Zechenschließung vor 40 Jahren

Ehemalige Bergleute aus Bönen erinnern sich an das Ende von Königsborn III/IV

Der letzte Kohlewagen rollte am 15. Mai 1981, Kohle gefördert wurde aber noch bis Juni 1981.
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Der letzte Kohlewagen rollte am 15. Mai 1981 über die Rasenhängebank der Zeche Königsborn III/IV. Es war ein symbolischer Akt.

Es war nur noch ein symbolischer Akt, als am 15. Mai 1981 der letzten Kohlewagen auf der Zeche Königsborn III/IV unter den Klängen des Steigerliedes ans Tageslicht befördert wurde. Kohlwagen waren zu diesem Zeitpunkt nämlich schon lange nicht mehr im Betrieb auf der Anlage, weiß Kurt Kaftan. „Die Kohle wurde seit 1964 über die Skipanlage gefördert“, berichtet er. Der Bönener selbst nahm an der Zeremonie zur Zechenschließung teil, war einer von vielen geladenen Gästen auf der Rasenhängebank von Schacht 3.

Bönen - „Ich war damals Betriebsrat und bin heute wahrscheinlich das letzte Betriebsratsmitglied, das noch lebt“, so der 79-Jährige. Für ihn kam das Ende der Zeche wenig überraschend. Bereits 1977 erfuhr er von den Plänen, das Werk in Altenbögge mit der Anlage Heinrich Robert in Hamm zusammenzulegen. „Ich war in der Stabstelle und sollte für den Planungsingenieur eine große Statistik anfertigen. Inhalt war unter anderem die Zusammenlegung.“ Kurt Kaftan wurde zum Stillschweigen verpflichtet.

Das Geheimnis war jedoch kein allzu großes. Der Bergbau war zu dieser Zeit längst in der Krise, überall im Ruhrgebiet wurden Zechen zusammengelegt oder geschlossen. Und die Kohlevorräte auf Gemeindegebiet neigten sich zudem dem Ende zu. Die Kumpel vor Ort waren also mehr oder weniger gewappnet, als sie von der bevorstehenden Schließung erfuhren, denkt Kaftan.

Kurt Kaftan war dabei, als der letzte Kohlewagen auf der Bönener Zeche Königsborn III/IV rollte.

Zunächst wurden jedoch die beiden Werke in Bönen und Hamm unter der Bergbau Aktiengesellschaft (BAG) Westfalen als Werksdirektion Heinrich-Robert/Königsborn zusammengebracht. Das war im Januar 1978. „Man hat uns erzählt, dass der Anfahrtsweg in die Kohlefelder von Monopol 3 von Königsborn aus zu lang sei, sodass die Arbeitszeit vor Kohle nur fünf Stunden betragen würde. Von Heinrich Robert aus sei der Weg viel kürzer. Das hat sich im Nachhinein aber nicht bewahrheitet“, sagt der gelernte Industriekaufmann.

Angst um seinen Job hatte Kaftan trotz der sich abzeichnenden Entwicklung nicht. „Für mich war es selbstredend, dass ich meine Tätigkeit auf Heinrich Robert weiterführen würde.“ Kaftan war unter anderem zuständig für Knappschaftsangelegenheiten und galt darin als kompetent und erfahren.

Auch um seine Kollegen, die Arbeiter und die Kumpel unter Tage, machte er sich wenig Sorgen. „Es bestand ein starker Sozialplan, den die IGBCE durchgesetzt hatte“, berichtete der langjährige Gewerkschafter. „Gewisse Jahrgänge konnten in den Vorruhestand gehen, die anderen wurde zu anderen Schachtanlagen verlegt. Keiner ist ins Bergfreie gefallen.“ Kaftan betreute die Verlegung der Arbeiter. Noch heute besitzt er die Listen mit den Bergleuten und wohin sie versetzt wurden.

