Aus-gepfiffen: Musikvereine können Proben derzeit nicht wieder aufnehmen

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Es muss nicht immer der gesamte Bläserchor sein: Jeden Abend spielen Musiker des Evangelischen Bläserchors Bönen für ihre Nachbarn ein Ständchen, wie hier Silvia Gosewinkel (links) und Jürgen Naß mit Lebensgefährtin Angelika Keller an der Lenningser Straße.

Bönen – Trotz Lockerungen: Die Bönener Musikgruppen sehen derzeit keine Möglichkeit zu gemeinsamen Proben. Denn gerade Blasinstrumente erfordern besondere Abstandsregeln.

Nach dem Lockdown gibt es inzwischen in vielen Bereichen Lockerungen, die wieder unterschiedliche Aktivitäten möglich machen. Für Musikgruppen sind die Zeiten aber nach wie vor schwierig, vor allem für die Bläsergruppen, denn beim Spiel eines Blasinstruments strömt Luft aus und könnte Menschen in der Umgebung schlimmstenfalls mit dem Coronavirus infizieren. 

Maskenpflicht hilft nicht weiter, nur ganz viel Abstand. Die Bönener Musikgruppen gehen unterschiedlich mit den Einschränkungen um. „Unser Vereinsleben liegt im Augenblick komplett auf Eis“, sagt Marcus Müller, Vorsitzender des Spielmannszuges Bönen-Nordbögge. „Bis zum 31. August sind Konzerte untersagt, da haben wir das erste Mal in unserer Geschichte eine lange Sommerpause.“ 

Im Sommer 2019 auf dem Nordbögger Schützenfest war die Welt noch in Ordnung für den Spielmannszug Bönen-Nordbögge. Derzeit finden keine Proben statt, die Musiker sind umständehalber in der Sommerpause.

Das sei ihm am vergangenen Pfingstwochenende bewusst geworden. „Normalerweise haben wir einen Ausmarsch am Pfingstwochenende, da bin ich seit meiner Kindheit unterwegs in Sachen Musik. Jetzt blieb jeder zu Hause, weil Schützenfeste nicht stattfinden. So viel Freizeit wie im Moment hatte ich noch nie. Man muss es positiv sehen und das Beste draus machen“, findet er. 

Grundsätzlich gebe es Lockerungen seit dem 21. Mai, sodass Musikgruppen ihre Proben wieder aufnehmen können. „Aber die Vorschriften sind für uns nicht umsetzbar, wir sind ein Verein, der die Musik als Hobby betreibt. Die geltenden Auflagen können wir einfach nicht stemmen. Solange der Aufwand in keinem Verhältnis steht zum Nutzen, ist das für uns keine Option.“ 

Denn Voraussetzung für die Aufnahme der Proben sei unter anderem die Erstellung eines Hygienekonzepts und eine Raumgröße von mindestens zehn Quadratmetern pro Musiker. Das sei nicht umzusetzen. 

Besonders heikel seien die Querflöten. „Da blasen die Musiker nicht in ein Mundstück hinein, sondern darüber hinweg“, erklärt Müller. „Der eine spielt trockener, der andere feuchter. Beim Absetzen der Flöte könnten ebenfalls kleinste Partikel durch die Luft fliegen. Das bedeutet im Zweifelsfall, noch mehr Abstand halten.“ 

Deshalb hat der Spielmannszug jetzt erst einmal Sommerpause. Aber das heißt nicht, dass nicht geübt wird. „Das muss jeder für sich zu Hause machen, damit wir nicht ganz aus der Übung kommen“, sagt Müller. Aber er räumt ein: „Das Zusammenspiel mit den anderen, das fehlt mir schon sehr. Da lernt man, dass eben nicht alles selbstverständlich ist.“ 

Und weil nicht absehbar ist, wie die Dinge sich im Herbst entwickeln, ist das für November im Zechenturm geplante Jubiläumskonzert zum 95-jährigen Bestehen des Spielmannszuges abgesagt. 

„Das muss ja alles langfristig geplant werden, der Spielort fest gebucht werden. Da wir nicht wissen, wie die Situation im November ist, wird das Konzert nicht stattfinden. Denn wir wollen das Jubiläum sorgenfrei und sicher feiern. Das ist zurzeit einfach nicht möglich. Aber wir freuen uns darauf, irgendwann wieder zusammen zu musizieren, und hoffen, dass dann alle wieder an Bord sind.“ 

Auch beim Evangelischen Bläserchor ist an gemeinsame Proben derzeit nicht zu denken. „Die Auflagen, die wir erfüllen müssten, sind einfach zu aufwendig“, bestätigt Silvia Gosewinkel, die im Bläserchor Tenorhorn spielt. „Zumal mehr als die Hälfte unserer Mitglieder über 60 ist. Da muss man besonders vorsichtig sein.“

Und dann fehle es derzeit auch ein bisschen an Motivation. „Wozu proben? Es steht in diesem Jahr kein Konzert an. Alles ist abgesagt.“ Um den Kontakt zu halten, treffen sich Mitglieder mittlerweile einmal wöchentlich zum Video-Stammtisch. 

Nina Pieper erfreut ihre Nachbarn mit einem Solo.

Dennoch kommt ein Teil der Bönener in den Genuss eines allabendlichen kleinen Konzerts, das sie zusammen mit Musikerkollege Jürgen Naß spielt. 

„Wir haben am 18. März angefangen, abends um kurz vor acht auf seiner Terrasse an der Lenningser Straße einen musikalischen Gruß an die Nachbarn zu spielen. Erst war das nur ein Lied – Der Mond ist aufgegangen. Inzwischen haben wir unser Repertoire ausgebaut und spielen etwa 20 Minuten lang Folksongs, Yesterday von den Beatles, Choräle oder einen Wunsch, der uns erreicht.“ 

Die Resonanz ist positiv. Viele Nachbarn freuen sich über das Ständchen. „Wir bekommen am Ende unsichtbaren Applaus, das ist sehr schön.“ Ein Ersatz für das Zusammenspiel mit den Kollegen sei das aber nicht. „Ich bin ja nicht in den Bläserchor eingetreten, um solo zu spielen. Aber im Moment ist eben alles reduziert.“ 

Die Nachbarn sind begeistert, und so machen die beiden weiter – so wie Kollegin Nina Pieper an der Woortstraße. Immerhin sei ihr Spiel seit März viel besser geworden, findet Gosewinkel. Das abendliche Konzert sei eine gute Übung für Muskeln und Atemtechnik, dass der Ansatz nicht verloren geht.

Ihr abendliches Spiel ist schon eine feste Einrichtung geworden. Es soll sogar inzwischen Kinder in der Siedlung geben, die sich weigern, vor dem musikalischen Betthupferl schlafen zu gehen.  

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