Nach der Machtübernahme der Taliban

Afghanischer Flüchtling verfolgt mit Sorge die Lage in seiner Heimat: „Ich kann wohl nie mehr zurück“

Pick Up mit Taliban und afghanischen Fahnen fährt durch Kabul
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Wie geht es weiter mit Afghanistan, nachdem die Taliban die Macht übernommen haben? Diese Frage stellt sich ein junger Journalist, der 2016 vor den Taliban aus dem Land fliehen musste und nun in Bönen lebt.

Die Fernsehbilder von der Einnahme der afghanischen Hauptstadt Kabul durch die Taliban sind für Khaled A. (Name von der Redaktion geändert) nur schwer zu ertragen. Der 31-jährige ehemalige Journalist, der als Flüchtling seit einigen Jahren in Bönen lebt, verfolgt die Nachrichten vom Fall der letzten Bastion in seinem Heimatland mit Verzweiflung.

Bönen – Waren alle Anstrengungen der vergangenen Jahre umsonst? Was passiert mit den Menschen, die immer noch in der Stadt sind und nicht fliehen können? Wie wird die Regierung sein, die die selbst ernannten Gotteskrieger in dem seit Jahrzehnten vom Krieg gebeutelten Land errichten werden? „Ich bin wenig optimistisch, dass sich die Lage schnell wieder ändern wird“, sagt er, und kann die aktuelle Lage nur hilflos aus der Ferne beobachten.

Ich hätte nicht erwartet, dass die Taliban so schnell Kabul einnehmen

Dass die Taliban so schnell vorrücken würden, damit hatte auch Khaled A. nicht gerechnet. „Ich dachte, es würde noch mindestens drei bis vier Monate dauern, bis sie die Hauptstadt erreichen“, sagt er. „Aber die afghanische Armee leistete kaum Widerstand und überließ den Taliban kampflos ihre Waffen. Das Problem war, dass Präsident Ashraf Ghani ins Ausland floh und das Land den Taliban überließ.“

Besonders die Menschen, die jahrelang die Regierung und westliche Hilfsorganisationen unterstützt haben, seien jetzt im Fokus der Taliban, die die Regierung gestürzt und das Islamische Emirat Afghanistan ausgerufen haben. Khaled A. hat nach wie vor Kontakt zu Freunden und Verwandten im Land und ist in großer Sorge um ihre Sicherheit. „Mein Cousin erzählt mir, sie verschanzen sich in den Häusern und sind verzweifelt, was jetzt passieren wird. Die Taliban kontrollieren Kabul und haben inzwischen auch den Zugang zum Flughafen abgeriegelt“, berichtet Khaled A. „Entweder fügt man sich unter das Gesetz der Scharia, oder man hat keine Chance“, beurteilt er die die Lage.

2016 selbst vor den Taliban geflohen

Auch Khaled A. musste vor der Bedrohung durch die Taliban 2016 fliehen. Nach seinem Journalismusstudium arbeitete er für die Provinzregierung in Balch, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden von Afghanistan als Journalist. „Ich habe Berichte über die Arbeit der Regierung geschrieben und den Medien, zum Beispiel den Fernsehsendern, zur Verfügung gestellt“, berichtet er.

Irgendwie sei er in den Fokus der Taliban geraten, die sich außerhalb der Stadt aufhielten. „Sie wollten, dass ich für sie arbeite und entsprechende Berichte schreibe“, erinnert er sich. Er weigerte sich. Der Druck auf ihn wurde immer größer. „Dann forderten sie, ich sollte Leute von den Taliban in das Gebäude einschleusen. Das war gar nicht möglich, weil es strenge Sicherheitskontrollen gab. Ich besaß eine spezielle Zugangskarte. Ich hätte niemanden mit in das Regierungsgebäude nehmen können. Das haben die Taliban nicht akzeptieren wollen. Ich habe meinen Chef informiert und der hat mit dem Sicherheitsdienst gesprochen“, erzählt Khaled A.. Eine Zusammenarbeit mit den Taliban wäre für ihn nicht in Frage gekommen. „Ich wusste nicht, ob die Taliban mit meiner Hilfe ein Attentat in dem Gebäude planten. Das hätte viele Menschen gefährdet.“

Der Journalist soll die Kämpfer ins Regierungsgebäude einschleusen

Schließlich gibt es für Khaled A. nur noch eine Lösung: Er flieht vor den massiven Drohungen der Taliban. Allerdings lebt auch seine Familie in der Provinz. Um sie zu schützen, geht er zunächst nach Kabul, dann flieht er nach Deutschland. Später verübt die radikale Taliban-Miliz am 21. April 2017 einen Anschlag auf eine Armeebasis in Balch, bei dem etwa 140 Soldaten getötet und 60 Soldaten verwundet wurden.