Die Mitarbeiter hätten seinerzeit ganz unterschiedlich auf das bevorstehende Ende von Königsborn III/IV reagiert, berichtet Kaftan. „Diejenigen, die aufhören konnten, waren natürlich erfreut. Die anderen, die verlegt wurden, waren nicht so begeistert.“ Und so liefen beim Festakt an diesem Maitag Tränen über etliche Gesichter. Am Ende mussten sich aber alle mit der Entscheidung abfinden.

Gedrückte Stimmung in der Bevölkerung

Kurt Kaftan wechselte erst Anfang des folgenden Jahres nach Hamm. Als Angestellter hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sich in der neuen Stelle einzurichten, als gebürtiger Bönener bedrückte ihn die Zechenschließung aber. „Es war ja klar, was das für die Gemeinde bedeutet: Es gingen über 4000 Arbeitsplätze vor Ort verloren.“ Und das waren nur die unmittelbar auf dem Bergwerk Beschäftigten. Das Ende des Bergbaus hatte darüber hinaus gravierende Auswirkungen auf den Handel, die Wirtschaft und das Leben in Bönen insgesamt.

Die Gemeindekasse war nach langen reichen Jahren plötzlich leer, die Menschen besorgt. „Es herrschte eine gedrückte Stimmung“, erinnert sich Kaftan. Der damalige Ratsherr war in den 1980er Jahren daran beteiligt, als die Politik gemeinsam mit der Verwaltung zügig an der Erschließung des heutigen Industriegebietes feilte. „Das sollte ein Teil der verlorenen Arbeitsplätze wieder ausgleichen.“ Zugleich hofften die Verantwortlichen auf Gewerbesteuereinnahmen, um notwendige Investitionen auf den Weg bringen zu können.

Die Zeche blieb in der Familie von Kaftan noch lange ein wichtiges Thema. Schließlich war schon sein Vater dort beschäftigt, ebenso wie später sein jüngerer Bruder Jürgen. Und Schwiegervater Reinhold Wagner war gleichfalls im Bergwerk angestellt, als Masseur im Gesundheitshaus. „Er wurde über den Sozialplan zum 30. September 1981 abgekehrt“, erzählt der Schwiegersohn. Wie viele Kollegen musste Wagner bis zum Rentenanspruch mit dem Anpassungsgeld auskommen. Das waren etwa 60 Prozent des Lohnes.

Mehrere Generationen auf der Zeche

Verbunden fühlt Kurt Kaftan, der am 1. April 1958 seine Lehre auf der Zeche Königborn III/IV begann, sich nach wie vor mit dem Bergbau. Selbstverständlich gehört er zum Förderverein der Zeche Königsborn III/IV.

Jörg Grünewald ist sogar eines der Gründungsmitglieder des Vereines, der sich für den Erhalt des Zechenturmes einsetzt. Bergbau ist das Thema, das ihn von Kindesbeinen an begleitet. Beide Großväter arbeiteten auf der Altenbögger Zeche, sein Vater und schließlich er selbst. 1977 begann der Lenningser dort seine Lehre zum Elektriker. „Es war bekannt, dass die Zeche eine gute Ausbildung gefahren hat, und aufgrund der Nähe konnte ich mit dem Fahrrad beziehungsweise mit dem Mofa zur Arbeit fahren“, erzählt Grünewald.

Jörg Grünewald gehörte zu den letzten Lehrlingen die auf der Zeche in Bönen ausgebildet wurden.

Dass er einer der Letzten sein würde, die in Altenbögge ihre Prüfung ablegen, war ihm zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. „Es gab damals die Diskussion, dass die Kokerei zumacht und es eine große, zentrale Kokerei für alle Zechen im Raum Dortmund geben sollte. Die ist ja dann auch zehn Jahre später mit der Kokerei Kaiserstuhl gekommen. Darüber, dass das Bergwerk geschlossen werden sollte, wurde noch nicht gesprochen. Erst 1973 gab es einen Durchschlag zum Hammer Bereich Monopol 3, und der Schacht Lerche wurde getäuft, um neue Abbruchfelder zu erschließen. Da war nicht abzusehen, dass das Bergwerk so schnell geschlossen werden würde“, berichtet er. Doch spätestens, nachdem bekannt wurde, dass die hiesige Anlage und Heinrich Robert in Hamm zu einem Verbundbergwerk zusammengeführt werden, war den meisten klar, dass daraus am Ende nur das Hammer Werk übrig bleiben würde.

