Schlichten statt streiten

Nach 15 Jahren als Schiedsmann gibt Stefan Hippler das Amt an Friedrich-Wilhelm Rademacher ab

Bürgermeister Stephan Rotering (rechts), Stefan Hippler (links), Dr. Friedrich-Wilhelm Rademacher (Mitte), Christopher Haub und Jörg-Andreas Otte (hinten von links) vor dem Bönener Rathaus
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Bürgermeister Stephan Rotering (rechts) dankte Stefan Hippler (links) für sein ehrenamtliches Engagement und begrüßte seinen Nachfolger, Dr. Friedrich-Wilhelm Rademacher (Mitte), als neuen Schiedsmann. Christopher Haub und Jörg-Andreas Otte (hinten von links) unterstützen die Arbeit des Schiedsmannes im Rathaus.

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, weiß schon Friedrich Schiller. Dass an diesem Satz etwas Wahres ist, könnte auch Stefan Hippler bestätigen, der 15 Jahre lang das Ehrenamt eines Schiedsmannes in Bönen ausgeübt hat. Jetzt übergab er das Amt an seinen Nachfolger Dr. Friedrich-Wilhelm Rademacher.

Bönen – Dass auch der böse Nachbar tatsächlich manchmal gar nicht so böse ist, sondern die Dinge aus seiner Sicht eben anders beurteilt als sein „Kontrahent“, das lernte Stefan Hippler in vielen Fällen, die er in den Jahren als Schiedsmann auf den Tisch bekam, um außergerichtlich zu vermitteln. Denn die Gerichte seien überlastet – Tendenz steigend. „Gerade Anzeigen zum Thema Beleidigungen werden immer mehr“, weiß Stefan Hippler aus eigener Erfahrung. Hier sollen die Schiedsleute die Justiz entlasten.

Das sei die Aufgabe, fasst Hippler zusammen: „Die Menschen ernst nehmen, die mit ihren Konflikten kommen, beide Seiten vorurteilsfrei anhören und dann als neutrale Person vermitteln, um, wenn möglich, zu einer Lösung zu kommen – sodass der Fall gar nicht erst vor Gericht verhandelt werden muss.“

Ohne Kommunikation werden aus Mücken manchmal Elefanten

Hört sich einfach an, ist es aber nicht immer. „Oft handelt es sich um Bagatellen des Alltags, die dann lange schwelen, weil die Parteien nicht miteinander sprechen. Irgendwann ist der aufgestaute Ärger dann so groß, dass es zum Knall kommt – schlimmstenfalls mit Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten“, sagt Hippler. „Manchmal reicht es schon, die streitenden Parteien an einen Tisch zu bringen und einen Kompromiss zu finden.“

Das gelingt nicht immer – vor allem, wenn die Fronten schon dermaßen verhärtet sind, dass auch der Schiedsmann nicht mehr vermitteln kann. Dann muss auch er am Ende das Feld den Juristen überlassen. Entscheidend sei, betont Hippler, „dass die Schiedsleute in der Regel keine Juristen sind. Wir gehen nicht mit Paragrafen an die Fälle heran, sondern mit Menschenkenntnis und gesundem Menschenverstand – das hilft in vielen Fällen.“

Stefan Hippler übergibt symbolisch mit den Taschen voller Akten und Protokolle das Amt des Schiedsmannes an Dr. Friedrich-Wilhelm Rademacher.

Wie Stefan Hippler ist auch sein Nachfolger Dr. Friedrich Wilhelm Rademacher kein Jurist. Der Wirtschaftswissenschaftler mit einem Lehrstuhl im Fachbereich Logistik wohnt in Lenningsen, also in seinem künftigen Wirkungskreis. Rademacher hatte sich für das Ehrenamt beworben, weil er beruflich künftig weniger eingebunden sein wird. Obwohl er in der Gemeinde bereits ehrenamtlich aktiv ist, etwa im Gemeindesportverband oder im Schützenverein, sei er auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit gewesen. Als er hörte, dass die Gemeinde einen Nachfolger für Stefan Hippler als Schiedsmann sucht, reifte die Idee, das könnte eine Aufgabe für ihn sein.