„Ich bin sehr froh, hier in Deutschland zu sein, denn hier bekomme ich sehr viel Unterstützung und kann sicher leben, lernen und arbeiten – das ist nicht überall so.“ A. will zunächst die deutsche Sprache möglichst gut lernen. Nach zwei bestandenen Sprachkursen startet er Ende des Monats mit dem C1-Kursus. Danach will er eine Ausbildung beginnen. Schließlich muss er sich hier ein neues Leben aufbauen – und dabei steht der junge Mann ziemlich allein da.

Seit Jahren die Familie nicht mehr gesehen

Seine Familie flüchtete 2017 aus Afghanistan und ist seit Jahren auf verschiedene Länder verteilt, wo die einzelnen Mitglieder inzwischen Asyl fanden. „Meine Schwester lebt in Tadschikistan, ein Bruder lebt in Holland. Ihn konnte ich zwischendurch mal treffen.“ Ansonsten finde der Kontakt zur Familie seit Jahren nur über Telefonate und Video-Calls statt. „Meine Eltern habe ich seit 2016 nicht mehr gesehen“, sagt er. „Sie möchte ich gerne einmal wieder treffen.“

Umso schmerzlicher nach all den Opfern sei jetzt die Katastrophe, die er in seiner Heimat mit ansehen muss. Alle Freiheiten, die in Afghanistan entstanden sind, dass Frauen arbeiten durften, dass Mädchen Schulen besuchen konnten, all das, fürchtet er, werde jetzt unter der Herrschaft der radikalen Islamisten wieder verboten. Zwar hätten die Taliban eine allgemeine Amnestie verkündet, die auch für Soldaten der afghanischen Nationalarmee und Mitarbeiter der ehemaligen Besatzungsstreitkräfte wie Ortskräfte, zum Beispiel Übersetzer, gelten würden, aber Khaled A. ist skeptisch, dass tatsächlich keine Racheakte an der Bevölkerung folgen werden.

Menschenrechte oder Bodenschätze

Er rechnet damit, dass neue Gesetze verkündet werden, sobald die Regierung installiert ist. „Dann könnte es sein, dass Frauen künftig keine Rechte mehr haben, nicht mehr das Haus verlassen dürfen“, fürchtet er. Viel hänge auch davon ab, wie die Welt jetzt auf das Islamische Emirat Afghanistan reagiert. „Werden die anderen Länder den Taliban-Staat einfach anerkennen oder werden sie Bedingungen stellen?“

Dabei spielen möglicherweise auch milliardenschwere Wirtschaftsinteressen eine Rolle, denn das Land ist reich an Bodenschätzen – Öl, Gas und Kupfervorkommen, Lithium und Seltene Erden wecken international Begehrlichkeiten. Der Wettlauf hat bereits begonnen, wer sich mit den neuen Machthabern gut stellt, sitzt mit am Tisch, wenn Schürfrechte vergeben werden.

Es gibt eine Opposition im Land, aber was kann die tun?

Ob sich das Emirat Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban lange halten kann, sei schwer abzuschätzen, sagt der ehemalige Journalist. Auch, ob es in absehbarer Zeit Hilfe von außen gebe, nachdem sich die USA und ihre Nato-Verbündeten gerade aus dem Land zurückziehen. „Es könnte sein, dass es erneut Krieg gibt, denn immer noch leben viele Menschen in Afghanistan, die die Machtübernahme nicht akzeptieren. Es gibt auch noch eine Opposition – Parteien, die sich gegen die Taliban stellen.“

Aber haben die überhaupt eine Chance gegen die bewaffneten und offensichtlich gut organisierten Gotteskrieger? „Das ist schwer zu sagen“, räumt Khaled A. ein. „Ich bin wenig optimistisch, dass sich schnell etwas ändern wird. Ich fürchte, ich kann nicht mehr in mein Land zurückkehren.“

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