Zum Internationalen Weltfrauentag

Ausweg aus der Gewaltspirale: Geflüchtete Frau flieht in Bönen vor eigener Familie

Häusliche Gewalt
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In Bönen soll eine geflüchtete Frau von ihrer Familie misshandelt worden sein. Kein Einzelfall, wie Bärbel Förster von Zuflucht.Bönen bestätigt. 

Gewalt gegen Frauen findet nicht nur in den Nachrichten statt, sondern direkt nebenan vor unserer Haustür. Die Opfer leiden oft jahrelang stumm. Jeden dritten Tag kommt es in Deutschland zu einem Mord an einer Frau, weil Männer immer noch Frauen als ihren Besitz ansehen. Corona-Pandemie und Lockdown verschärfen die Lage noch. Ein aktueller Fall aus Bönen.

Bönen - Wie viel auswegloser muss die Situation für eine Frau sein, die nach Deutschland geflüchtet ist, die Sprache nicht beherrscht und kaum Kontakte hat? Das gilt für Djamila (Name von der Redaktion geändert), die sich in ihrer Verzweiflung an Bärbel Förster vom Verein Zuflucht.Bönen wandte, die sie bereits aus der Flüchtlingsbetreuung kannte. Als sie mit Bärbel Förster die Wohnung verlässt, taucht die Familie vor deren Haus auf und fordert die Herausgabe der Tochter. Inzwischen ist das Opfer in Sicherheit. „Das ist kein Einzelfall“, sagt Bärbel Förster.

In traditionellen islamischen Kulturen bleiben Frauen teilweise ihr Leben lang Besitz der Familie. Das bekannteste aktuelle Beispiel ist Latifa, die Tochter des Emirs von Dubai, deren Flucht der Vater vor vier Jahren verhindern konnte und die seitdem seine Gefangene ist.

Gewalt bleibt häufig unbemerkt

Die Familie entscheidet selbst dann über das Leben der Frau, wenn diese bereits verheiratet ist, weiß Förster. „Die Familie entscheidet, ob die Frau bei ihrem Mann bleibt oder ihre Familie zu verlassen hat, was dazu führen kann, dass eine Frau mit Gewalt von ihrem Mann und ihren Kindern getrennt wird und wieder in ihre Ursprungsfamilie zurückkehrt.“ Dort wird für sie von der Familie wieder ein neuer Mann ausgesucht. Eine eigene Wahl wird nicht akzeptiert. Misshandlungen, Kontaktverbote durch Handywegnahme – all das muss eine erwachsene Frau in solchen Situationen erdulden. Geschichten dieser Art hat Bärbel Förster in ihrer Arbeit als ehrenamtliche Helferin von Zuflucht.Bönen auch in der Gemeinde erlebt.

Nachdem sie von einem Zeugen darüber informiert worden war, dass in einer Familie offensichtlich eine erwachsene Tochter misshandelt wird, kümmerte sie sich mithilfe einer anderen Helferin, die die Sprache der Frau spricht, um Djamila.

Nicht immer erfahren Behörden und Hilfsorganisationen von diesen Fällen. Gewalt in Familien bleibt oft jahrelang unbemerkt hinter verschlossenen Wohnungstüren. „Wenn Nachbarn Hinweise auf Misshandlung mitbekommen, schauen sie oft weg, weil sie sich nicht einmischen wollen oder Angst vor Übergriffen haben“, sagt Förster und appelliert an Nachbarn und Freunde, nicht wegzuschauen, sondern die Polizei einzuschalten, wenn sie den Verdacht haben, dass eine Frau in ihrer Familie oder von ihrem Ehemann misshandelt wird.

Familie taucht vor dem Haus der Helferin auf

„Es fanden Gespräche mit der Familie statt“, berichtet Bärbel Förster über den aktuellen Fall. „Es wurde eine neue Wohnmöglichkeit bei einem Verwandten gefunden, und es wurde uns versprochen, dass die junge Frau sich jederzeit frei bewegen kann, Kontakte zu ihr immer möglich sind. Schnell zeigte sich, das waren alles leere Versprechungen.“

Djamila wollte nur noch weg von ihrer Familie. Als Bärbel Förster die Familie besuchte, war Djamila allein zu Hause und bat die Ehrenamtlerin, sie mitzunehmen und in Sicherheit zu bringen. Dann eskalierte die Situation. Die Familie hatte von der Flucht erfahren und belagerte das Haus von Bärbel Förster und forderte die Herausgabe der jungen Frau. In ihren Augen hatte die Tochter Verrat begangen, sich an Außenstehende zu wenden. Wie sie mit ihrer Tochter umgehen, ist allein ihre Angelegenheit, so die Überzeugung.

Bärbel Förster war zum Glück rechtzeitig gewarnt worden, brachte die völlig verängstigte Frau zunächst bei Freunden in Sicherheit und rief die Polizei um Hilfe. Als die eintraf, war die Familie bereits verschwunden. „Als wir dann vor meinem Haus eintrafen, zitterte Djamila am ganzen Körper und hatte Todesangst vor dem, was passiert, wenn ihre Familie sie jetzt findet. Sie suchte Schutz hinter einem Polizeiwagen, bis man ihr versicherte, dass ihre Familie nicht mehr da war.“

Polizei untersucht aktuellen Fall

Bärbel Förster gelang es, die junge Frau noch in dieser Nacht in eine sichere Unterkunft zu vermitteln, wo ihre Familie sie nicht findet und sie zur Ruhe kommen kann. „Eigentlich war geplant, dass ich sie bei mir unterbringe und wir am nächsten Tag in Ruhe nach einer Lösung suchen. Denn es ist nicht so einfach, von jetzt auf gleich einen sicheren Platz zu finden. Aber bei mir wäre sie nicht sicher gewesen.“

Die Familie tauchte später noch einmal vor dem Haus auf und versuchte, mit Telefonanrufen Druck auf Bärbel Förster zu machen. Wie weit die Familie gegangen wäre, um die junge Frau zurückzuholen, kann Förster nicht sagen. Aber auch sie als ehrenamtliche Helferin haben die Flucht und der Terror der Angehörigen belastet und verängstigt. Die Polizei verfolgt den Fall auch ohne eine Strafanzeige des Opfers weiter und befragt derzeit Zeugen über den Fall. Die sind, wenn sie Kenntnis von einer Straftat haben, zur Aussage verpflichtet.

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