Bönener Schüler säubern Stolpersteine und ernten erschütternden Kommentar

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Mit Pflegemitteln machten die Schüler die Schrift auf den Steinen wieder lesbar.

Bönen - Gegen das Vergessen polierten angehende Abiturienten des Marie-Curie-Gymnasiums jetzt die „Stolpersteine“ in der Gemeinde, um ihnen wieder Glanz zu geben und die Inschriften besser lesbar zu machen.  Dass die Aktion heute wichtiger den je ist, zeigte die Reaktion eines Passanten.

Donnerstag Morgen Ecke Bahnhofstraße/Zechenstraße: Ein Geschichtskurs angehender Abiturienten will Spuren der dunklen NS-Zeit wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Der Ort wirkt. Dank der Stolpersteine, dank der Polierarbeit an ihnen, dank der um sie gruppierten Kerzen – erst recht aber dank der schweigenden jungen Menschen, die an diesem Morgen das Grauen der Vergangenheit zu einer sehr persönlichen Erfahrung machen.

Jetzt haben die Stolpersteine ihren Glanz wiedergewonnen, nachdem sie die Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums mit Putzwolle und Scheuermittel bearbeitet haben. Ein wenig länger hat das gedauert; bis die Namen und Lebensdaten der jüdischen Mitbürger wieder sichtbar geworden sind, die hier einst gelebt und gearbeitet haben. Acht Menschen, acht Stolpersteine – acht Anlässe, Geschichte in Kopf und Herz lebendig werden zu lassen.

Kein "Vogelschiss in der Geschichte"

Um dies wirklich zu erreichen, um keinen Mist vom „Vogelschiss in der Geschichte“ mehr unwidersprochen zu lassen, hat Maria Harder beim Ortstermin an den Stolpersteinen einen Bericht von Cornelie Ziegler vorgelesen. 

Cornelie war 16, ein Jahr jünger als Maria, als sie mit ihrer Familie die Reichspogromnacht erleben musste. „Wir haben das vorher im Unterricht besprochen“, erklärt Maria Harder, „die Texte sollen bewirken, dass es persönlich wird, dass man sich wirklich in die Opfer hineinfühlen kann.“ Dass das gelungen ist, sieht man den jungen Menschen an, als sie eine Schweigeminute einlegen, um anschließend dann wieder die Putzarbeit aufzunehmen. Es zeigt sich, dass der Glanz jetzt etwas besser zurückkehrt. 

Das Pflegemittel hat einwirken müssen – vielleicht ein Bild dafür, wie historisches Wissen im Kopf entsteht. Nachhaltig wird das Verstehen auch durch Wiederholung. Mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust haben sich die Schüler auch im Unterricht in der Jahrgangsstufe 9 schon einmal beschäftigt, berichtet Kurslehrerin Kerstin Winkelmann. 

Facharbeit über jüdische Familien in Bönen

Und auch in der Mittelstufe lernten die jungen Menschen durch die Auseinandersetzung mit realen Geschichten in Bönen – durch einen vertiefenden Rundgang mit Gemeindearchivarin Barbara Börste. Einen weiteren Zugang zur Geschichte Bönener Juden steuerte jetzt Hannah Lethaus bei. 

Die 17-Jährige hat sich im Rahmen einer Facharbeit mit dem Schicksal der Familien Keil und Kaufmann beschäftigt. Auch dabei gelang es, den Abstand zu verringern. „Das fühlt sich dann nicht so weit weg an, wenn man sich mit persönlichen Schicksalen befasst“, erklärt Hannah. Und wie Maria Harder und ihre anderen Mitschüler ist sie überzeugt davon, dass das Thema aktuell bleibt; gerade jetzt – unter anderem wegen des Anschlags in Halle.

Gedenkgang am Samstag 

Und aktuell ist die Putzaktion natürlich auch wegen des Jahrestags der Pogromnacht am kommenden Samstag. Der Arbeitskreis Erinnerungskultur, der die Putzaktion am Mittwoch begleitete, lädt für Samstag gemeinsam mit dem Geschichtskurs des MCG zu einem Gedenkgang ein. 

Die Stolpersteine werden am Samstag bei einer Gedenktour im Mittelpunkt stehen.

Treffpunkt ist um 18 Uhr am Stolperstein von Sally Brandenstein in der Fußgängerzone (vor REWE). Wie notwendig solche Veranstaltungen – auch für etwas älteres Publikum – sind und bleiben, zeigten übrigens einige Reaktionen von Passanten auf die Putzaktion, über die Arbeitskreis-Mitglied Gerda Gnad berichtet: 

Am Stein von Sally Brandenstein lobte eine Frau spontan: „Das ist wichtig“ – während ein vorbeikommender Mann bewies, zu was Menschen mitten unter uns heute bereits wieder fähig sind: „Schon wieder die Juden, die sollte man alle vergasen!“, lautete der unfassbare Kommentar. Ein Paar, offensichtlich mit Migrationshintergrund, zeigte sich zunächst irritiert, ließ sich die Aktion aber gern von Gerda Gnad erklären und urteilte dann: „Das ist sehr gut!“

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