Altenbögge statt Adria: Der Klimawandel verändert die Pflanzenwelt in Bönen

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Der Scharfe Mauerpfeffer wächst auf dem Marktplatz in Altenbögge.

Bönen - Die Folgen des Klimawandels sind in einer kleiner Gemeinde wie Bönen nur erkennbar, wenn man genauer hinschaut. Zum Beispiel auf dem Marktplatz in Altenbögge. 

Knapp 41 Grad Celsius zeigte das Thermometer am 25. Juli bei uns in der Gemeinde. Laut Deutschem Wetterdienst stellte der Sommer in diesem Jahr nicht nur in Bönen Rekorde auf. So warm war es hier noch nie, seit die Temperaturen in Deutschland aufgezeichnet werden. Der jüngste, echte Winter mit wochenlangem Dauerfrost ist dagegen schon ein paar Jahre her. 

Zuletzt war es im Februar 2012 so richtig eisig. Beides, die extrem heißen Sommer und die unnatürlich milden Winter, sind Folge des Klimawandels, wie Wissenschaftler zweifelsfrei belegen. Wer ganz genau hinschaut, erkennt den Wandel aber auch noch an anderen, eher unscheinbaren Zeichen.

Botanische Vielfalt auf dem Marktplatz

Ein guter Ort, um diese Hinweise zu entdecken ist der Marktplatz in Altenbögge. Während die meisten Menschen dort achtlos vorübergehen, schaut Dr. Götz Loos genau hin. Der Biogeograf, der unter anderem als Referent für den Kreisverband des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) tätig ist, sieht die Folgen der weltweiten Klimaveränderung buchstäblich auf Schritt und Tritt. 

„Unsere Pflanzenwelt verändert sich“, stellt er fest. „Und das lässt sich eindeutig auf das veränderte Klima zurückführen.“ Viele der Gewächse, die sich inzwischen in Bönen und der Umgebung breitgemacht haben, stammen ursprünglich aus dem Mittelmeerraum oder subtropischen Gebieten anderer Kontinente. „Es sind vor allem wärmeliebende Pflanzen“, erklärt der Dozent der Ruhr-Universität Bochum. An der Bushaltestelle am Marktplatz sprießt zum Beispiel die Bluthirse, ein grasähnliches Gewächs. 

Bluthirse

„Die kam früher nur im Nordkreis vor und wuchs auf sandigen Böden. Die trockenen nämlich schnell aus und speichern Wärme.“ Heute ist die Bluthirse flächendeckend im gesamten Kreis Unna zu sehen. „Und das gilt für viele der wärmeliebenden Hirsearten, die teilweise sogar ganz neu hier zu finden sind“, so Loos. Nur wenige Zentimeter neben der Hirse sprießt der Scharfe Mauerpfeffer, ein Mitglied der Fetthennen-Familie und ursprünglich ein „Südländer“. „Er passt sich bestens an Hitze und Trockenheit an, weil er Wasser sehr gut speichern kann“, deutet der Experte auf die dicken, knubbeligen Blätter. „Der Mauerpfeffer ist bei uns mittlerweile sehr häufig in der Ausbreitung.“ 

Dabei ist die Pflanze ziemlich bescheiden, wächst vor allem in Pflasterritzen. „Zwischen den Steinen gibt es wenig Erde, es ist extrem trocken und wird bei Sonne sehr warm“, zählt Götz Loos auf. Die Pflanze ist also ein echter Anpassungskünstler. Das gilt ebenso für das Kleine Liebesgras, heimisch am Mittelmeer und seit Jahrzehnten ebenso auf unseren Bahnhofsvorplätzen. „Dort wurde oft dunkel geschottert oder Lavasteine verteilt. Auf solchen Flächen können die Temperatur schon mal auf 40 oder 50 Grad Celsius klettern“, weiß der Klimatologe. 

Kleines Liebesgras

Er hat Anfang der 2000er Jahre an einem botanischen Verbreitungsatlas für die Region mitgearbeitet. Damals gab es das Liebesgras in der Region überhaupt nicht, jetzt hat es sich explosionsartig verteilt und ist in jeder Stadt, in jeder Siedlung zu finden. Bis 1990 gab es auch keinen Nachweis des niederliegenden Portulaks im Kreis Unna, erinnert sich der Naturkundler. „Seit zehn Jahren gibt es keine Ecke ohne ihn.“ 

"Südländer" gedeihen in NRW

Das Kahle Bruchkraut wuchs hingegen bereits früher bei uns – auf der Straße. Allerdings auf den Straßen des 19. Jahrhunderts, die hauptsächlich aus Sand bestanden. Sie boten dem Kraut eben die willkommene Wärme und Trockenheit. Und die findet es nun in Bönen fast überall an den Straßen, Einfahrten und Plätzen. Dass die Menschen meist gedankenlos über die Pflanze hinweglaufen, stört sie offenbar kaum. 

„Sie hat gleich drei Belastungen: Trockenheit, Wärme und den Tritt. Wer mit allen drei Belastungen zurechtkommt, muss sich schon sehr gut anpassen können“, stellt Götz Loos fest. Wie die „Exoten“ von der Adria oder Ägäis nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind, vermag auch Loos nicht restlos aufzuklären. „Der Verbreitungsweg lässt sich nicht komplett nachvollziehen“, sagt er. Ein Weg sei aber sicher der Straßenverkehr. 

Niederliegender Portulak

Die kleinen, klebrigen Samenkörner bleiben in den Auto- oder Lkw-Reifen kleben und kommen so in den Norden. Früher wurde dort aber nichts aus ihnen. Die kalten Winter hierzulande haben sie nicht überlebt. Das ist jetzt anders. Bestätigen können das die hiesigen Hobbygärtner, die in ihren Gärten die nicht heimischen Beberitze, Kirschlorbeer und ähnliche Sträucher gesetzt haben. Vor einigen Jahren mussten sie im Frühjahr noch regelmäßig bangen, ob ihre Zöglinge den winterlichen Frost überlebt haben. 

"Lieber Laub fegen als tot sein"

Die Gefahr ist mittlerweile gebannt. Mehr als zwei, drei Tage hintereinander mit Temperaturen unterhalb der Null-Grad-Marke gibt es hier nur noch selten, mit den kurzen Frostperioden kommen die meisten Pflanzen klar. Zurückzuverfolgen ist der Wandel laut Götz Loos bis in das Jahr 1986, dem ersten außergewöhnlich warmen Sommer. Damals wiesen lediglich Wissenschaftler auf die Gefahr eines durch Menschenhand verursachten Klimawandels hin. Ernst genommen wurde das von den meisten nicht, schließlich gab es schon immer mal heiße, trockene Sommer. 

In der Pflanzenwelt veränderte sich aber ab Ende der 1980er Jahre einiges, erst langsam kaum sichtbar und dann, seit etwa zehn, 15 Jahren, immer schneller und massiver. Dass sich die „Einwanderer“ bei uns breit machen, sieht der Fachmann dabei nicht als Problem. Im Gegenteil. 

„Jedes Pflänzchen trägt zur Abkühlung bei“, so Loos. Deshalb sind seiner Ansicht nach auch die Kommunen umgehend gefordert, wesentlich mehr Bäume zu pflanzen, und zwar möglichst große. „Das ist ganz dringend nötig“, warnt der Klimatologe und wird deutlich: „Wir brauchen die Bäume in den Siedlungsgebieten unbedingt. Und es ist egal, dass die Leute dann über das Laub schimpfen. Lieber Laub fegen, als tot sein.“

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