Einzelhandel im Lockdown

Zwischen verzweifelt und gelassen

BuK Buchladen Mitarbeiter
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Die „Bücherengel“ von Buch und Kunst nehmen auch weiterhin Bestellungen entgegen und geben die Ware zu den Öffnungszeiten aus.

Bönen – Es ging jetzt alles ganz schnell: Zwei Tage blieben den Inhabern der meisten Bönener Einzelhandelsgeschäfte, ab Mittwoch gilt für die meisten nun der Lockdown. Für einige Inhaber ist die erneute Schließung eine harte Prüfung, die sie an den Rand ihrer Existenz bringt, andere Betreiber sehen der aufgezwungenen Ruhepause eher gelassen entgegen.

Alle Bönener Einzelhändler betonen jedoch, dass der Lockdown, so hart er auch sei, dringend notwendig sei, um die weiterhin steigenden Infektionszahlen einzudämmen.

In der Boutique von Eleonore Beier an der Fußgängerzone ist die Stimmung gedrückt. „Wir wissen noch nicht, wie es weiter geht“ sagt ihre Tochter Silke Beier. „Wir haben in diesem Jahr 15 Prozent der Einnahmen, die wir sonst hatten. Von September bis jetzt haben wir vielleicht noch 40 Prozent des Umsatzes gemacht. Wir kriegen auch nichts von den angekündigten Hilfen weil meine 90-jährige Mutter, die die Ladeninhaberin ist, Rente erhält.“ Tochter Silke erhält als Angestellte Kurzarbeitergeld.

Silke Beier und Mutter Eleonore wissen nicht wie es weiter geht.

Aber die Kosten laufen weiter. „Wir müssen unsere Miete weiter zahlen. Unser Vermieter haben allerdings signalisiert, dass wir die Miete auch später zahlen können.“ Neben Damenoberbekleidung und Accessoires bieten Mutter und Tochter nebenan auch Fußpflege und ein Nagelstudio an. Einen Großteil des Umsatzes machte früher das Nagelstudio, das schön länger geschlossen ist. „Wir haben Angst, dass die Kunden, die sich sonst regelmäßig die Nägel machen lassen, nach dem zweiten Lockdown erst mal nicht wiederkommen.“ Auf ihrer Facebookseite bietet Silke Beier jetzt Waren aus der Boutique an und hofft auf Kunden, die hier noch ein Geschenk suchen. „Ich würde die Sachen auch in der Umgebung ausliefern.“

Waren bestellen und kontaktlos am Laden abholen, dieses Konzept – vergleichbar mit dem Ausser-Haus-Verkauf in der Gastronomie – bieten mehrere Bönener Läden ab sofort ihren Kunden an. Der Buchladen BuK etwa musste zwar am Dienstagabend seine Türen schließen, wie viele andere „nicht systemrelevante“ Läden auch, die nicht für den täglichen Bedarf sorgen. Zwar war der Kundenansturm am Samstag und Montag groß, der letzte Verkaufstag verlief ruhiger.

Dennoch stehen noch viele bestellte Bücher im Regal und warten auf Abholung vor dem Fest. Kein Problem, denn zu den üblichen Öffnungszeiten werden Mitarbeiter vor Ort sein und die bestellte Ware rausgeben. Auch weiterhin werden Bestellungen per Telefon, per Mail oder über die BuK-Homepage entgegengenommen. Die Mitarbeiterinnen bitten allerdings darum, mit Bargeld zu bezahlen, denn Kartenzahlung sei an der Tür nicht möglich.

Daniela Kupsch bearbeitet bei Foto Sommer die letzten Aufträge für Fotogeschenke fürs Fest.

Bei Foto Sommer sorgt Daniela Kupsch dafür, dass jeder seine bestellten Fotos noch bis zum Fest erhält. „Familienporträts sind beliebte Geschenke zu Weihnachten“, weiß sie. Deshalb bearbeitet sie noch alle Aufträge, die bis Dienstag eingegangen sind, sodass sie bis zum 24. Dezember noch an der Tür abgeholt werden können. So landet das bestellte Familienbild noch unterm Christbaum.

