Coronavirus: Pflegedienste sorgen sich um die Sicherheit

Pflege
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Die Pflegkräfte müssen jetzt eine Balance finden zwischen Abstand und Zuwendung.

Bönen – Die Situation spitzt sich zu. Die Pflegedienste stehen zurzeit vor schier unlösbaren Problemen, dabei ist gerade ihre Arbeit immens wichtig. Auch in Bönen müssen die Alten- und Krankenpfleger schwer kämpfen.

Anita Stracke hat am Donnerstagmorgen zwei Schreiben verfasst, Adressanten waren die Heimaufsicht des Kreises Unna sowie die Landesregierung in Düsseldorf. Es sind Hilferufe, denn die Inhaberin der gleichnamigen Pflegepraxis ist verzweifelt. „Wir bekommen seit rund einem Monat keine Masken mehr, keine Handdesinfektionsmittel“, erzählt sie. Sollte sich einer ihrer Klienten mit dem Coronavirus infizieren, weiß sie nicht, wie sie ihm dann noch helfen soll. 

Und dass das passieren wird, davon ist sie überzeugt. „In etwa zwei Wochen haben wir die Spitze erreicht“, schätzt sie. „Und die Menschen sind so unvernünftig – auch meine Patienten.“ Immer wieder hat Anita Stracke in den vergangenen Tagen Senioren beobachtet, die munter durch die Fußgängerzone spazierten, Schwätzchen mit anderen Passanten hielten und sich sogar zum Kaffeetrinken in den Backcafés verabredet haben – teils mit dem Sauerstoffgerät im Schlepptau. Menschen, die definitiv zur Risikogruppe gehören. Die Cafés sind nun zwar geschlossen, doch die Leute bleiben trotzdem nicht zu Hause. 

Kontakte beschränken - eine Herausforderung

Für die Pflegedienstinhaberin und ihre Mitarbeiter geht es hingegen dringend darum, Kontakte so weit es geht zu beschränken – eine extreme Herausforderung in diesem Beruf. „Wir arbeiten in Gruppen, in zwei Touren. Die erste Tour geht zu bestimmten Personen, die zweite zu den anderen. Aber kein Mitarbeiter aus der ersten Tour besucht Patienten aus der zweiten“, erklärt sie. Dabei wird streng darauf geachtet, dass möglichst eine Pflegefachkraft immer zu demselben Patienten geht, um die Kontakte so gering wie möglich zu halten. „Wenn ein Patient dreimal täglich Pflege bekommt, dann kommt morgens und mittags die gleiche Krankenschwester, abends dann vielleicht eine zweite, weil es mit den Arbeitszeiten sonst nicht passt. Mehr aber nicht“, so Anita Stracke. 

45 Schutzmasken für 70 Mitarbeiter

Bei der Pflege und Betreuung stehen ihre Angestellten und sie allerdings noch vor weitaus größeren Herausforderungen. „Ich habe rund 100 Patienten, 70 Mitarbeiter und aktuell 45 Schutzmasken. Wie soll das funktionieren?“, fragt sie verzweifelt. Mehr von den benötigten Schutzmasken bekommt sie zurzeit einfach nicht, ebenso wenig wie Desinfektionsmittel. „Dabei stünden unseren Patienten Masken und Desinfektionsmittel zu“, weiß die Fachfrau. Doch woher nehmen? 

Ihre Mitarbeiter seien dennoch couragiert bei der Arbeit. „Körperkontakt macht uns grundsätzlich nichts aus, auch nicht die Ausscheidungen. Es geht um die Atmung.“ Ständig wendet sich Anita Stracke an die zuständigen Stellen, bittet dringend um Material. Was sie selbst tun kann, tut sie. „Zwei unserer Mitarbeiter machen momentan nichts anderes als Informationen aufzunehmen und weiterzugeben“, berichtet sie. 

