Bäume in Not: Mit dem Förster unterwegs im Bönener Wald

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Matthias Müller befürwortet das sanfte Durchforsten. So können sich neue Bäume am Boden entwickeln.

Bönen - Es gibt eine schlechte und eine gute Nachricht aus dem Mergelbergwald. „Hier ist nicht alles in Ordnung. Wir haben die gleichen Schäden, die überall im Land festzustellen sind“, sagt Matthias Müller vom Landesbetrieb Wald und Forst NRW. „Aufgrund der kleinen Bestände fällt das aber kaum auf.“

Der Revierförster macht das an einem Beispiel deutlich: das Fichtensterben. Während in anderen Regionen, etwa in der Eifel, im Bergischen Land oder im Sauerland mittlerweile riesige Flächen kahl stehen, sind im Bönener Wald nur wenige Bäume betroffen. „Das liegt an der Zusammensetzung. Der Wald ist strukturreich, ein Mischwald“, erklärt Matthias Müller. 

Er betreut für die Gemeinde etwa ein Drittel des Mergelbergwaldes, für die anderen beiden Drittel ist der Regionalverband Ruhr (RVR) mit seinen Forstfachleuten zuständig. In Müllers Revier sind nur etwa zwei Prozent der Bäume Fichten – und die hat es größtenteils auch erwischt. Zu erkennen ist das an den abgestorbenen Kronen und Zweigen. Wer nahe an die Stämme herantritt, kann zudem auf den Blättern das Bohrmehl sehen, dass die Borkenkäfer dort hinterlassen haben. 

Laubbäume nehmen Standraum ein

Ebenso sind die Bohrlöcher der Insekten zu sehen und die des Spechtes. Der hat sich die Larven des Schädlings aus der Rinde geholt, was den Baum zusätzlich schwächt. Die Borkenkäfer sind es, die den Fichten den Todesstoß versetzen. 

Sie scharren sich in die Äste und Stämme der Bäume und zerstören dabei wichtige Wasserleitungsbahnen. Wenige Käfer verträgt ein Wald durchaus, helfen sie doch dabei, abgestorbene Bäume zu zersetzen. Doch in diesem Jahr gibt es landesweit einfach zu viele. Es ist eine regelrechte Borkenkäferinvasion. Die lässt sich auf die beiden aufeinanderfolgenden trockenen und warmen Sommer sowie die viel zu milden Winter zurückführen. 

Ohne Frost kommen die meisten Larven gesund in den Frühling und können sich dann massenweise verbreiten. Für die Fichten im Mergelbergwald sieht es gar nicht gut aus. „Wegen der Verkehrssicherheit müssen sie wohl in den kommenden ein, zwei Jahren gefällt werden. 

Die Fichten im Mergelbergwald sind größtenteils Opfer des Borkenkäfers geworden.

Es sei denn, sie stehen mitten im Wald. Dort kann man sie auch stehen lassen“, sagt Müller. „Totholz ist nämlich lebendiges Holz.“ Auf den abgestorbenen Bäumen bilden sich Pilze, Moose und Flechten, die das Holz zersetzen und zu wichtigem Humus machen. 

Die „Löcher“ die die fehlenden Fichten hinterlassen werden dagegen in ein paar Jahren kaum noch auffallen. „Die Laubbäume nehmen ihren Standraum ein“, so der Forstwirt. Immer wieder ist es umstritten, ob es für einen Wald besser ist, ihn komplett sich selbst zu überlassen oder eben doch zu bewirtschaften. „Wie immer ist wohl der goldene Mittelweg der richtige – sowohl für den Wald, als auch für das Klima“, schätzt der Revierförster. Holz speichert nämlich den Klimakiller Kohlenstoffdioxid. 