Bürgermeister Stephan Rotering dankte Stefan Hippler beim offiziellen Wechsel am Mittwoch im Rathaus für sein langjähriges Engagement und Friedrich-Wilhelm Rademacher für die Bereitschaft, dieses wichtige Ehrenamt zu übernehmen.

Rademacher: Respekt vor der neuen Aufgabe

Rademacher betont, er habe durchaus Respekt vor der Aufgabe. „Ich bin aber auch überzeugt, dass eine Gesellschaft ohne Ehrenamt nicht funktioniert. Und dazu möchte ich beitragen. Das kann man nicht nur anderen überlassen. Ich kann mir vorstellen, dass es eine lohnende Aufgabe ist, sich in die Menschen hineinzuversetzen und sie zu bewegen aufeinander zuzugehen und die Perspektive zu wechseln“, sagt Rademacher. „Wenn es gelingt, Missverständnisse zu lösen und die Menschen zum Nachdenken zu bringen, dann ist das schon die halbe Miete.“

„Jeder Schiedsmann findet da seinen ganz persönlichen Weg, das ist eine Frage der Persönlichkeit“, ist sich Stefan Hippler sicher. Wie viel Arbeit kommt auf den neuen Schiedsmann künftig zu? „Es gab Jahre mit nur einem aktenkundigen Fall, aber auch Jahre, in denen die Hilfe durch den Schiedsmann wesentlich öfter angefragt wurde“, sagt Hippler. Aber die vergangenen Jahre zeigen, dass die Konflikte eher zunehmen.

Zwei Schiedsleute in Bönen zuständig

Nach dem Grundsatz, Schlichten ist besser als Streiten, arbeiten Schiedsleute ehrenamtlich und sind für fünf Jahre im Amt. Sie werden von den Kommunen unterstützt, beispielsweise durch die Bereitstellung eines Besprechungsraumes oder die Übernahme der Kosten für Weiterbildungsseminare. Disziplinarisch unterstehen die Bönener Schiedsleute dem Amtsgericht Unna. Die obligatorische Streitschlichtung besagt, dass unter bestimmten Umständen ein Rechtsanwalt vor Einreichung einer Klageschrift bei Gericht beim Schiedsmann einen Schlichtungsversuch unternehmen muss.

Zwei Schiedsmänner sind in Bönen ansprechbar:

Bezirk I – westlicher Teil der Gemeinde und Ortsteil Nordbögge: Uwe Kieserling, Telefon: 0163/7535578

Bezirk II – östlicher Teil der Gemeinde und Ortsteile Westerbönen, Osterbönen, Bramey-Lenningsen, Flierich: Dr. Friedrich-Wilhelm Rademacher, Telefon 02383/912673

Viele Streitfälle seien aber auch mit einem inoffiziellen Gespräch mit den Beteiligten „zwischen Tür und Angel“ aus der Welt zu räumen. „Oft reicht es schon, wenn man sagt, ,Willi, wenn du deine Hecke ein bisschen zurückschneidest, dann kann der Nachbar da ohne Lackschäden parken.’ Und dann ist das Problem aus der Welt.“ Im Jahr 2020 beispielsweise hat Hippler fünf aktenkundige Fälle bearbeitet und 17 inoffizielle Gespräche geführt. Der Zeitaufwand sei dabei sehr unterschiedlich.

Manchmal sei es erst einmal schwierig, das Problem zu benennen und das, was beide Parteien erwarten. „Sehen Sie mal zu, dass der damit aufhört“, sei jedenfalls kein Auftrag an einen Schiedsmann, „weil wir keinerlei Ordnungsverfügungsgewalt haben. Wir sind dazu da, Missverständnisse auszuräumen, die Kommunikation zwischen zwei Parteien zu moderieren und einen Weg aufzuzeigen, wie es gehen könnte“, zeigt Hippler auch die Grenzen auf.

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