Für die vier Senioren-Wohngemeinschaften, die Stracke in Bönen betreibt, gilt ein absolutes Besuchsverbot. Die Bewohner sollen nicht unnötigen Risiken ausgesetzt werden. Durchgehend auf Verständnis stößt sie damit bei den Angehörigen nicht. 

Coronavirus: Patienten setzen ambulante Pflege aus

Einige Patienten haben die ambulante Pflege durch ihre Mitarbeiter jetzt ausgesetzt. Sie lassen sich vorerst von ihren Angehörigen betreuen. So kümmern sich Anita Stracke und ihr Team derzeit um rund 100 Klienten. Weitere nimmt das Pflegezentrum nicht auf, zumindest im Augenblick nicht. „Da kann sich aber schnell etwas ändern“, weiß Anita Stracke. Viele Krankenhäuser würden nämlich Patienten entlassen, die zu Hause weitergepflegt werden könnten. Andere dürfen die geplanten Reha-Aufenthalte nicht antreten. „Ich habe eine Patientin mit einem Schulterbruch, die kann sich nicht einmal etwas zu essen machen“, schildert die Bönenerin. 

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Besser sieht es offenbar im Pflegezentrum Elshoff aus, zumindest was die Materialausstattung betrifft. Laut Svea-Christin Elshoff ist dort vorerst genügend Schutzkleidung vorhanden. „Ob die ausreicht, wenn wir unter unseren Mitarbeitern oder Patienten eine Infektion haben, kann ich aber nicht sagen. Es gibt Engpässe, das weiß ich“, macht die stellvertretende Geschäftsführerin deutlich. In ihrem Unternehmen gibt es schon länger einen Pandemieplan, an den sich jetzt alle halten müssen. „Wir haben ein Pandemieteam gebildet“, berichtet die Juniorchefin. Problematisch sei für alle vor allem die Gefahr, sich zu infizieren. „Wir arbeiten eigentlich nur noch von Tag zu Tag, weil wir einfach nicht wissen, was morgen passiert.“ 

Tagespflege geschlossen

Die Versorgung der Klienten laufe allerdings ganz normal weiter. Die Mitarbeiter tragen dabei Schutzkittel, -brillen und -masken, die Hygienevorschriften werden streng beachtet. Für die Pflegekräfte sei das gar nicht so außergewöhnlich. „In diesem Beruf besteht immer ein Infektionsrisiko. Man muss ja nur mal an den MRSA-Keim, den sogenannten Krankenhauskeim, denken, den viele Patienten in sich tragen“, erläutert die Fachfrau. „Wir versuchen aber, auch die Patienten dafür zu sensibilisieren.“ 

In anderen Bereichen hat das Pflegezentrum dagegen einiges der Situation angepasst. So wurde die angegliederte Tagespflege am Dienstag geschlossen, die Nutzer dürfen die Einrichtung per Landeserlass nicht mehr betreten. Für die Mitarbeiter dort bedeutet das zum Teil Kurzarbeit. In der Senioren-WG in der Fußgängerzone gelten strenge Regeln für Besuche. Pro Tag dürfen die Bewohner einen Gast empfangen, höchstens aber für eine Stunde. In die Verwaltung des Unternehmens darf hingegen niemand – bis auf den Postboten. 

Coronavirus kann überall zuschlagen

Trotz aller Umsicht geht Svea-Christin Elshoff nicht davon aus, dass ihr Unternehmen gänzlich von der Krankheit verschont wird. „Es ist eine Frage der Zeit, bis sich jemand von uns infiziert. Wir als systemrelevantes Unternehmen tun alles, um das Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Wenn ich dann aber sehe, wie leichtsinnig sich viele Menschen verhalten, macht mich das wütend.“ Ein anderes Manko sieht sie in der fehlenden Vorsorge. Ihrer Meinung nach müssten alle, die im Pflegebereich und im Krankenhaus arbeiten, regelmäßig auf das Coronavirus getestet werden, um die Patienten zu schützen. „Solange wir aber besonnen und professionell mit der Situation umgehen, denke ich, dass wir ganz gut durch die Krise kommen.“

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