„Die Stimmung war bescheiden“, beschreibt Jörg Grünewald. Glücklich seien die Mitarbeiter nicht über das bevorstehende Ende gewesen. „Spitz gesagt, war es ein Familienbetrieb. Jeder kannte jeden, und der Zusammenhalt war sehr gut.“ Gesorgt war aber zum Glück für die meisten. „Der größte Teil ging nach Heinrich Robert, einige auch nach Monopol“, weiß der 60-Jährige.

Den offiziellen Abschied bekam Grünewald nur aus der Ferne mit. Am 1. April 1981 trat er seinen Wehrdienst an, drei Monate nach seiner Abschlussprüfung. Sein Vater berichtete von der „letzten Lore“. „Kohle wurde aber noch bis in den Juni hinein gefördert, nun aber als Werk Heinrich Robert.“ Dort blieb auch sein Vater für die letzten neun Berufsjahre, nach 31 Jahren auf der Zeche Königsborn III/IV. Jörg Grünewald startete nach der Bundeswehrzeit im Juli 1982 gleichfalls in Herringen und blieb dort bis 2010. „Da hatte ich meine 30 Grubenjahre voll und konnte vorzeitig in den Ruhstand gehen.“

Seine Existenz war nach der Schließung gesichert. Dennoch verfolgten Grünewald wie Kaftan die Entwicklung in der Region. „Der Bergbau war der größte Arbeitgeber, die Schließung der Zeche ein tiefer finanzieller Einschnitt für die Gemeinde.“ Als Bürger habe er miterlebt, dass in den folgenden Jahren viele Dinge aufgrund der finanziellen Situation in Bönen nicht möglich waren. „Viele sind damals weggezogen“, berichtet der Lenningser.

Starker Zusammenhalt unter Tage

Als es in den 1990er Jahren um den kompletten Ausstieg Deutschlands aus der Kohleförderung ging, war das für den Sozialdemokraten der Anstoß, politisch aktiv zu werden. Jahrelang saß Grünewald im Gemeinderat. Dem Bergbau ist er nach wie vor eng verbunden. Seit über 20 Jahren ist er Vorsitzender des Knappenvereins Glück auf Flierich. Klar, dass bei den Treffen der Gruppe immer mal wieder das Gespräch auf alte Zechenzeiten kommt. „Unter Tage wurde Hand in Hand gearbeitet. Wir waren aufeinander angewiesen“, macht der 60-Jährige deutlich.

Er hat während seiner Berufstätigkeit die komplette Grube des Bergwerkes Ost kennengelernt und unzählige Kumpel. „Wenn es die Zeit zugelassen hat, dann hat man sich gemeinsam für fünf Minuten auf eine Kiste gesetzt, eine Prise Schnupftabak genommen und gequatscht“, erinnert er sich. „Da machte es keinen Unterschied, wo einer her kam.“ Dieser Zusammenhalt, diese Kameradschaft, das sei das Besondere am Bergbau.

Das sieht Werner Kümmel genauso. „Du konntest dich auf die anderen verlassen, egal ob neben dir ein Türke stand, ein Deutscher oder ein Marokkaner“, macht der 69-Jährige deutlich. Jeder fühlte sich für jeden verantwortlich, jeder half dem anderen, wenn es erforderlich war. Angesichts der gefährlichen, harten Arbeit war das sicher notwendig, es ging aber genauso um das Menschliche. „Die Verbindung untereinander war das Wichtigste“, sagt Werner Kümmel. Allein schon deshalb kämpfte er lange gegen die Zechenschließung, brachte als Gewerkschafter gemeinsam mit seinen Mitstreitern sogar eine Resolution dagegen auf den Weg und organisierte Aktionen. „BAG Westfalen beschließt: Königsborn soll sterben, damit Heinrich Robert leben kann“, hieß es etwa auf einem Plakat, das Kümmel mit aufhängte.

