Interview mit Nicole Fricke

Bönener Hebamme: "Ich bin bis September ausgebucht"

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Wenn das Baby erst einmal da ist, sind alle glücklich. Zuvor bedeutet eine Schwangerschaft aber viel Arbeit für eine Hebamme, von denen es viel zu wenige gibt. Nicole Fricke betreut im Februar und März bis zu zwölf werdende Mütter.

Bönen – Viele werdende Mütter haben Schwierigkeiten, eine Hebamme zu finden. Denn es gibt viel zu wenige, die diesen Beruf ausüben. Im Interview spricht die Bönener Hebamme Nicole Fricke über ihre Arbeitsbelastung, die Nachwuchsprobleme ihres Berufstandes und verrät, ab wann sich Frauen um eine Hebamme bemühen sollten.

Der Test ist positiv und vielleicht schon vom Frauenarzt bestätigt: schwanger! Frauen die jetzt überlegen, wie sie die gute Nachricht ihrer Familie überbringen können, sollten lieber zunächst eine Hebamme anrufen. 

Die sind nämlich inzwischen rar gesät und wer sich nicht rechtzeitig darum bemüht, hat möglicherweise das Problem, niemanden für die Vor- und Nachsorge nach der Geburt zu finden. Die Bönener Hebamme Nicole Fricke weiß um den Notstand und hat mit WA-Redakteurin Sabine Pinger darüber gesprochen.

Sie sind zurzeit die einzige Hebamme in Bönen, die eine ambulante Betreuung anbietet. Merken Sie das?

Nicole Fricke begleitet seit mehr als 20 Jahren werdende Mütter durch Schwangerschaft und Wochenbett.

 Ja, und ich würde mich sehr freuen, wenn ich Unterstützung bekommen würde. Natürlich kommen auch Kolleginnen aus Unna, Bergkamen oder Kamen hierher, und ich arbeite ebenfalls in Kamen oder Unna. Aber im Kreis Unna gibt es eindeutig zu wenig Hebammen. Ich bin jetzt schon bis September ausgebucht und musste bereits eine Mutter ablehnen.

Wie viele Schwangere oder Mütter betreuen Sie üblicherweise?

Normalerweise vier bis fünf Frauen pro Monat. Aktuell sind es etwas mehr. Gerade haben vier Frauen ihr Baby bekommen, auf ein fünftes warte ich noch. Im Februar und März werden es dann aber zwölf. Ich lehne nur ungern Frauen aus Bönen ab. Und Mütter, die ich schon bei einer Geburt begleitet habe, sowieso nicht.

Ab wann sollten sich Frauen betreuen lassen? Und wie lange begleiten Sie die Frauen dann?

Das Kennenlernen fängt in der achten Schwangerschaftswoche an. Viele Frauen möchten lieber die ersten zwölf Wochen abwarten, um sicher zu gehen, dass die Schwangerschaft auch weitergeht. Sie scheuen sich, uns vorher anzurufen. Das müssen sie aber nicht, wir Hebammen wissen das natürlich. Ab der 15. Woche besuche ich sie dann regelmäßiger, um zum Beispiel bei Beschwerden zu helfen oder zu messen und zu untersuchen. Nach der Geburt komme ich anfangs täglich, später in größeren Abständen. Insgesamt kann ich die Frauen mit einzelnen Terminen bis zum Abstillen oder bei Nichtstillenden bis zum Ende des neunten Lebensmonats des Kindes begleiten.

Bekommen die Mütter noch anderweitig Unterstützung? 

Die Elternschule des Katholischen Krankenhauses in Unna bietet inzwischen auch Kurse in Bönener Kitas an, zum Beispiel Rückbildungskurse. Wir würden gerne auch noch weitere Kurse hier starten, zum Beispiel Babymassage. Dafür suchen wir noch nach einem geeigneten Raum.

Fehlen nur Hebammen in der ambulanten Begeleitung oder auch in der Geburtshilfe in den Kliniken? 

