Kein hundertprozentiger Schutz möglich

Bilanz nach Hochwasser: Darum kam Bönen glimpflich davon

Regenüberlaufbecken
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Robert Eisler und Stephan Stein von der Gemeindeverwaltung begutachten das Regenüberlaufbecken. Beim Starkregen Mitte Juli halfen die Becken am Hagenweg dabei, die Kanalisation zu entlasten.

80,7 Liter Regen pro Quadratmeter binnen 22 Stunden, davon 36,9 in nur 40 Minuten, auf 38 043 300 Quadratmetern Gemeindefläche, von denen überschlägig mehr als zehn Millionen bebaut und versiegelt sind. Das sind ein paar Kennziffern zu dem großen Guss Mitte Juli, auf den der Fachbereichsleiter Bauen, Robert Eisler, und sein Stellvertreter Stephan Stein auf Bitte der Redaktion eine fachliche Rückschau gehalten haben.

Bönen - „Bönen hat Glück gehabt, die Feuerwehr hatte alles gut im Griff, sie konnte sogar zum Helfen nach Bergkamen ausrücken“, bilanziert Eisler beim Treffen am Regenüberlauf- (RÜB) und -rückhaltebecken am Hagenweg. An dem nun trockenen Bauwerk hing nämlich das zitierte „Glück“ der Bewohner im Zentralort. Die im Zeitraum 2018 / 2019 grundlegend sanierten und erweiterten Regenbecken erhöhen im Zusammenspiel mit dem hier beginnenden Reinwasserkanal in relevanter Weise die Entwässerungssicherheit, wie Stein betont.

Die Mengen, die sich vergangenen Monat vom Himmel ergossen haben, so der Ingenieur, „das tut einer Kanalisation schon weh.“ Allein in den 40 Minuten Wolkenbruch sind Niederschläge angefallen, welche gemäß den langjährigen Aufzeichnungen des DWD (Deutscher Wetterdienst) einer statistischen Häufigkeit eines sogenannten 50-jährigen Regenereignisses entsprechen.

Unwetter in Bönen: Starke Regenfälle sorgen für vollgelaufene Keller

Unwetter in Bönen
Unwetter in Bönen
Unwetter in Bönen
Unwetter in Bönen
Unwetter in Bönen: Starke Regenfälle sorgen für vollgelaufene Keller

Im Normalfall müssen am Hagenweg über das Bönener Netz schon Regenwassermengen von 68 Hektar versiegelter Fläche des Industriegebiets Am Mersch sowie 35 Hektar des natürlichen Einzugsgebiets, sprich Felder, abgeführt werden. Dass der zu erwartende mannigfaltige Rückstau in den Rohren ausblieb, liegt daran, dass der Zufluss in die „normale“ Kanalisation gedrosselt wird. Das RÜB läuft über, das Wasser verteilt sich im Rückhaltebecken.

Hier stehen seit dem Abschluss der Umbauarbeiten insgesamt rund 9800 Kubikmeter Rückhaltevolumen zur Verfügung, das für eine Entlastung des unterhalb liegende Abwassernetzes sorgt. Ist das voll, läuft das Wasser weiter in den Reinwasserkanal, der einen Rohrdurchmesser von 1,4 bis 1,8 Meter hat und in Höhe der Fritz-Husemann-Straße im tiefen offenen Graben Richtung Schwarzer Weg weiter zur Seseke führt.

Komplett vor einer Überschwemmung schützen, kann aber auch das beste Entwässerungssystem nicht. Die Regenfälle waren zu stark, weshalb nicht nur Straßen, sondern auch Keller unter Wasser standen.

„Wir können Misch- und Regenwasser vollkommen entkoppeln“, erläutert Stein. Die Investition von mehr als sieben Millionen Euro im Zeitraum 2014 bis 2019 für den Umbau der Beckeneinheiten Hagenweg und den Bau des Reinwasserkanals habe der Gemeinde große hydraulische Möglichkeiten eröffnet, viele Schwachstellen im Bönener Abwassernetz hätten durch den Reinwasserkanal beseitigt werden können. Einige bestünden dennoch, ergänzt Eisler. Wobei sich diese nach bisherigen Erkenntnissen auf die Bereiche offener Grabenführungen beschränken.

„Wir haben ja gerade mit der Feuerwehr zusammengesessen, um uns für den Einsatz zu bedanken. Dabei haben wir uns spiegeln lassen, wo es noch hapert. Wir werden die Schwachstellen gemeinsam herausarbeiten.“ Zudem liege ja der Antrag der SPD auf Erstellung einer Starkregenkarte vor, um sich zukünftig weiter zu wappnen.

Hausbesitzer in der Verantwortung

Der Fachbereichsleiter wies aber auch daraufhin, wo die Zuständigkeit der Gemeinde endet und jeder Hauseigentümer selbst in der Verantwortung steht: Auf dessen Grund und Boden nämlich, etwa mit dem Einbau von Rückstauklappen in den Hausanschluss, damit kein Abwasser in die Keller gedrückt werden kann. Dabei hilft die Verwaltung mit ihrem Wissen.

Einige längere Gespräche habe er wegen der jüngsten Schäden schon geführt, so Stein. „Wir beraten auch, wenn jemand anruft, so lange wir die Kapazitäten dafür haben.“

Und doch sei ein Hochwasser nicht zu vermeiden. „Das war ein Starkregen, für das eine Kanalisation nicht ausgelegt werden kann und gemäß Gesetzgeber auch nicht muss“, betonte Stein. Die Kosten wären immens. Zumal nicht absehbar ist, wo es kübelt oder viel weniger runter kommt. „Feuerwehrchef Stefan Eickelberg hat in Flierich gerade einmal 27 Liter gemessen“, fügt Eisler hinzu.

Tipps für Hausbesitzer

Der Lippeverband, dem auch Bönen angehört, hat auf einer Internetseite zusammengefasst, was Hauseigentümer in eigener Verantwortung für mehr Schutz vor Hochwasser tun können: www.starkgegenstarkregen.de/schutzprojekte-und-vorbeugemassnahmen/.

Die Gemeinde arbeite deswegen verstärkt daran, die Flächenversiegelung zu verringern, auf Privatgrundstücken wie im Industriegebiet. „Stichwort: Dachbegrünung“, sagt der Fachbereichsleiter. Bei Neubauten sei eine getrennte Entwässerung mit eigenem Regenrückhaltebecken, wie etwa hinter dem Penny-Markt für die Heinrich-Wieschhoff-Straße, zwingend.

Das geplante Baugebiet am Rehbusch soll von vornherein so ausgewiesen werden, dass Öko- und Klimagesichtspunkte für die Bauherren verbindlich werden.

Dass die Seseke als Abfluss allen Wassers überläuft, gilt übrigens als unwahrscheinlich. Die Hochwasserrisikokarte des NRW-Umweltministeriums verspricht den Bönenern auch bei einem Jahrhundertereignis trockene Füße.

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