Ausstellung über Trauertattoos im Rewe-Markt holt Tabuthema in den Alltag

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Kirsten Baumheinrich schaut sich die interessiert die Ausstellung „Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ im Eingangsbereich des Rewe- Markts an. 

Bönen – Das Thema Tod und alles, was damit zusammenhängt, ist immer noch ein großes Tabu. Darüber spricht man nicht. Mit einer ungewöhnlichen Aktion wollte der Bönener Bestattungsunternehmer Martin Schulte das Thema einmal in den Mittelpunkt des Alltags rücken – und das wortwörtlich.

Er holte die Wanderausstellung des deutschen Bestatterverbandes mit dem Titel „trauertattoo.de – Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ nach Bönen. Unterstützung fand er bei Adam Karwoth, Inhaber des Rewe-Marktes in der Ortsmitte, wo die Ausstellung bis Dienstag, 21. Mai, im Eingangsbereich zu sehen ist. 

Immer mehr Menschen lassen sich ein Tattoo stechen, um an einen Verstorbenen zu erinnern und ihre Trauer zu bewältigen. Die Ausstellung, die derzeit durch ganz Deutschland tourt, zeigt die Gründe. 

Die Fernsehjournalistin Katrin Hartig aus Magdeburg und Stefanie Oeff-Geffrath aus Halle haben die Ausstellung „Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ zusammengestellt. Hartig leitet seit Jahren die Selbsthilfegruppe der „Verwaisten Eltern und Trauernden Geschwister“. Sie hat bei den Trauernden immer wieder das Phänomen beobachtet, dass sie sich eine Trauer-Tätowierung stechen lassen und sich schließlich entschlossen, eine Ausstellung dazu zu machen. 

Dabei geht es vor allem darum, über die Trauer-Tattoos und die Gründe, warum Menschen sie stechen lassen, zu informieren. Sie hat sie zusammen mit Oeff-Geffrath entwickelt und zusätzlich zur Ausstellung ein Buch zum Thema gemacht. Zwei Jahre dauerte die Arbeit an dem Projekt. „Die Ausstellung soll das Thema Tod in den Alltag transportieren, denn der gehört schließlich zum Leben und betrifft jeden irgendwann einmal“, sagt Martin Schulte. „Dabei geht es nicht darum, für Tätowierungen zu werben. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, und nur eine von vielen Möglichkeiten, mit dem Verlust umzugehen.“ 

Überraschend positive Resonanz

Deshalb ist Schulte besonders froh, dass er Adam Karwoth für die Idee gewinnen konnte, die Ausstellungswände im Eingang seines Rewe-Marktes zu platzieren. Denn hier kommen besonders viele Menschen im Alltag vorbei. Er hätte die Ausstellung auch in die Trauerhalle verlegen können, „aber dort kommt kaum jemand vorbei“. 

Viele Menschen entscheiden sich zur Trauerbewältigung eben auch, sich eine Tätowierung machen zu lassen, die die Erinnerung an einen geliebten Menschen wach halten soll. Das kann ein schlichter Name oder ein Symbol sein oder ein Spruch, den derjenige mit der verstorbenen Person verbindet. Ein Trauertattoo ist ein relativ neuer Weg, mit der Trauer umzugehen. Je nachdem, ob es an einer gut sichtbaren Körperstelle gemacht wird oder nicht, wird der Träger mehr oder weniger auf sein Tattoo angesprochen. 

In der Ausstellung präsentieren sehr unterschiedliche Menschen ihre Tattoos: Eine Frau will damit verhindern, dass die Erinnerung an einen guten Freund verblasst, der sich das Leben nahm. Eltern, die ihre Kinder verloren haben, ließen sich eine Kinderzeichnung auf die Haut stechen.

„Die Resonanz auf die Ausstellung ist überraschend positiv“, findet Martin Schulte. „Die Leute bleiben stehen und setzen sich mit dem Thema auseinander.“ Und das sei schließlich der Sinn der Ausstellung, dass Passanten angeregt werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und darüber auszutauschen. „Dazu gehören auch Themen wie Patientenverfügungen, Testamente und ähnliches.“

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