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Bönener Pflegedienst meldet Insolvenz an – Alle WG-Patienten verlegt - Kreis berät

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Von: Kira Presch, Jürgen Menke

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Mittlerweile sind alle Patienten der WGs in Bönen (Bild) und Lünen verlegt worden.
Mittlerweile sind alle Patienten der Intensiv-WGs in Bönen (Bild) und Lünen verlegt worden. © Sabine Pinger

[Update] Der Bönener Pflegedienst, dessen De-facto-Geschäftsführer seit Anfang des Monats in Untersuchungshaft sitzt, hat Insolvenz angemeldet. Derweil ließ die Heimaufsicht des Kreises Unna die beiden Wohngemeinschaften für Intensivpflege des Unternehmens im Kreisgebiet komplett räumen.

Bönen – Zudem macht sich der Kreis Unna Sorgen um die Patienten auch in der häuslichen Intensivpflege und bietet Beratung an.

Von der Zahlungsunfähigkeit des Pflegedienstes hat das zuständige Amtsgericht Dortmund am Dienstag erfahren – „per Eigenantrag“, wie dessen Vizepräsident Markus Ausetz auf WA-Anfrage mitteilt. Das Insolvenzeröffnungsverfahren wurde am Mittwochmittag angeordnet. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter hat das Amtsgericht den Rechtsanwalt Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger aus Dortmund bestellt.

Nicht überraschend

Die Insolvenz des Pflegedienstes hatte sich angebahnt. In einem Schreiben der bisherigen Geschäftsführung an die Mitarbeiter, das dem WA vorliegt, heißt es: „Das Insolvenzgericht hat bereits einen Sachverständigen ernannt, der sofort mit uns Kontakt aufgenommen hat. Wir stimmen gerade mit ihm die zu erledigenden Maßnahmen – unter anderem in Hinblick auf offene Gehälter – ab. Diese Abstimmungen dauern noch an, bitte habt noch etwas Geduld.“

Hilfe bei Krankenkassen und Kreisbehörde

Der Kreis Unna rät Betroffenen oder Angehörigen, Kontakt zu ihrer Krankenkasse zu suchen. Infos bekomme man auch über das kostenfreie Beratungstelefon der Pflege- und Wohnberatung des Kreises Unna unter Telefon 0800/27200200. Mit Blick auf die akute Situation ist die Erreichbarkeit des Beratungstelefons bis Ende Juli auf die Zeit von 8 bis 19 Uhr verlängert worden.

Weiter heißt es: „Wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungsmöglichkeiten. Auch im Interesse des Patientenwohls bitten wir euch darum, dass ihr die Versorgung – wie in der Vergangenheit – ordnungsgemäß weiterführt.“

In einer Sprachnachricht hatte sich zuvor die Leiterin der häuslichen Krankenpflege des Unternehmens an die Mitarbeiter gewandt. „Ab heute laufen wir über die Insolvenzverfahren. Das heißt, wir werden unsere Löhne bis zu drei Monate ausbezahlt bekommen“, so ihre Worte.

Appell an Mitarbeitende

Es folgt ein eindringlicher Appell: „Ich rede euch in euer Gewissen – wir arbeiten ja mit Menschen –, die Patienten nicht im Stich zu lassen. Wir werden uns keinen Gefallen tun, wenn wir jetzt alle krank feiern und gar nicht mehr kommen, dann sind die ganzen Kunden weg. Es kann nicht sein, dass wir alle im Stich lassen.“

Auch diese Sprachnachricht liegt der Redaktion vor.

Verlegung abgeschlossen

Die am Dienstag begonnene Verlegung der Patienten der Intensiv-WGs mit Rettungsfahrzeugen in andere Gemeinschaften und Krankenhäuser ist unterdessen abgeschlossen. „Beide Einrichtungen wurden komplett aufgelöst“, berichtet Behördensprecher Volker Meier. Zunächst stand noch die Option im Raum, einzelne Patienten vor Ort zu belassen und neue Pflegekräfte für sie zu organisieren. Dazu kam es nur in einem Fall für eine Nacht.

Für 13 Menschen (zunächst war von 15 die Rede) wurde am Ende eine neue Bleibe gefunden. Sieben sind aus der Wohngemeinschaft in Lünen ausgezogen, sechs aus der Einrichtung in Bönen. „Falls in den Räumen wieder Intensiv-Pflegeplätze eingerichtet werden, müsste der Träger eine neue Zulassung beantragen“, schildert Meier.

Hinweise an Heimaufsicht

Die Verlegung war veranlasst worden, weil der WTG-Behörde des Kreises Unna (Wohn- und Teilhabegesetz NRW) als Heimaufsicht Hinweise vorlagen, wonach keine ausreichende Zahl an Pflegekräften in den WGs zugegen war. Eine Gefährdung der Patienten hatte nicht ausgeschlossen werden können, hieß es.

WA-Recherchen förderten Mitte des Monats zutage, dass sich der De-facto-Geschäftsführer des Pflegedienstes seit dem 3. Juli in Untersuchungshaft befindet. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft dem Mann gewerbsmäßigen Betrug in 54 Fällen in Tateinheit mit Urkundenfälschung vor. Im Zeitraum von Januar 2016 bis Dezember 2020 soll er Leistungen gegenüber einer Krankenkasse abgerechnet haben, die nicht erbracht wurden. Darüber hinaus soll er Nachweise gefälscht und eingereicht haben.

Hoher Schaden

Offiziell wird der Bönener Pflegedienst von einer anderen Person geleitet. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass tatsächlich der in U-Haft sitzende Mann das Sagen in dem Unternehmen hatte. Den finanziellen Schaden beziffert die Behörde auf mindestens knapp eine Million Euro.

In einer Pressemitteilung von Mittwochnachmittag rechtfertigt der Kreis Unna noch einmal die Verlegung der WG-Patienten. „Der Einsatz war notwendig geworden, nachdem Dienstagmorgen klar wurde, dass ein beauftragter Pflegedienst seinen vertraglichen Leistungen nicht erfüllen konnte“, heißt es. Vermutlich sei einem Teil der Mitarbeiter des Pflegedienstes kurzfristig gekündigt worden. „Diese waren daraufhin nicht zum Dienst erschienen.“

Sorgen um häusliche Pflege

Aktuell arbeitet der Kreis Unna nach eigenen Worten mit Hochdruck daran, „die Intensivpflege im häuslichen Bereich sicherzustellen“. Bislang seien allerdings noch keine Ausfälle bekannt – „auch, weil andere Pflegedienste schnell reagieren und Fälle übernehmen“. Nicht bekannt sei bislang, wie viele Verträge durch den bisherigen Anbieter gekündigt worden seien. „Sicher ist, dass durch den Ausfall des Pflegedienstes kurzfristig neue Intensivpflegeanbieter die Pflege übernehmen müssen.“

Der vorläufige Insolvenzverwalter war bis dato für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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