Sowohl als auch. Inzwischen bekommen die Krankenhäuser kaum noch junge Kolleginnen in den Kreißsaal. Das führt natürlich zu heftigem Personalmangel. Im November musste sich das Katholische Krankenhaus in Unna etwa an einem Tag ganz abmelden und erstmals die Rettungsdienste anweisen, die Klinik nicht mehr mit Schwangeren anzufahren. Es gab krankheitsbedingt keine Hebamme, die eine Geburt hätte leiten können. Das ist natürlich eine Katastrophe. Die Frauen müssen dann 40 oder 50 Kilometer weiter in die nächste Klinik fahren.

Gibt es denn zu wenig potenziellen Nachwuchs? 

Nein, die Plätze in den Hebammenschulen sind immer noch sehr gut belegt. Inzwischen gibt es außerdem die akademische Ausbildung als Studium. Dafür gibt es sehr wohl Interessenten, Frauen und mittlerweile auch Männer. Wo die Absolventen anschließend allerdings bleiben, weiß ich nicht, denn das Problem besteht deutschlandweit. In Dortmund gibt es sogar schon „Kopfgeld“, von den Kliniken, wenn eine Hebamme eine Kollegin anwirbt und diese nach der Probezeit noch da ist. Möglicherweise sind aber viele nach der Ausbildung frustriert und steigen gar nicht erst in den Beruf ein.

Woran könnte das liegen? 

Die Arbeitsbelastung ist schon enorm geworden – auch durch die dünne Personaldecke. Die Arbeitsbedingungen könnten besser sein, zum Beispiel durch einen besseren Freizeitausgleich. Und das Grundgehalt ist auch nicht besonders hoch. Dazu kommt, dass die meisten sich vor der Ausbildung natürlich überlegen was sie machen möchten, in der Regel eine entspannte, familiengerechte Geburtshilfe. Das ist in den Krankenhäusern aber heute oft nicht mehr möglich. Die Ärzte dort haben ganz andere Vorstellungen von Geburt. 

Welche sind das? 

Vor 25 Jahren haben die Kliniken zum Beispiel noch darum gekämpft, die niedrigste Kaiserschnittquote zu haben. Heute liegt sie locker bei über 30 Prozent. Das ist für Hebammen unbefriedigend. Viele Kaiserschnitte wären einfach nicht notwendig. Ein Kaiserschnitt ist nicht sanft – schon gar nicht für das Kind. Die Frauen werden zum Teil jedoch schlecht aufgeklärt, oft wird ihnen vorgegaukelt, der Kaiserschnitt wäre die sichere Variante. Ist sie aber nicht. Ähnlich ist es bei einer PDA (Periduralanästhesie). Die wird inzwischen mindestens bei jeder zweiten Geburt gesetzt – häufig viel zu früh und unnötigerweise.

Und was ist mit Geburtshäusern oder der Arbeit als Beleghebamme? 

Früher war das eine Alternative für viele Kolleginnen. Das wird heute aber immer schwieriger. Schon allein aufgrund der immensen Versicherungssumme, die die Beleghebammen aufbringen müssen. Sie liegt jährlich bei etwa 8000 Euro. Zudem haben sie eine enorme Verantwortung, die auch nicht mehr jeder auf sich nehmen möchte.

Begleiten Sie selbst noch Geburten? 

Ich habe einen Vertrag mit dem Katholischen Krankenhaus in Unna und werde etwa zwei, dreimal im Monat zu Geburt gerufen. Dazu übernehme ich Rufdienste. Wenn zum Beispiel mehr als zwei Geburten für eine Kollegin gleichzeitig anstehen, muss eine weitere Hebamme hinzugeholt werden. Dann springe ich ein.

Wie finden Frauen die richtige Hebamme für sich? 

Entscheiden sollte auf jeden Fall die Symphatie. Schließlich geht es ja durchaus um intime Dinge. Da ist es wichtig, dass man sich versteht.

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