Wird es verarbeitet, schlummert noch Jahrzehnte lang CO2 in Böden, Treppen oder Kleiderschränken. Als Totholz wird ein Baum indes zersetzt und gibt das Gas wieder an die Atmosphäre ab. „Wir erzielen durch die forstwirtschaftliche Nutzung also einen positiven Nebeneffekt“, stellt Müller fest. Er und seine Kollegen gehen im Mergelbergwald dabei so sanft und nachhaltig wie möglich vor, wie er sagt. „Wir lassen die Natur arbeiten.“ 

Wo Platz ist, wachsen kleine Bäume nach

Kahlschläge gibt es nicht, dafür wird er strukturiert durchgeforstet. Es werden etwa Bäume gefällt, die anderen den Lebensraum streitig machen. Das war in einem Bereich der Fall. Dort haben sich die Buchen, eine sehr dominante Baumart, so breitgemacht, dass die Eichen unter den dichten Kronen verkümmert sind. Um die gesunde Mischung zu erhalten, wurden daher einige Buchen beseitigt. In die Lücken sind sofort die Eichen gegangen und strecken sich nun dem Licht entgegen. 

Auch am Boden lässt sich das feststellen. Überall, wo Platz ist, wachsen kleine Bäume nach, und zwar Buchen, Pappeln, Kirschen, Bergahorne – alles bunt gemischt. Darüber strecken die älteren Bäume ihre Kronen in den Himmel. „Das wollen wir“, sagt Matthias Müller. Er wünscht sich mehrere solcher „Stufen“ aus Bäumen verschiedenen Alters. Die Vorteile seien sowohl ökologisch als auch ökonomisch fest zu machen. „Wir müssen nichts nachpflanzen, das spart Geld.“ 

Und obwohl der Mergelbergwald auf den ersten Blick so gesund aussieht, gibt es eben doch einige „Sorgenkinder.“ Neben den Fichten sind das seit dem Spätsommer die Buchen. Sie leiden unter den Folgen der extremen Dürre im vergangenen Jahr. Der fehlende Regen und die starke Hitze haben dafür gesorgt, dass die Wasserreserven im Waldboden komplett erschöpft waren. 

Auf dem Totholz wachsen Pilze, Flechen und Moose.

Die tiefwurzelnden Buchen kamen zunächst zwar noch an die letzten Tropfen heran, aber irgendwann waren auch diese aufgebraucht. „Für die Bäume spielt der Standort eine wichtige Rolle. Dort wo sie tief durchwurzeln können, haben sie bessere Chancen als dort, wo die Bodenschichten das erschweren“, erläutert Müller. Sind in diesem Jahr die Buchen betroffen, können es im kommenden schon die Eichen sein. „Aber das ist Kaffeesatzlesen. Das müssen wir abwarten“, kann der Experten keine Prognose abgeben. 

Auf jeden Fall getroffen hat es bereits die Eschen. Der Bestand in der Nähe des Mergelbergteiches war massiv vom Pilz Hymenoscyphus pseudoalbidus, dem „Falschen Weißen Stengelbecherchen“, betroffen. Etliche Bäume mussten weichen, damit sie Spaziergängern nicht irgendwann auf die Köpfe fielen. 

Stürme und Schädlinge machen Bäumen zu schaffen

„Wir haben versucht, zu retten, was zu retten ist und erst mal die abgestorbenen und schwächsten Eschen gefällt. Zum Teil hat das funktioniert, zum Teil zeigen einige nun aber doch Absterbeerscheinungen“, bedauert der Fachmann. 

Und schließlich liegen inzwischen Dutzende Bäume auf dem Boden, die die Stürme der vergangenen Jahre umgerissen hat. „Das sind oft Pappeln, die ihr natürliches Alter erreicht hatten“, hat Matthias Müller festgestellt. Den ohnehin sterbenden Bäumen hat der jeweilige Sturm den Rest gegeben. 

Eine gesunde Eiche wirft hingegen so schnell nichts um – es sei denn, Ulmensplintkäfer, Zweipunktiger Eichenprachtkäfer, Stengelbecherchen, Borkenkäfer und – ganz aktuell in der Gemeinde – Cryptostroma corticale, ein Pilz, der die Ahorn-Rußrindenkrankheit verursacht, folgen weitere Schädlinge und Krankheiten. 

Sie alle haben in den vergangenen Jahren Spuren im Mergelbergwald hinterlassen. Aufgrund der guten Mischung von unterschiedlichen Baumarten ist das aber kaum zu sehen. Momentan, so Matthias Müller, gebe es jedenfalls keinen Bedarf, den Mergelbergwald zusätzlich aufzuforsten.

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