Der Bönener hatte bereits die Schließung der Kokerei 1977 hautnah miterlebt. Seit seiner Ausbildung zum Elektriker, die er 1966 auf der Zeche begann, war er dort eingesetzt. „Das hat mich schon getroffen“, erzählt er. Die ersten Demontagen der Kokerei erfolgten 1978. Während viele der Beschäftigten nach Dortmund und Hamm wechselten, gab es für ihn dort keine Verwendung. „Da blieb für mich nur der Pütt“, so Kümmel. Fortan arbeitete er unter Tage. „Aus heutiger Sicht war das die richtige Entscheidung.“

Werner Kümmel kämpfte als Gewerkschafter um den Erhalt der Zeche Königsborn III/IV.

Werner Kümmel arbeitete in der Telefonabteilung, kontrollierte, reparierte und erneuerte die Anlagen im gesamten Grubengebäude und lernte auf diese Weise etliche Kumpel kennen. „Man hat sich vor Dienstbeginn in der Waschkaue unterhalten und dann weiter im Förderkorb, wenn es 1400 bis 1600 Meter in die Tiefe ging.“

Dadurch hörte er die Sorgen und Nöte seiner Kollegen, was ihn schließlich dazu brachte, sich bei den Betriebsratswahlen aufzustellen zu lassen. In der Gewerkschaft, der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), war er ohnehin seit Ausbildungsbeginn aktiv. In einer Sitzung der IGBCE hörte er erstmals von den Plänen, die Zeche Königsborn III/IV zugunsten der Hammer Anlage aufzugeben.

Sozialplan rettet Existenzen

„Wir wollten die Zeche natürlich behalten. Das Feld Monopol 3 in Hamm war gerade erst neu erschlossen worden. Das war von Königsborn aus gut zu erreichen. Deshalb haben wir uns gefragt, warum sie das Werk schließen wollen.“ Am Ende hatte die Bergbau-AG aber den längeren Arm. „Da war nichts dran zu rütteln. Zähneknirschend mussten wir uns damit abfinden“, erinnert sich Kümmel.

Entscheidend war für ihn, dass alle Kollegen versorgt waren. „Durch den Sozialplan wurden die Leute untergebracht, beziehungsweise, sie konnten vernünftig nach Hause gehen. Es hat keiner darunter gelitten“, stellt der 69-Jährige fest. Zumindest nicht die Zechenbelegschaft. Dass es vor Ort anders aussah, weiß der Bönener natürlich. Und das war für ihn einer der Gründe, sich politisch zu engagieren und sich für die SPD in den Gemeinderat wählen zu lassen. „Wir wollten die Arbeiterschaft im Rat vertreten und den Strukturwandel begleiten.“

Die Schachtanlage Königsborn III/IV prägte jahrzehntelang das Leben in der Gemeinde Bönen.

Er wurde kurz vor der Schließung als „Vorhut“ auf die Hammer Anlage geschickt. Dort wurde er 1984 in den Betriebsrat gewählt, später auch zum Betriebsgewerkschaftsausschussvorsitzenden. Als im Jahr 2000 die dritte Zusammenlegung in seinem Berufsleben anstand, die der Zechen Haus Aden und Heinrich Robert, entschloss Kümmel sich, in den Vorruhestand zu gehen. Er verzichtete auf die letzten zwei Jahre, die er als freigestellter Betriebsrat noch hätte arbeiten können.

Der Bergbau ist für den Sohn eines Bergmanns bis heute ein Herzensthema. Er ist Mitglied des Knappenvereins Glück auf Bönen, seit 35 Jahren Vorsitzender der Ortsgruppe der IGBCE, Knappschaftsältester und Förderer der Zeche Königsborn III/IV. „Mitglied im Förderverein zu werden, war für mich Pflicht. Und wenn ich heute bei den Kirchschichten im Förderturm über die Schließungen der letzten Bergwerke im Ruhrgebiet spreche, dann trifft es mich doch. Da habe ich einen Kloß im Hals, und es tut ein bisschen weh“, sagt er. Dass es seinen Zuhörern genauso geht, das sieht er in deren Augen.

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