Bakteriophagen im Einsatz gegen die Keime

Professor Dr. Hansjörg Lehnherr von der PTC GmbH in Bönen hofft, Bakterien künfig natürlich bekämpfen zu können.

BÖNEN ▪ In den Kliniken schrillen die Alarmglocken. Immer mehr Menschen infizieren sich dort mit dem MRSA, dem Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus. Für viele von ihnen gibt es keine Rettung, inzwischen sterben mehr Menschen an dem Krankenhaus-Keim als an der Immunschwäche Aids.

Und das ist erst die Spitze des Eisbergs, sagt Professor Dr. Hansjörg Lehnherr von der Phage Technology Center (PTC) GmbH. „Die Bakterien werden resistent. Den Ärzten geht die Munition aus“, weiß der Mikrobiologe. In seinem Labor in Bönen entwickeln er und sein Team eine Alternative zum Antibiotika. In der vergangenen Woche wurde das Unternehmen dafür mit dem zweiten Platz beim Bio-Gründer-Wettbewerb im Kompetenzzentrum Bio-Security ausgezeichnet.

Seit langer Zeit befasst Hansjörg Lehnherr sich mit den Bakteriophagen, den „Bakterienfressern“. Diese winzig kleinen Parasiten benötigen nämlich die Bakterien als Wirte, um sich fortpflanzen zu können. „In der Natur herrscht ein Gleichgewicht zwischen Bakterien und Phagen“, weiß der gebürtige Schweizer. „Den Bakterien geht es mit ihnen besser und die Phagen rotten auf der anderen Seite die Bakterien nicht aus.“ Wird die Konzentration an Phagen jedoch erhöht, geht es den Bakterien an den Kragen.

Genau das ist der Ansatz, mit dem die PTC sich beschäftigt. Seit August 2008 forschen und entwickeln die Experten im Kompetenzzentrum Bio-Security in Bönen. Derzeit liegt ihr Augenmerk auf der Bekämpfung von Salmonelleninfektion in der Tierhaltung. Ihre Vision ist es aber, die Ergebnisse ihrer Arbeit, die inzwischen mit einem Patent geschützt ist, eines Tages auch auf andere Bakterienstämme auszuweiten und so vielleicht auch den MRSA-Keim in den Griff zu bekommen.

„Die Bakterien haben sich angepasst, und die Möglichkeiten, sie mit Antibiotika zu bekämpfen sind weitestgehend ausgereizt“, sagt der Wissenschaftler. Um ein neues Antibiotikum auf den Markt zu bringen, sind in der Regel zehn Jahre Forschungsarbeit nötig und oft schon nach einem halben Jahr sind die Bakterien immun dagegen. Die Folgen sind besorgniserregend: Viele Krankheiten können nicht mehr behandelt werden „Antibiotika wurde in der Vergangenheit zuviel und zu unkontrolliert eingesetzt“, so Dr. Hansjörg Lehnherr.

Zum Beispiel in der Tierhaltung: Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 50 000 Fälle von Salmonelleninfektion gemeldet, in Wirklichkeit sei die Zahl sogar höher, da das Meldeverfahren nicht optimal sei, so Lehnherr. „Mit Antibiotika ist das nicht mehr in den Griff zu bekommen.“ Deshalb setzt er auf eine natürliche Behandlung, eben auf die Bakteriophagen. Diese Symbiose von Wirt und Parasit im Kampf gegen die Krankheiten einzusetzen, scheiterte jedoch bislang an der großtechnischen Produktion. Zwar gelang es einigen Wissenschaftlern, geeignete Bakteriophagen zu isolieren und zu vermehren, doch die Menge reichte einfach nicht aus, um damit wirklich etwas gegen die Krankheitserreger auszurichten.

„Die Reinigung war der Flaschenhals“ sagt der Experte. Anfang 2010 ist ihm und seinen Mitarbeitern der Durchbruch gelungen, ihre speziell entwickelten Filteranlagen haben inzwischen eine Kapazität von 120 Litern. Weltweit ist die PTC GmbH damit die Einzige, die eine Lösung in ausreichender Menge herstellen kann. Und ihr Präparat hat den Praxistest bereits bestanden. Verabreicht wurde die Lösung über das Trinkwasser 120 000 Putenküken, die damit vor einer Salmonelleninfektion nachweislich geschützt wurden.

Nun hat das kleine Unternehmen eine EU-Zulassung für ihr Produkt beantragt. Sollte dem zugestimmt werden, können die Bönener Wissenschaftler mit der Vermarktung beginnen. Dann soll die PTC wachsen und damit auch die Chancen, bakterielle Infekte zukünftig auf natürliche Weise und ohne Nebenwirkungen für Mensch und Tier bekämpfen zu können. ▪ fla

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