Bönener Klimaexperte: Klimawandel nicht mehr aufzuhalten

Erderwärmung
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Bönen – Aus den Aktionen der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg aus Schweden ist eine weltweite Protestbewegung geworden. Doch lässt sich der Klimawandel überhaupt aufhalten? WA-Mitarbeiterin Carola Schiller sprach mit dem Bönener Klimaexperten Dr. Gerrit Heil darüber.

Her Heil, Sie sind Wissenschaftler. Was sagen Sie als promovierter Klimatologe zum Thema Klimawandel, und was raten Sie dem Einzelnen? 

Zunächst einmal: Wetter ist nicht Klima. Im Februar war es im Durchschnitt 3,5 Grad Celsius wärmer, dafür war der März sehr stürmisch. Frühjahrsunwetter sind normal, wenn das Azorenhoch und das Islandtief gegeneinander kämpfen. Was nicht normal ist, ist die Dauer der Wärme, die wir im Februar hatten und die Masse der Niederschläge, die wir im März erlebt haben. 

Sind das Auswirkungen des Klimawandels? 

Ja. Wir müssen auch mit einer Verstärkung der Extremwetterlagen rechnen – so wie jetzt und noch stärker. Dazu gehören kleine Windhosen und sogar Tornados, die es hier vor 15 Jahren noch gar nicht gab. 

Warum ist das so? 

Der Bönener Gerrit Heil ist Klimatologe und Manager. Nach zehn Jahren in der Forschung, unter anderem in New York, lebt er seit 2007 wieder mit seiner Familie in der Gemeinde.

Klima ist kompliziert, das Wetter auch. Um es stark verkürzt zu erklären: Treibhausgase, dazu gehört auch Wasserdampf, reflektieren die Wärmestrahlung der Erde. Die Wärme strahlt zurück auf die Erde und erwärmt sie. So schmolz in der Erdgeschichte ein großer Teil des Eises. Durch weitere Gase, zu denen zum Beispiel auch Methan und Kohlendioxid gehören, setzte der Treibhauseffekt ein, lange bevor es Menschen gab. Ohne diesen Effekt würde es keine Menschen geben. Es wäre zu kalt. 

"Treibhauseffekt hat Leben auf der Erde erst ermöglicht" 

Also ist der Treibhauseffekt zunächst einmal gut? 

So, wie die Natur ihn begonnen hat, ist er nicht schädlich. Er macht das Leben auf der Erde erst möglich. Das Problem ist aber, dass wir diesen Effekt durch sehr viele Gase erheblich verstärkt haben. Damit ist wirklich alles durcheinander geraten. Vor allem die natürlichen Kreisläufe zum Temperaturausgleich in den Ozeanen und die atmosphärischen Strömungen. Deshalb bleiben ungewöhnliche Wetterbedingungen sehr viel länger in einer Region, und das hat fatale Folgen. 

War es deshalb letzten Sommer so lange so heiß? 

Ja. So erklärt sich auch die lange Wärmeperiode im Februar und die anhaltenden Stürme im März. Diese dauerhaften Wetterbedingungen werden wir noch sehr viel öfter erleben. 

Was hat das global für Folgen? 

In Nordafrika gibt es jetzt schon 35 Prozent weniger Wasser als noch 1970. Das ist eine Katastrophe. Ganze Regionen werden zu Wüste und unbewohnbar. Wer nicht abwandern kann, stirbt. In Südostasien sorgt der immer stärkere Monsun für große Überschwemmungen. In Küstenregionen, auch in Deutschland, nehmen die Sturmfluten zu. In den Bergen schmelzen die Gletscher. Das führt dazu, dass ganze Dörfer ohne Trinkwasser sind. Gleichzeitig schmelzen die Eismassen von Grönland und der Antarktis stärker ab. Das Wasser fließt ins Meer, was dazu führt, dass der Meeresspiegel ansteigt. Bis 2100 sind das derzeit berechnet immerhin ein bis zwei Meter. 

"Da helfen keine Staumauern"

Ein bis zwei Meter hört sich nicht an, als würde daraus ein immenses Risiko entstehen? 

