Altenbögger Schützen verabschieden sich mit dem letzten Dorffest

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Bönen - Um kurz nach 18 Uhr am Samstagabend nahm Bürgermeister Stephan Rotering die beiden Vereinsfahnen entgegen. Er kämpfte auf Hof Middendorf genauso mit den Tränen wie der Vorsitzender Thomas Martin und die aktuellen Majestäten, die ihre Insignien abgaben. Bewegend, tränen- und regenreich, mit vielen Anekdoten sowie mit dem Schmieden von Zukunftsplänen verlief der Abschied der Altenbögger Schützen aus der Bönener Vereinslandschaft.

Der Samstag bedeutete für den Schützen- und Heimatverein Altenbögge „ein letztes Mal“: ein letztes Mal in die Uniform steigen, ein letztes Mal Brunch in der Gaststätte Denninghaus, ein letztes Mal Antreten am Awo-Seniorenzentrum und ein letztes Mal Aufmarsch am Vereinsheim zur Grünen Aue auf Hof Middendorf. Zudem ein letztes Mal das Abschreiten der Reihe der Königinnen und Könige durch die Vertreter der Gastvereine. Die waren am Samstag sehr zahlreich erschienen. Der langjährige, ehemalige Vorsitzende des Vereins, Peter Kirchner, ließ sich vom Schützenverein seiner neuen Heimat Scharbeutz trotz des Festes an der Ostsee einen Tag freistellen. Das Awo-Seniorenzentrum hatte das Sommerfest extra auf den Tag des Dorffestes der Altenbögger gelegt. „Da hatte ich richtig Gänsehaut“, bekannte Avantgardenkommandeur Thorsten Leyer. „Da waren wir ja 48 Jahre zu Gast.“ 

Dass seine Jacke durchnässt war, störte ihn wenig. „Egal, ich brauche die ja nicht mehr.“ Leyer lässt seine Passion zunächst ruhen – wie die meisten im Verein. „Es gab wohl schon vereinzelte Wechsel. Wir haben aber keinen Verein empfohlen, jede sollte seine Schnittmenge suchen“, erklärte Leyer. „Es ist ein sehr würdiger Abschied. Entgegen unserer Einladung, in leichter Bieruniform zu kommen, sind nahezu alle in Uniform hier“, blickte er auf die Vertreter aus Flierich, Nordbögge und die der Bürgerschützen.

„Traurig aber wahr“, meinte Christoph Rademacher aus dem Bönener Süden. „Für uns ist es auch schade, da ein Termin wegfällt“, betonte Tilman Rademacher, „die Schützengemeinschaft wird kleiner.“ Dem stimmte auch Nordbögges Vorsitzender Herbert Bennemann zu: „Wir leben ja von der gegenseitigen Unterstützung“, sagte er, „und wir werden es bei den Umzügen merken.“ Bennemann sieht den Rückzug der Altenbögger auch als Warnung in Bezug auf das Vereinsleben allgemein. „Kein Verein läuft von alleine“, meinte er. Es ginge viel Tradition verloren, meinte Jörg Müller. Der stellvertretende Vorsitzende der Bürgerschützen erinnerte daran, dass Altenbögge noch mehr mit der Zeche zu tun hatte als sein Verein. 

Ein Stück Tradition geht verloren

Thomas Martin erinnerte daran, dass der Verein die Reißleine gezogen hätte. „Nicht aus akuter Not“, begründete er den harten Entschluss, den Verein aufzulösen. „Die Reihen sind ja momentan noch geschlossen.“ „Es geht ein Stück Tradition in der Gemeinde verloren“, erklärte auch Rotering. „Die Fahne wird einen Ehrenplatz bekommen, entweder im Rathaus oder in der Alten Mühle“, versprach er. Beinahe hätte er das Vereinssymbol überhaupt nicht bekommen. Der bewegte Leyer hatte nach der Abgabe der Amtsketten und Kronen schon „Abtreten!“ kommandiert, korrigierte sich aber schnell. 

Das „erste Schützenfestbaby“, dass in den Verein hineingeboren wurde – nach den Schwestern Hollfuß als Enkelinnen des langjährigen Vorsitzenden Willi Hollfuß – hatte am Samstag auch noch 16. Geburtstag. „Ich bin traurig. Weitermachen werde ich nur mit Mama“, meinte Mia Werth. Diese, Jenny Werth, schmiedete gemeinsam mit Katharina Hollfuß und Avantgardenkönigin Laura Martin Pläne für die Zeit danach. „Wir werden immer am ersten Juliwochenende in Uniform zu Youtube-Märschen marschieren“, erklärte sie. Werth musste mit dem Ende des Vereins auch ihren Traum, als erste Frau den Vogel abzuschießen, endgültig begraben. 

Viele Vereinsmitglieder konnten die Tränen nicht zurückhalten.

Katharina Hollfuß erinnerte sich hingegen in den vergangenen Tagen an ihre 32-jährige Geschichte im und mit dem Verein. „Gestern habe ich noch ein Foto in der Hand gehabt, wo ich auf dem Schützenfest bei meinem Papa auf dem Schoß saß.“ „Heute endet ja auch ganz offiziell unsere Amtszeit“, meinte der Kaiser ohne Volk, Carsten Menken. Er möchte die Amtskette gerne behalten. Sie bekomme einen Ehrenplatz. Den versprach auch Kaiserin Virginia Menken der Schärpe, Krone und ihrem Hofkleid. „Das habe ich jetzt fünf Jahre getragen, das kommt in den Schrank. Aber Schärpe und Krone bekommen einen Ehrenplatz.“ 

Den Charakter einer Beerdigung hatte der letzte Aufmarsch der Altenbögger Schützen nicht, auch wenn Katharina Hollfuß am Samstagmorgen beim Anziehen des grünen Rockes dieses Gefühl beschlich. Nach dem die Tränen getrocknet waren, die Schützen sich herzten und Trost zusprachen, ging doch noch die Post ab am Telgenbusch.

115 Jahre: Schützen- und Heimatverein Altenbögge 04 ist Geschichte Teil II

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