Smartphone können sich die meisten Jugendlichen heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Es ist aber möglich, wie jetzt 30 Schüler der Humboldt-Realschule beweisen. Fünf Tage lang verzichteten die Siebtklässler freiwillig auf ihr Gerät.

Leicht war es nicht, das gaben die Jugendlichen unumwunden zu. „Total die Hölle“, stellte Takan Cam nach fünf Tagen ohne Handy fest. „Mein Handy ist die zweite Hälfte meines Herzens. Jetzt war mein Herz zerrissen“, klagte auch die 14-jährige Senep Oturak. „Es war langweilig. Ich hatte außer dem Fernseher nichts und konnte noch nicht mal mit meiner Freundin schreiben“, litt die ein Jahr jüngere Rabia Karamik unter dem Verzicht. Etwas pragmatischer sah das Amina Hussein. „Ich hatte mehr Zeit für meinen Bruder und wir haben wieder miteinander gespielt“, erzählte die 13-Jährige. 

Für sieben der 30 Realschüler war das Fasten hingegen überhaupt kein Problem. Sie würden sogar noch länger auf ihre Geräte verzichten – gegen einen gewissen Lohn wie keine Hausaufgaben zum Beispiel. „Für mich ist das einfach“, sagte Noah Siegel. „Ich bin häufiger auf Freizeiten, zu denen ich mein Handy nicht mitnehmen kann.“ Gerne hört der 13-Jährige Musik über das Smartphone. „Da habe ich mir jetzt einfach einen alten MP3-Player fertiggemacht und damit Musik gehört.“ 

Keinerlei Schwierigkeiten, das Smartphone beiseite zulegen, hatte Jeremias Butt. Der Zwölfjährige besitzt überhaupt keins. Aus Solidarität gegenüber seinen Mitschülern verzichtete er aber dennoch: auf Schokolade. „Das war ziemlich schwer, und ich bin froh, dass ich jetzt wieder welche essen darf“, so der Realschüler. 

Schüler sind erst skeptisch

„Ich bin super stolz auf euch“, lobte Klassenlehrerin Dörte Plewka ihre Zöglinge am Ende der Aktion. „Toll, dass ihr mitgemacht und durchgehalten habt.“ Zur Belohnung geht die Klasse demnächst ins Kino. Die Begeisterung für das „Handy-Fasten“ war dabei anfangs sehr begrenzt, erzählt die Pädagogin, die sich übrigens selbst daran beteiligt hat. „Als ich im vergangenen Schuljahr den Vorschlag gemacht habe, gab es erst mal einen Aufschrei“, berichtete sie. Im Gespräch mit der Klasse sei es dann darum gegangen, wie sich die Zeit ohne Handy gestalten lässt und welche Vorteile der Verzicht mit sich bringt. Am Ende waren alle Mädchen und Jungen damit einverstanden, es zu probieren. 

Und einige legten sogar noch etwas drauf: Maurice Wieczorek verzichtete in dieser Woche zusätzlich auf alle elektronischen Geräte, also gleichfalls auf den Computer und die Spielkonsole. „Am ersten Tag war das wirklich hart. Ich musste mich daran gewöhnen und wusste nicht, was ich den ganzen Tag machen sollte. Dann ging es aber doch ganz gut.“ Damit, dass die Schüler sich bereit erklärten, ihre Handys abzugeben, waren übrigens noch nicht alle Schranken beseitigt. Die Eltern mussten nämlich davon überzeugt werden, ihre Kinder eine Woche lang ohne Smartphone aus dem Haus gehen zu lassen. „Wir haben aber für alle Familien eine Lösung gefunden – außer für eine“, so Dörte Plewka. 

Rückgabe am Freitagvormittag

Und schließlich hat sich sogar eine Mutter dazu entschlossen, gemeinsam mit ihrer Tochter das Smartphone abzugeben. „Es wird immer gesagt, dass die Jugendlichen heute süchtig nach ihren Handys sind. Aber bei uns Erwachsenen ist es doch genauso. Viele schieben zwar vor, dass sie das Smartphone aus beruflichen Gründen ständig brauchen, aber im Grunde sind wir auch alle süchtig“, stellt die Klassenlehrerin fest. 

Sie sammelte die Geräte am Montagmorgen ein und brachte sie ins Sekretariat der Schule. Dort schlummerten sie sicher verschlossen bis zur zweiten Pause am Freitagvormittag. Dort bekamen die Siebtklässler sie dann von Schulleiterin Petra Coerdt und Dörte Plewka zurück. Begrüßt wurden die Handys wie alte Freunde, mit Jubel, Küsschen und Umarmung. An diesem Wochenende würden sie das Gerät nicht mehr aus der Hand legen, kündigten einige der Jugendlichen direkt an.

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