Lieferengpässe treffen Fahrradhändler und Radstation in Bönen

Ersatzteile für Reparaturen sind kaum zu bekommen

Die Materialknappheit trifft auch Zweirad-Lülf in Bönen
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Mitarbeiter Matthias Wejda und Geschäftsinhaber Bernhard Lülf versuchen derzeit verzweifelt, an notwendige Ersatzteile für die Fahrradreparaturen heranzukommen. Viele Kunden mussten sie schon vertrösten.

Es gäbe mehr als genug zu tun für Bernhard Lülf und seine Mitarbeiter. „Ich könnte Fahrräder reparieren ohne Ende, Fahrräder verkaufen, Geld verdienen“, sagt der Inhaber von Zweirad-Lülf an der Bahnhofstraße. Und doch bangt er um seinen Betrieb. Seit Monaten bekommt der Fachhändler kaum noch Ersatzteile für seine Werkstatt oder gar neue Räder für das Geschäft. Materialknappheit und Lieferengpässe in etlichen Branchen schnüren nicht nur ihm zunehmend den Hals zu.

„Wir müssen alles verschieben“, beschreibt der Inhaber der „Kleinen Radwerkstatt“. Seinen Kunden verlässlich mitzuteilen, wann er die Bremsscheiben an ihren Rädern erneuern kann oder den Reifen, vermag er zurzeit nur selten. Stattdessen bekommt Lülf E-Mails von den Großhändlern, die fast alle den gleichen Inhalt haben: „Wir können unsere Liefertermine aufgrund der angespannten Liefersituation nicht einhalten.“ Es fehlt an fast allem, an Bremsbelägen, Sätteln, Naben und vielem mehr.

Neue Räder für den Verkauf sind ebenfalls Mangelware. „23 Fahrräder habe ich bestellt, elf bekomme ich“, berichtet der Fachhändler. Dabei ist die Nachfrage in der Corona-Pandemie, mit Blick auf den Klimawandel und dem Trend zum E-Bike deutlich gestiegen. Lülf und seine Kollegen könnten also gut am Fahrradverkauf verdienen – wenn sie denn etwas anzubieten hätten.

„Inzwischen bekomme ich keine Lieferbestätigungen mehr, sondern ‘Zugangsbestätigungen’ einer Bestellung“, berichtet er. Darin werde ihm lediglich bestätigt, dass er bestellt habe, was als „unverbindlichen Bestellwunsch“ entgegengenommen wird. Was wann und zu welchem Preis tatsächlich beim ihm landet, können die meisten Lieferanten nicht angeben. Geliefert werde jedenfalls zu dem dann geltenden Preis, heiße es da.

Notlösungen zur Überbrückung

„Schwalbe, ein Reifenhersteller, soll bis 2023 ausverkauft sein“, hat Lülf vor Kurzem erfahren. „Es heißt, die Großhändler hätten alle geordert. Wir müssen jetzt also ganz schnell Reifen kaufen, egal, welche verfügbar sind.“ Bremsscheiben hat er hingegen zuletzt von einem Hersteller aus dem Sauerland bekommen. Das sind allerdings „Exoten“.

„Wir brauchen hauptsächlich Shimano, weil das nun mal der Platzhirsch ist“, beschreibt er die Stellung des weltweiten Marktführers vieler Fahrradteile. An die Kassetten des Japaners sei jedoch momentan kein Drankommen – zumindest nicht an die gängigen. „Die hochpreisigen für 600, 700 Euro sind zu haben. Aber das, was Otto Normalverbraucher braucht, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, das bekommen wir nicht.“

Lülf und seine Mitarbeiter setzen alle Hebel in Bewegung, um zu beschaffen, was irgendwo zu beschaffen ist. So ordern sie etwa in den benachbarten Niederlanden – bekanntermaßen ein „Fahrradland“. Doch selbst dort sind die Lager mittlerweile geräumt. „Wir bestellen jetzt auf blauen Dunst und hoffen, dass irgendetwas kommt.“

Ersatzteile, die vor fünf Wochen bestellt wurden, sollen beispielsweise Ende Dezember geliefert werden. „Und das ist noch früh: Eine Sram-Kassette – Sram ist ein amerikanischer Hersteller – ist für Oktober 2023 angekündigt“, macht Bernhard Lülf das Ausmaß der Engpässe deutlich. „Es ist eine Katastrophe.“ In der Not versucht der Experte defekte Teile, die er normalerweise austauschen würde, gangbar zu machen. „Wenn wir ein Schaltwerk auseinanderbauen und es ordentlich richten, wird das Material aber weicher. Durch die Beanspruchung hält das nur kurzfristig“, erklärt Lülf.

