Heinz Siering macht mit 84 Jahren den Test, wie sicher er noch Auto fährt

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„Die nächste Möglichkeit rechts bitte.“ Fahrlehrer Hans-Joachim Aul auf dem Beifahrersitz gibt die Route vor und beobachtet das Verhalten von Heinz Siering bei der Testfahrt des Fahr-Fitness-Check des ADAC.

Bönen Auto fahren im Alter - bin ich noch fit genug? Das fragte sich auch der Bönener Heinz Siering (84) und machte jetzt mit einem Fahrlehrer den Fahr-Fitness-Test, den der ADAC zusammen mit dem Fahrlehrerverband für Senioren anbietet.   

Ein bisschen nervös ist er schon. Schließlich sitzt nicht jeden Tag ein Fremder neben Heinz Siering im Auto und beurteilt seine Fahrweise. Aber das wollte der Bönener, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert, ja so. Er hat Hans-Joachim Aul von der Fahrschule Nagel für eine besondere Fahrstunde gebucht. Der erfahrene Fahrlehrer begleitet ihn und beurteilt anschließend, ob Siering noch sicher am Straßenverkehr teilnehmen kann. 

Sollten Senioren noch Auto fahren? Können sie einen Pkw sicher steuern und den immer hektischer werdenden Verkehr noch souverän überblicken? Das fragte sich auch Heinz Siering. „Im Gespräch mit Freunden tauchte immer wieder das Thema auf“, erzählt er. Dann las er etwas über den Fahr-Fitness-Check, den der ADAC in Zusammenarbeit mit Fahrschulen anbietet. „Da hab ich beschlossen, ich mach das jetzt einfach, dann bin ich auf der sicheren Seite.“ 

Er suchte sich den nächsten Anbieter, die Fahrschule Nagel in Bönen, und buchte eine Stunde. Jetzt ist Hans-Joachim Aul sein Mitfahrer – selbst bereits 62 Jahre alt und seit 1979 als Fahrlehrer tätig. Er wird Heinz Sierings Fahrkünste unter die Lupe nehmen.

Fahrlehrer Hans-Joachim Aul (links) ist mit der Fahrleistung von Heinz Siering am Ende der Fahrstunde zufrieden.

„Die Zahl der Unfälle mit Senioren am Steuer nimmt zu“, sagt Aul in der Vorbesprechung. „Denn immer mehr ältere Menschen wollen heute mobil sein und unabhängig.“ Schwierig werde es dann, wenn ein Fahrer etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen, aber dennoch weiter Auto fährt, und damit sich und andere gefährdet. „Da sollte man tatsächlich darüber nachdenken, den Führerschein abzugeben“, findet Aul. Oder eben einfach ungenutzt in der Schublade lassen. 

Zehn ältere Autofahrer – acht Männer und zwei Frauen – haben das Angebot in seiner Fahrschule bisher genutzt und sich einem solchen „Test“ unterzogen. Nur einmal sei er ernstlich in Gefahr gewesen, sagt Aul. „Die Dame hatte zuvor einen leichten Schlaganfall gehabt und offensichtlich einen Linksdrall. Während unserer Fahrt entglitt ihr der Wagen immer wieder und zog auf die Gegenspur. Da musste ich ins Lenkrad greifen. Das war lebensgefährlich.“ 

Viele Möglichkeiten einzugreifen hat der Fahrlehrer bei seinen Testfahrten mit Senioren nicht, denn hier benutzen die „Prüflinge“ ihr eigenes, vertrautes Fahrzeug. Ein zusätzliches Bremspedal wie im Schulungswagen gibt es hier also nicht.

Seit 55 Jahren besitzt Heinz Siering seinen Führerschein


Jetzt geht es an die Praxis. Ein leichter Wintereinbruch hat auch in Bönen Glätte auf die Straßen gebracht. „Sollen wir die Stunde verschieben?“, hatte Aul vorsorglich morgens am Telefon nachgefragt, aber Siering hatte ihm geantwortet: „Ich bin doch kein Schönwetterfahrer!“ 

Na dann los! Heinz Siering setzt sich ans Steuer seines Autos. „Wollen Sie vielleicht sehen, wie ich rückwärts in die Garage rangiere?“, schlägt er vor. „Das wäre keine schlechte Übung“, findet Aul. Mit Schwung setzt der 84-Jährige seinen Wagen zurück. Passt wie gespuckt. Aul ist beeindruckt.

