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Pflegedienst kündigt Intensivpatienten die Betreuung von heute auf morgen

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Von: Kira Presch

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Pfleger füttert Patienten
Intensivpatienten eines Bönener Pflegedienstes sind plötzlich ohne lebensnotwendige Betreuung. „Wir können die Pflege nicht mehr gewährleisten“, hieß es da. © Mascha Brichta

Für zahlreiche Patienten eines Bönener Pflegedienstes wird es jetzt gefährlich eng. Das Unternehmen, dessen Geschäftsführer seit dem 3. Juli in Untersuchungshaft sitzt, kündigt aktuell Intensivpatienten von heute auf morgen die Betreuung, wie Betroffene dem WA berichten.

Bönen – Viele Patienten und ihre Angehörigen stehen unter Schock. Sie wissen nicht, wie sie innerhalb weniger Stunden eine Intensiv-Betreuung organisieren sollen. Bei Patienten, die beatmet werden müssen, hängt ihr Leben davon ab, dass sie 24 Stunden von qualifiziertem Personal betreut werden, erläutert eine Pflegerin, die bisher für den Pflegedienst tätig war. Betroffen seien Intensivpatienten, die bisher nicht von qualifizierten Intensivpflegern betreut worden seien, wie es der Gesetzgeber vorschreibt, sondern von Pflegehelfern, die nur eine einjährige Ausbildung hätten. Ihnen drohe nun ebenfalls die Kündigung.

„Es war ein Schock, als ich im Telefonat mit dem Pflegedienst am Dienstagnachmittag erfuhr, dass meine Frau am nächsten Tag nicht mehr medizinisch versorgt wird“, berichtet der Ehemann einer betroffenen Patientin gegenüber dem WA. Aus Sicherheitsgründen verzichten wir auf die Nennung der Namen aller Beteiligten.

„Wir können die Pflege nicht mehr gewährleisten“

„Wir können die Pflege Ihrer Frau nicht mehr gewährleisten“, habe der Pflegedienst ihm lapidar mitgeteilt. „Wie soll ich so schnell neues Pflegepersonal finden für meine Frau?“ Seine Frage sei mit dem Hinweis beantwortet worden, er könne die Patientin ja ins Krankenhaus bringen lassen oder in einer Beatmungs-WG unterbringen, wie sie zum Beispiel in Bönen vor einiger Zeit im Raiffeisen-Karree eröffnet wurde. „Eine Unterbringung in einem Krankenhaus kommt für uns überhaupt nicht in Frage“, sagt der Mann.

Seiner Ehefrau, die rund um die Uhr medizinische Pflege braucht, und wegen einer Lungenerkrankung beatmet werden muss, habe er vorerst nichts von der Pflegekündigung erzählt. „Ich hatte Angst, sie reißt sich aus Verzweiflung, dass sie nicht mehr zu Hause gepflegt werden kann, die Schläuche raus“, erzählt der Angehörige einer von zahlreichen betroffenen Patienten, die jetzt von einem Tag auf den anderen ohne Betreuung bleiben. „Das Ganze ist erschreckend. So geht man nicht mit Menschen um“, sagt er.

Verzweifelte Anrufe von weiteren Betroffenen

Eine ehemalige Mitarbeiterin berichtet von vielen verzweifelten Anrufen am Dienstagabend von Patienten, die gerade erfahren hatten, dass sie am nächsten Tag vom Bönener Pflegedienst nicht mehr versorgt würden.

Dass es sich bei dem Pflegeteam, das seine Frau betreut, lediglich um Pflegehilfskräfte mit einer einjährigen Ausbildung gehandelt habe, die das Unternehmen geschickt hat, das sei ihm nicht bewusst gewesen. „Ich hatte keine Veranlassung, das zu kontrollieren. Ich habe mich da auf den Pflegedienst verlassen.“

Die Abrechnungen für die 24-Stunden-Pflege, habe er nie gesehen. Die seien vom Pflegedienstunternehmen direkt an die Krankenkasse gesendet worden. Insofern könne er auch nicht sagen, ob in diesem Fall die höheren Kosten für Intensivpfleger abgerechnet worden seien.

Grundsätzlich gilt, so eine ehemalige Pflegedienstmitarbeiterin, dass eine Intensivpflege nur von examinierten Intensivpflegern durchgeführt und entsprechend höher abgerechnet werden darf. Ausnahme: Es liegt eine ausdrückliche Sondergenehmigung der Krankenkasse vor.

Pflegeteam beschließt: „Wir lassen Patientin nicht im Stich“

Die hat die Kaufmännische Krankenkasse KKH jetzt in diesem Fall ausnahmsweise erteilt: Das Pflegepersonal hatte bis dahin die Patientin gut versorgt. „Ich habe zwar nur eine einjährige Ausbildung, mich inzwischen aber weitergebildet und den Beatmungsschein gemacht“, sagt die Teamleiterin. Bis dahin sei ihr Einsatz an der Beatmungsmaschine im Grunde illegal gewesen. „Nach der Absage durch den Pflegedienst haben wir als Pflegeteam beschlossen, wir lassen die Patientin nicht im Stich. Das können wir nicht verantworten. Wir bleiben hier und versehen weiter unseren Dienst.“

Die Krankenkasse hat mittlerweile zugestimmt, dass die Pflege mit Pflegehilfskräften weitergehen kann, damit die Patientin kurzfristig versorgt ist. Die KKH ist nur eine von mehreren Krankenkassen, die laut Staatsanwaltschaft betroffen sind von dem Abrechnungsbetrug, der letztlich das gesamte Gesundheitssystem schädigt. Äußern wollte man sich bei der KKH jedoch nicht zu dem laufenden Verfahren.

Pflegedienstmitarbeiterin rechnet mit Kündigung

Die Pflegedienstmitarbeiterin rechnet in den nächsten Tagen mit ihrer Kündigung. Sie geht davon aus, dass Pflegehelfer, die in den Einsatzprotokollen als examinierte Intensivpfleger angegeben wurden, um die Einsätze bei der Krankenkasse abrechnen zu können, jetzt den Betrieb verlassen müssen.

„Im Mai hatten wir noch Besuch von dem Geschäftsführer des Pflegedienstes“, berichtet der Ehemann der betroffenen Patientin. „Da das vierköpfige Pflegeteam immer wieder von verzögerten Gehaltszahlungen berichtet hatte, fragte ich nach, ob mit einer Insolvenz der Firma zu rechnen sei. Dann bitte ich um frühzeitige Benachrichtigung, weil es schwierig ist, einen Pflegedienst für häusliche Intensivpflege zu finden.“ Davon könne keine Rede sein, habe ihm der Geschäftsführer geantwortet, alles sei in bester Ordnung.

„Er war immer mein Ansprechpartner“, betont der Mann. Auch die Leiterin des vierköpfigen Pflegeteams bestätigt, sie habe immer mit dem Geschäftsführer des Unternehmens zu tun gehabt, auch wenn dieser offiziell nicht in dieser Position genannt werde.

Zum Teil 36-Stunden-Dienste, weil keine Ablösung kam

Allerdings seien dann immer öfter Probleme aufgetaucht, dass der Pflegedienst Schichten nicht besetzen konnte, berichtet der Angehörige. „Da kam es vor, dass die Pflegerinnen nicht 12, sondern 24 und 36 Stunden im Dienst bleiben mussten, weil keine Ablösung kam. Das war unzumutbar.“

Das Pflegedienstunternehmen hat sich auch am Mittwoch nicht zu unseren Fragen geäußert.

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