Biologe beobachtet Artenvielfalt an der Seseke

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Der Neuntöter fühlt sich am Regenrückhaltebecken am Schwarzen Weg offenbar wohl - zumindest jetzt noch.

Bönen – Es zirpt, zwitschert und piept am Schwarzen Weg. Am Himmel kreisen Mauersegler. Eine Nutriafamilie planscht am Ufer der zurzeit nur kleinen Wasserfläche. Das zum Zweck des Hochwasserschutzes gebaute Regenrückhaltebecken an der Seseke ist ein Kleinod für Vögel. Davon ist zumindest Bernhard Glüer überzeugt. Der Mit-Autor des aktuellen Naturreports „Vögel im Kreis Unna“ beobachtet Bönens gefiederte Tierwelt zweimal pro Woche.

Mit Kamera und Fernglas, vor allem aber mit viel Erfahrung und einem guten Ohr erkennt er Kiebitze, Neuntöter, Goldammer und viele weitere Vögel am Bewegungsmuster im Flug, am Gesang und an der Farbgebung. Das Regenrückhaltebecken stuft er als besonders wertvoll ein, auch wenn dort nicht alles perfekt ist. Die Nilgänse zum Beispiel, die sich dort niedergelassen haben, gehören zu den invasiven Arten, und ebenso die Nutria, Biberratten genannt, sind keine ökologische Bereicherung. 

Dafür fühlen sich dort auch heimische Arten, wie Nachtigallen, Mauersegler und Kuckuck wohl. Der pensionierte Biologielehrer wandert den Sesekeweg entlang. Dass es an allen Ecken zwitschert, fällt Ungeübten erst auf, wenn der Experte darauf hinweist. In kurzen Abständen bleibt er abrupt stehen, deutet nach rechts und links in die Büsche oder aufs Wasser. „Eine Krickente!“ Sie ist der Ritterschlag für das Gelände, erklärt Bernhard Glüer, allerdings ist das Lob nur von kurzer Dauer, denn die Fläche, so wertvoll sie jetzt gerade ist, birgt vor allem für die bodenbrütenden Vögel viele Gefahren. „Bei Hochwasser steigt das Wasser hier sehr schnell an“, gibt Bernhard Glüer zu bedenken. Damit schafft das Becken keinen natürlichen Lebensraum für die bedrohte Tierwelt. Es ist eher eine Simulation. „Das kann funktionieren oder auch schiefgehen“.

Mit Fernglas und Kamera ausgestattet besucht Bernhard Glüer zweimal wöchentlich die Gemeinde.

Zwei Kiebitzpaare identifiziert der Biologe auf der Fläche. Das hört sich zunächst großartig an. Schließlich gilt dieser Vogel als extrem bedroht. Zwei Paare seien aber zu wenig, denn Kiebitze brüten eigentlich in Brutgemeinschaften und auf offenen Ackerflächen. So können die Männchen gegen Feinde regelrecht zusammenarbeiten. Ungünstig sind für die Bodenbrüter, außerdem die Zeiten, in denen das Gras rund um das Becken gemäht wird. Aber auch der allgemeine Insektenmangel und schlagartiges Hochwasser bedrohen die Vögel. 

"Seltene Vogelarten sind langfristig nicht zu retten"

Hinzu kommen Fressfeinde. Dazu gehört vor allem der Waschbär. Waschbären sind Kulturfolger, hochangepasste Beutegreifer, die im Gegensatz zum Fuchs nicht nur am Boden jagen, sondern auch auf Bäume klettern, stellt der Biologe klar. Die feingliedrigen „Hände“ erlauben diesem Zuwanderer aus Nordamerika, der in unseren Breitengraden keinen natürlichen Feind hat, Nester und künstliche Nisthilfen auszuräumen. So schön, natürlich und bevölkert das Becken am Schwarzen Weg sich auch präsentiert. Kiebitz und viele andere seltene Vögel sind langfristig nicht mehr zu retten, prognostiziert Bernhard Glüer bedauernd. 

Vorerst gibt es rechts und links des Schwarzen Wegs aber noch viel zu sehen und zu hören. Wer sich einen Eindruck von der bunten Vogelwelt verschaffen will, sollte die Zeit jetzt nutzen. Viele Vögel befinden sich zwischen zwei Brutzeiten. Ihr Gesang dient der Verteidigung der Reviere und ist laut zu hören. Auch sind die hochaktiven Vögel jetzt öfter in der Luft zu sehen. Glüer rät, sich nicht anzuschleichen, sondern normal vorbei zu marschieren, denn die Tiere reagieren weniger scheu auf Menschen, die sich normal verhalten. „Sie dürfen sich ruhig unterhalten“, gibt der Experte Entwarnung. „Das stört die Vögel nicht.

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