Immerhin 55 Jahre besitzt Heinz Siering jetzt bereits seine „Fleppe“. Die würde er gerne noch ein paar Jahre nutzen. „Ich bin darauf angewiesen, etwa bei Einkäufen“, sagt er. „Aber weite Touren mache ich nicht mehr mit dem Auto.“ Ganze 8000 Kilometer sei er in den vergangenen zehn Jahren gefahren. 

Jetzt steuert er aus der Gemeinde raus Richtung Autobahn. Aul auf dem Beifahrersitz gibt die Richtung vor – hier rechts abbiegen, zweite links – ganz wie in der Fahrschule. Nur geht es nicht wie in der Fahrprüfung ums Bestehen. Dennoch steht seine Fahrweise auf dem Prüfstand. Würde er den Führerschein abgeben, das Autofahren aufgeben, wenn der Tester ihm das am Ende der Fahrt rät? „Ja, doch“, sagt Heinz Siering nach kurzer Überlegung. „Deshalb mache ich das schließlich hier.“

Auch Senioren müssen die aktuellen Verkehrsregeln beherrschen

Seine Hände umklammern fest das Lenkrad, die Gänge ruckeln etwas rau, die Anspannung ist spürbar. Es ist eben eine ungewohnte Situation. Dennoch klappt das Einfädeln auf der Autobahn reibungslos. Aul erzählt von seinen Enkelkindern und beobachtet Heinz Sierings Verhalten im Straßenverkehr.

„Wenn ein Bus rechts anhält, darf man nur im Schritttempo vorbeifahren“, kommentiert er den ziemlich schwungvollen Schlenker seines Sitznachbarn um einen Linienbus herum. „Seit Sie 1953 ihren Führerschein gemacht haben, hat sich viel verändert – vor allem viele Verkehrsregeln“, gibt der Fahrlehrer zu bedenken. „Als Verkehrsteilnehmer sind Sie auch verpflichtet, immer auf dem neuesten Stand zu bleiben – eben lebenslanges Lernen.“

Am Ende ist der Fahrlehrer ganz zufrieden mit seinem Prüfling: „Sie beherrschen Ihr Fahrzeug gut. Ich habe keine Bedenken gehabt, bei Ihnen mitzufahren“, lobt er. Bei den aktuellen Verkehrsregeln könnte etwas Aktualisierung aber nicht schaden.

Heinz Siering hat seinen Check bestanden und kann sich weiterhin unbesorgt ans Steuer setzen. Das hat er jetzt auch schwarz auf weiß mit einem Zertifikat vom ADAC.

Zum Schluss gibt es ein Zertifikat: Jetzt hat es Heinz Siering schwarz auf weiß, dass er erfolgreich an dem ADAC-Test teilgenommen hat.

Der "Senioren-Tüv" des ADAC

Angesichts steigender Unfallzahlen mit Senioren am Steuer wird sehr kontrovers darüber diskutiert, ob Senioren ab einem gewissen Alter einen obligatorischen Test machen sollten, der ihre Fähigkeit als Autofahrer überprüft. Derzeit gibt es derartige Auflagen in Deutschland nicht. Der Führerschein gilt unbefristet.

Seit 2014 gibt es die Möglichkeit, zusammen mit dem ADAC und dem Fahrlehrerverband einen Fahr-Fitness-Check (Gesamtdauer 1 bis 1,5 Stunden) zu machen. Die Kosten betragen 49 Euro für ADAC-Mitglieder, 69 Euro für Nichtmitglieder. In Bönen bietet die Fahrschule Nagel, Zechenstraße 6, Tel. 58 00 08, den ADAC-Test an. 

Der Test ist freiwillig, rechtliche Konsequenzen hat er nicht – auch wenn Bedenken wegen der Fahrtüchtigkeit bestehen. Verursacht ein Senior jedoch einen Unfall, kann eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) oder die Überprüfung durch einen Sachverständigen angeordnet werden. Bei Nichtbestehen ist der Führerschein dann allerdings weg.

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