Auch Frank Lindek, Inhaber von Brillen Schäfer, bietet einen Abholservice an. Zwar darf der Optiker seinen Laden, ebenso wie sein Kollege Dirk Bücher in der Fußgängerzone offenhalten während des Lockdowns, weil seine Dienste unverzichtbar für den Durchblick sind. Aber Lindek bietet in seinem Geschäft auch Uhren und Schmuck an. „Wer ein Geschenk bestellt hat, kann das bei uns noch bis zum Fest abholen und bekommt es an der Tür ausgehändigt“, versichert er.

Frank Lindek darf den Optikerbereich bei Brillen Schäfer weiter öffnen.

Während in anderen Innenstädten an den vergangenen zwei verkaufsoffenen Tagen die Hölle los war und sich teilweise Schlangen vor den Geschäften bildeten, blieb es in der Bönener Fußgängerzone ruhig. Einzig die Friseure hatten am Dienstag alle Hände voll zu tun. Ihre Dienste gelten als verzichtbar und müssen schließen. Das sahen viele Bönener anders und nutzten den letzten Tag, um noch einen Haarschnitt vor den Festtagen zu bekommen. Vor dem Laden von Frank Wiesner bildeten sich am Dienstag zeitweise sogar Warteschlangen. Damit möglichst viele Kunden noch an die Reihe kamen, waren Überstunden angesagt.

Blickt besorgt in die Zukunft: Liselotte Tuschy von Haarmoden Stephanie.

Im Salon Haarmoden Stephanie unter dem Dach von Rewe Karwoth kam nur zu einer neuen Frisur, wer zuvor einen Termin vereinbart hatte. „Wir können nicht mehr als arbeiten“, so Liselotte Tuschy. Zwar arbeitete das Team an diesem Tag länger, kurzfristige Anfragen von allen, die vom Lockdown kalt erwischt wurden, konnten aber nicht mehr berücksichtigt werden. Nun heißt es mindestens bis zum 10. Januar schließen. „Das bedeutet, wir haben wieder keine Einnahmen, während die Kosten weitergehen“, sagt Liselotte Tuschy. „Wir müssen nicht aus hygienischen Gründen zumachen, sondern aus Solidarität. Wir gehen dann auch aus Solidarität pleite.“ Wenn der Lockdown länger dauern sollte, dann sorgt sie sich schon, ob der Laden das übersteht.

Kristina Koch ist froh, dass sie nun doch den Blumenladen am Rewe-Parkplatz weiter öffnen darf.

Richtig freuen konnte sich Kristina Koch vom Blumengeschäft am Rewe-Parkplatz am Dienstag. Am frühen Morgen wurde entschieden, dass Blumenläden nun doch geöffnet bleiben dürfen. „Wir sind wirklich froh darüber“, gesteht Koch. „Wir hätten unsere Ware sonst wegschmeißen müssen, das hält sich ja nicht.“ Nun gehören Blumen doch zur Grundversorgung vor dem Fest. „Allerdings ist die Auswahl derzeit etwas eingeschränkt. Wer etwas Besonderes sucht, sollte vorbestellen.“

Malermeister Dirk Steinkamp hat volle Auftragsbücher.

Gelassen nimmt Malermeister Dirk Steinkamp den Lockdown. „Der Laden muss geschlossen bleiben, aber der Malerbetrieb läuft weiter – und das in diesem Jahr vielleicht besser als sonst. Denn Handwerker seien gefragt im Jahr 2020. „Weil die Leute nicht in Urlaub fahren können, lassen sie sich die Wohnung renovieren, um es schön zu haben. Die Auftragsbücher sind voll bis ins neue Jahr hinein. Ich denke, wir werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie eher im kommenden Jahr spüren.“ Auch seine Mutter Ingrid nimmt den Lockdown gelassen: „Unser Betrieb besteht seit 1909. Wir haben Kriege überstanden und wir werden auch Corona überstehen.“

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