Das ist auch nur die Berechnung bis 2100, und auch nur, wenn wir die jetzt bestehenden Bedingungen als Maßstab nehmen. Wenn es noch wärmer wird und großflächig Eis aus Grönland und der Antarktis schmilzt, kann der Meeresspiegel im Extremfall langfristig um bis zu 70 Meter ansteigen. Da helfen keine Staumauern. Man darf nicht vergessen, dass die Eisschichten in der Arktis teilweise mehrere Kilometer dick sind. 

Was ist mit den Eisbergen im Meer? 

Die sind kein Risiko, denn sie nehmen keinen Einfluss auf den Meeresspiegel. Nehmen Sie ein Glas Wasser und kippen Sie Eiswürfel rein. Wenn die Eiswürfel schmelzen, ist nicht mehr Wasser im Glas als vorher. Unser Problem ist das Eis, das auf dem Land schmilzt und ins Wasser fließt. 

Ist der Klimawandel noch aufzuhalten? 

Nein. Wir können ihn aber verlangsamen. Und wir müssen uns bewusst machen, dass das nur mit massiven Einschränkungen geht, mit denen wir in den 1980er Jahren hätten beginnen müssen, spätestens aber in den 1990er Jahren. Da hätten wir es noch schaffen können. Das war auch kein Geheimnis. Seit den 1970er Jahren fordern Wissenschaftler konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel. Diese Zusammenhänge werden auch in den Schulen vermittelt. Da ist leicht nachvollziehbar, warum die jungen Menschen buchstäblich auf die Barrikaden gehen und einen restriktiven Wandel beim Emissionsaustausch fordern. 

"Der Supergau sind Kreuzfahrten und Flugreisen"

Aber was kann der Einzelne tun? 

Vor allem müssen die Menschen verstehen, was hier gerade passiert und mit anderen darüber reden. Ganz besonders mit denen, die es nicht wahrhaben wollen. Und natürlich kann jeder Einzelne etwas tun. Im Internet kann man zum Beispiel auf den Seiten „Myclimate“ oder „Naturfund“ seinen ökologischen Fußabdruck berechnen. Dadurch kann man sehen, was man selbst ändern kann. Auf manches kommt man von allein nämlich nicht. In meiner Familie überlegen wir genau, ob wir das Auto wirklich nehmen müssen oder ob wir die Strecke auch mit dem Rad fahren können. Solarzellen nehmen immer mehr Raum im häuslichen Alltag ein und sind fantastische Energielieferanten. Und dann spielt der Fleischkonsum eine wichtige Rolle. Massentierhaltung hat einen erheblichen Anteil am Ausstoß schädlicher Gase. Der Supergau sind natürlich Kreuzfahrten und unnötige Flugreisen. 

Das ist schon eine Menge, aber was macht die Regierung? 

Wie fast alle Länder hat auch Deutschland das Klimaprotokoll unterschrieben. Wir haben uns 2015 und 2016 verpflichtet, die Emissionen bis 2030 um 90 Prozent zu senken. Damit hätten wir eine Chance den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Davon sind wir aber sehr weit entfernt. Dänemark und sogar Marokko sind sehr viel weiter. Die Länder haben riesige Windparks errichtet. Kopenhagen ist beispielhaft mit seinem hervorragenden Radwegenetz. Die Menschen kommen mit dem Fahrrad jetzt viel schneller und sicherer voran. Japans Züge fahren voll automatisiert und effizient. In Deutschland sind jeden Tag selbstfahrende Elektromobile im Testbetrieb unterwegs, die zwar noch bemannt sind, in Zukunft aber nicht mehr. In der Schweiz gibt es die ersten energieautarken Häuser, die über Solar sogar genug Strom für die Autos der Bewohner produzieren. Gesteuert werden sie über Apps, die permanent Auskunft darüber liefern, ob der Verbrauch zu hoch oder angemessen ist.

Das heißt, die Digitalisierung hilft uns, den Klimawandel zu verzögern? 

Auch. Aber in erster Linie müssen wir unser Verhalten ändern. Einen bequemen Ausweg gibt es nicht mehr.

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