Bönener Julian Mayr (14) lebt ein Jahr in Argentinien

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Julian Mayr lebt seit einem halben Jahr in Argentinien.

BÖNEN - Heimweh hat Julian Mayr nicht. Viel zu aufregend ist das, was er etwa 11 600 Kilometer Luftlinie von Bönen entfernt jeden Tag in Argentinien erlebt. Seit einem halben Jahr geht er in Villa Maria, einer Großstadt im Osten der Provinz Cordoba, zur Schule und wohnt bei einer Gastfamilie. Ein typisches Auslandsjahr eben. Das Besondere: Julian Mayr ist erst 14 Jahre alt.

Der junge Bönener hat von der Austauschorganisation Experiment ein Teilstipendium als „Sprachpionier“ erhalten. „Das wird an Schüler vergeben, die sich trauen, in ein nicht-englischsprachiges Land zu gehen“, erklärt Meike Schmidt, Sprecherin des Vereins. Und Julian, der bis zu seinem Abflug nach Argentinien nur ein paar Brocken Spanisch – der dortigen Amtssprache – sprechen und verstehen konnte, hat sich getraut.

„Sprachpioniere“, wie der Gymnasiast aus Bönen, sollen die Sprache ganz nebenbei im Alltag vor Ort erlernen. Besonders die ersten Wochen seien dabei eine echte Herausforderung gewesen, weil nur wenige Argentinier überhaupt Englisch können, blickt der Austauschschüler zurück. Aber: „Ich bin ja mit der Hoffnung, Neues und Unbekanntes kennen zu lernen da rein gegangen“. Julian habe sich insbesondere durch seine Persönlichkeit für das Stipendium qualifiziert, heißt es von der Organisation.

Der Verein fördert den einjährigen Aufenthalt des 14-Jährigen in Südamerika mit etwa 2000 Euro, vermittelt die Gastfamilie, bereitet das Austauschjahr vor, ist Koordinator und Ansprechpartner. 4000 Euro und das Taschengeld vor Ort schießt Julians Familie selbst dazu.

Doch die Erfahrungen, die er in der Republik im Süden Südamerikas sammelt, seien ohnehin unbezahlbar, macht der Stipendiat gegenüber unserer Zeitung deutlich: Er besucht in Argentinien eine achtzügige Schule, die nur 100 Meter vom Haus seiner Gastfamilie entfernt ist. Zum Vergleich: Julians Heimatschule, das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Unna, ist drei- bis vierzügig. „In meiner Freizeit gehe ich schwimmen, treffe mich mit Freunden, oder versuche einfach nur die Hitze zu ertragen, es ist hier einfach immer über 30 Grad warm“, so der Jugendliche, für den es der erste Besuch in Argentinien ist.

Und seine Wahlheimat auf Zeit entpuppt sich für den jungen Bönener nach und nach als ganz persönliches Schlaraffenland. Eindringlich schwärmt er von landestypischen Süßigkeiten, wie Alfajor, Doppelkeksen mit Milchcremefüllung, einer Spezialität Lateinamerikas. Anderes vermisst er schmerzlich, zum Beispiel Geodreiecke: „Die Menschen hier benutzen so drei komische Streben statt einem einfachen Geodreieck, ich verstehe nicht wieso“, berichtet Julian vom Mathematik-Unterricht.

Regelmäßig nimmt der Austauschschüler an den Wochenenden Kontakt mit seiner Familie in Bönen und Unna auf. Meistens kommuniziert er mit seiner Mutter und seinen Großeltern über Skype, also kostenlose Internet-Telefonie. Anfängliche Bedenken, den Filius bereits mit 14 Jahren solch ein Abenteuer antreten zu lassen, hätten sich mittlerweile gelegt, sagt Julians Mutter, Helga Mayr. Besonders an Weihnachten und Neujahr hätten sie Julian schon sehr vermisst, erklären die Daheimgebliebenen.

Das geht dem 14-Jährigen ähnlich. Nur, dass er weniger Zeit hat, darüber nachzudenken. Weihnachten und Silvester erlebte er jeweils als große Party: „Freunde und Familie kamen zu uns nach Hause und wir feierten alle gemeinsam bis 3 Uhr nachts“, schwärmt er. Als Stipendiat darf Julian übrigens keinen Besuch aus Deutschland empfangen und auch selbst nicht heim fliegen. So sind die Regeln.

Anfang Juli ist das Abenteuer Argentinien für den 14-Jährigen beendet. Und obwohl er Land und Leute schon ins Herz geschlossen hat, kann er sich nicht vorstellen, dort einmal zu studieren oder zu arbeiten. „Die Löhne hier sind relativ niedrig. Technische Dinge kosten das Doppelte wie in Deutschland. Außerdem gibt es im ganzen Land nur drei öffentliche Universitäten“, resümiert er. Urlaub würde er in Argentinien aber jederzeit machen. Und wie sieht es zur Halbzeit seines Austauschjahres mit der Sprache aus? „Mein Spanisch ist inzwischen relativ flüssig. Ich verstehe alles und kann auch alles sagen, wenn auch nicht ganz akzentfrei, aber ich hab ja noch sechs Monate, um das zu verbessern“, sagt Julian. - sho

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