Die Situation habe sich schon zum Jahreswechsel abgezeichnet. „Zu Jahresbeginn haben wir deshalb mit unseren begrenzten Mitteln alles gekauft, was ging.“ Alles, was seine Kunden sicher durch den Herbst bringt, habe er daher glücklicherweise noch vorrätig, Rücklichter zum Beispiel. Bei vielen anderen Artikeln sieht es dagegen düster aus. „Bei Scheibenbremsen ist nichts zu machen“, so Lülf. Zwar würden die Hersteller in Indonesien inzwischen wieder arbeiten, doch fehlen ihnen Rohstoff aus China.

Gründe für die massiven Mängel gibt es mehrere. Zum einen ist da natürlich die Corona-Pandemie, die rund um den Globus zu Produktionsausfällen geführt hat und zu Sperrungen von bedeutenden Häfen, insbesondere in Fernost. Von dort werden besonders viele Güter verschifft. Dazu kommen Nachwirkungen von Wirbelstürmen, Bränden und Flutkatastrophen, die Rohstoffe knapp und teuer werden lassen. Und schließlich sorgte die Havarie des Containerschiffes „Ever Given“ im Suezkanal bis in den Sommer hinein zu Verspätungen und Turbulenzen im Schiffsverkehr.

Preise ziehen deutlich an

Und wie überall gilt: Was knapp ist, wird teurer. „Die Kosten sind explodiert“, stellt der Bönener Fahrradhändler fest. Das wundert ihn nicht. „Ein Schiffscontainer kostet heute das Zehnfache“, hat er erfahren. Die Fracht braucht außerdem mittlerweile erheblich länger, um endlich im Zielhafen anzukommen – wenn dieser nicht gerade gesperrt ist. Im viertgrößten Hafen der Welt, Shenzhen-Yantian in Südchina, stauten sich vor einigen Wochen tausende Containerschiffe aufgrund eines Corona-Ausbruches unter den Hafenarbeitern. Häfen wie Rotterdam und Hamburg, die für die deutschen Unternehmen so immens wichtig sind, kämpfen hingegen mit Überlastung und wurden daher teilweise nicht mehr angefahren.

„Wenn ich all das jedem Kunden erklären soll, habe ich abends keine Stimme mehr“, so der Bönener Händler. Ihn ärgern besonders diejenigen, die sich zwar darüber aufregen, dass er ihr Rad nicht innerhalb von kürzester Zeit wieder flott machen kann, sich aber überhaupt nicht für das Weltgeschehen interessieren. „Sie lesen keine Zeitung, hören keine Nachrichten und glauben einem dann noch nicht mal, wenn man die Situation schildert.“

Bei ihm hat sich viel Frust aufgestaut. „Für uns ist das ganz sicher kein Spaß mehr“, klagt Lülf. Seine ganze Branche leidet. Einige Großhändler hätten ihre Mitarbeiter bereits in Kurzarbeit geschickt. Er selbst muss sich Gedanken darüber machen, wie er seine laufenden Kosten, beispielsweise für Personal und Miete, jeden Monat aufbringt. Mit einer Entspannung rechnet der Fachhändler noch lange nicht. „Bis Ende 2022, Anfang 2023 haben wir sicher damit zu kämpfen.“

Stefan Rose von den DasDies-Radstationen im Kreis Unna kämpft ebenfalls mit dem Mangel. „Wir haben kein Material, es fehlt alles Mögliche“, weiß der Betriebsleiter, der unter anderem für die Radstation am Bönener Bahnhof zuständig ist. Zahnkränze, Ketten, Reifen – Rose weiß kaum, wo er die geforderten Ersatzteile her bekommen soll. „Zum Glück haben wir noch relativ viele Teile da, weil wir früh bestellt haben“, erzählt Rose. Er habe die Entwicklung Ende vergangenen Jahres sorgsam beobachtet und entsprechend gehandelt.

Dennoch müssen er und seine Mitarbeiter immer mehr Kunden vertrösten, die ihre Räder reparieren und warten lassen wollen. Die Lager bei den Fachhändlern leerten sich zunehmend. „Die Lieferfähigkeit gerade aus China nimmt immer weiter ab.“ Rose befürchtet einen herben Umsatzeinbruch für das Integrationsunternehmen der Arbeiterwohlfahrt. (Awo), wenn die Situation weiter anhält.

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