Zur Not auch länger

Die Obdachlosenunterkünfte am Nordkamp. ▪
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Die Obdachlosenunterkünfte am Nordkamp. ▪

BÖNEN ▪ Eigentlich sind die Obdachlosenunterkünfte in Bönen da, um Menschen, die in eine Zwangslage geraten sind, ein Dach über dem Kopf zu sichern. Das ist schon per Gesetz eine Pflicht der zuständigen Ordnungsbehörde. So eine Unterbringung soll „vorübergehend“ sein „und die obdachlose Person sich weiterhin um einen anderweitig geeigneten Wohnraum bemühen.“

Tut sie das nicht, bleibt sie eben länger. Und das ist in Bönen die Regel. Sieben Personen zwischen 26 und 75 Jahren leben derzeit in den Obdachlosenunterkünften. Der Jüngste ist „bis zu ein Jahr“ dort, der Älteste schon „bis zu sechs Jahre“. Ein männlicher Bewohner im statistischen Alter zwischen 56 und 65 Jahren lebt schon seit über 20 Jahren in der „vorübergehenden“ Unterkunft.

Ein Zustand, den Edelgard Blümel ändern will. Als im Juni die Anhebung der Nutzungsgebühren für die Obdachlosenunterkünfte auf der Tagesordnung von Haupt- und Finanzausschuss (HFA) und Rat stand, ließ Blümel eine umfangreiche Vorlage erarbeiten, die den Status quo am Nordkamp eingehend darstellte. HFA und Rat nahmen die Änderung ohne Diskussion zur Kenntnis.

Drei Häuser hält die Gemeinde vor, über 30 Räume stehen zur Verfügung. Fünf Bewohner nutzen je ein acht bis 20 Quadratmeter großes Zimmer mit Kochnische und Gemeinschaftsbad, zwei leben in Wohneinheiten (zwei Zimmer, Küche Bad) von 27 Quadratmetern. Alle wurden nach einer Zwangsräumung am Nordkamp „eingewiesen“.

Dass alle länger blieben als „vorübergehend“ – „Die Rechtsprechung besagt, dass spätestens nach einem Zeitraum von sechs bis zehn Monaten eine Unterbringung nicht mehr als vorübergehend angesehen werden kann“  –, liegt offenbar in zwei Dingen begründet, die der Fachbereich II ebenfalls in der Vorlage für die Politik dargestellt hat: „Es gibt für die Bewohner in den Obdachlosenunterkünften die Möglichkeit, sich in der Wohngeldstelle für Wohnungsangebote vormerken zu lassen. Dadurch können den Betroffenen diese direkt schriftlich mitgeteilt werden. In der Vergangenheit wurde von dieser Möglichkeit seitens der Obdachlosen kein Gebrauch gemacht“, heißt es einerseits. Anderereits räumt die Verwaltung ein: „Bislang hat sich die Kontaktaufnahme zu den Betroffenen auf die Schriftform beschränkt, sobald eine Klage eingegangen war.“ Genau das will Edelgard Blümel jetzt ändern. Zusammen mit der Arge und der Wohngeldstelle will sie das persönliche Gespräch etablieren. „Wir müssen den Bewohnern auch mal klar sagen: ‚Beweg dich mal!‘. Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch über 20 Jahre lang in einer Notunterkunft lebt. Es muss doch das Ziel sein, ihn wieder in eine normale Hausgemeinschaft zu integrieren.“ Und auch bei der Suche nach einem Job sei die – wohl bekannte – Adresse wenig hilfreich!?

Vermieter lehnen

Obdachlose ab

„Eine Suche nach einer anderweitigen Wohnung verlief oft ergebnislos, da ein Großteil der Vermieter ein Mietverhältnis mit Obdachlosen ablehnt“, ist in der Vorlage zu lesen. Und wenn den Obdachlosen selbst der Antrieb fehlt, überhaupt zu suchen, dann sind der Gemeinde die Hände gebunden. „Wir dürfen hier niemanden auf die Straße setzen“, betont Blümel. Die Ordnungsbehörde ist per Gesetz verpflichtet, ein Dach über dem Kopf anzubieten. „Dazu können wir niemanden zwingen, der auf der Straße leben will. Wir können es aber auch niemandem verwehren, der es fordert.“ ▪ kab

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