Bönener Praxis schließt: Ein betroffener Patient berichtet

Auf der Suche nach einem neuen Hausarzt

Der Hausärztemangel gerade in ländlichen Gebieten nimmt zu. Das ist auch in Bönen zu spüren.
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Es gibt immer weniger Hausärzte in Deutschland. Der Nachwuchs fehlt - und das bekommen jetzt auch die Bönener zu spüren.

Sechs Hausarztpraxen gibt es in Bönen, nächste Woche sind es nur noch fünf. Dr. Eugen Sander, der über 30 Jahre lang in der Gemeinde praktiziert hat, geht zum 1. Oktober in den Ruhestand. Ein Nachfolger für ihn hat das Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Sankt Damian, das die Praxis an der Bahnhofstraße übernommen hat, nicht gefunden. Die Patienten müssen sich nun einen neuen Hausarzt suchen. Und das ist nicht leicht, wie Hans Topel, Mitarbeiter der Lesebrillen-Redaktion des WA und Patient von Dr. Sander, schildert.

Bönen - Das war eine unangenehme Überraschung, als meiner Frau und mir im April mitgeteilt wurde, dass unser Hausarzt in den Ruhestand geht und seine Praxis zum Jahresende aufgeben wird.

Der Hinweis, dass sich nun eine Gesellschaft um die Praxis kümmern wird und mit Hochdruck daran arbeitet, dass so rasch als möglich ein Nachfolger bereit steht, beruhigte uns nur wenig. Zu gut wussten wir um die angespannte ärztliche Versorgung, besonders im Bereich der niedergelassenen Hausärzte. Schon 2013 beschrieb der WA die prekäre Lage. In dem Artikel hieß es: „Noch sind die Bönener medizinisch gut versorgt. Das kann sich aber in wenigen Jahren ändern, befürchten Fachleute. Immer weniger junge Mediziner wollen sich als Hausärzte niederlassen.“ Vor acht Jahren waren bereits sechs von acht Hausärzten in der Gemeinde 50 Jahre und älter.

Daran musste ich nun denken. Die Zusage, bis zum Ruhestand weiter als unser Hausarzt zu fungieren, brachte uns ein wenig Sicherheit und nahm uns die Beklemmung vor dem folgenden Arztwechsel. Wir wähnten uns nicht unter Zeitdruck, denn wir vertrauten der Zusage unseres langjährigen Arztes.

Kein Nachfolger in Sicht

Beim letzten Besuch der Praxis im August traf uns allerdings erneut eine Hiobsbotschaft. Zwischenzeitlich hatte sich kein Nachfolger zum 1. Oktober gefunden, und anscheinend plante unser Hausarzt keine weitere Behandlung seiner Patienten über diesen Zeitraum hinaus. Unsere Einschätzung, nicht unter Zeitdruck zu stehen, stellte sich als falsch heraus. Gleichwohl bleibt die Hoffnung, dass sich eventuell doch noch ein Nachfolger finden lässt.

Wir bekamen aber den Hinweis, dass wir uns doch schon mal um die Aufnahme in einer anderen Praxis bemühen sollten. Damit bestünde zumindest die Möglichkeit einer übergangslosen Versorgung, und es wäre gewährleistet, dass wir die für uns notwendigen Rezepte ausgestellt bekämen.

Wer fast 30 Jahre von einer Praxis betreut worden ist, hat ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, nicht nur zum Arzt, sondern auch zum Praxispersonal. Und es ist nicht so einfach, dieses Vertrauen auf eine neue Praxis zu übertragen. Wie sich also innerhalb weniger Tage entscheiden, wohin wir wechseln sollen? Zumal die Bönener Praxen dem Hören nach alle überlastet sind. Einige nehmen gar keine neuen Patienten mehr auf.

Lage verschärft sich

Hinzu kommt die Unsicherheit, ob nicht auch die neue Praxis nur eine kurzfristige Episode ist. Auf die Altersstruktur der Hausärzte in der Gemeinde wurde ja bereits hingewiesen. Dazu passt der am 8. September erschienene Bericht im WA, der noch einmal auf die sehr angespannte Lage in der hausärztlichen Versorgung im Ort hinwies. Gegenüber dem Bericht aus dem Jahr 2013 hat sich die Lage noch einmal verschärft. Es ist sogar möglich, dass Patienten ihren Hausarzt künftig außerhalb der Gemeinde suchen müssen.

Das mag für junge, mobile Menschen durchaus zumutbar sein. Aber was ist mit der älteren Generation, die wesentlich mehr von Krankheiten betroffen ist, den Arzt deshalb häufiger aufsuchen muss und dazu immer öfter auf fremde Hilfe angewiesen ist? Auf sie kommt unruhige Zeiten zu, wenn sie diese Hilfe nicht aus dem Kreise der Familie erwarten kann. Es stellt sich zudem die Frage, ob es in den Nachbarkommunen in puncto ärztlicher Versorgung nicht ähnlich kritisch aussieht.

Wir hatten Glück: In die Aufnahmeliste einer hiesigen Hausarztpraxis haben wir es dank unseres scheidenden Hausarztes geschafft. Damit ist weiter die Hoffnung verbunden, dass sich doch noch eine Lösung zum Erhalt unserer „alten“ Praxis und damit eine weitere Betreuung durch einen neuen Arzt, aber mit dem gewohnten Sprechstundenteam ergibt.

Dieser Wunsch hat sich bis heute nicht erfüllt. Es bleibt die Hoffnung, dass wir weiterhin mit einer akzeptablen ärztlichen Versorgung in Bönen rechnen können und dass uns die Umstellung auf das neue Praxisteam ohne größere Probleme gelingt. Wir sind bereit, längere Wartezeiten in Kauf zu nehmen, denn Zeit haben wir Rentner ja … oder?

Probleme beim Austausch

Trotzdem schwirren vor dem ersten Besuch des neuen Arztes einige Fragen in meinem Kopf herum: Bekomme ich weiter alle Medikamente, auf die mein Körper sich eingestellt hat? Meine Überweisungen zum Facharzt? Die Verordnungen für verschiedene Anwendungen? Oder werden die bisherigen Diagnosen alle auf den Prüfstand gestellt? Und sind dafür weitere, vielleicht umfangreiche Untersuchungen nötig?

Das sind die Gedanken, die mir als Patient in den Sinn kommen. Aber so eine Praxisaufgabe hat mit Sicherheit noch andere Aspekte, die für die Betroffenen schwerer wiegen. Ich denke da an das Sprechstundenteam, das sich um einen neuen Job kümmern müsste, wenn es nicht in der verbleibenden Facharztpraxis weiter beschäftigt werden kann. In einer Gemeinde mit Ärztemangel wäre das sicher kein leichtes Unterfangen.

Auch der Austausch der Patientenakten stellt eine Herausforderung dar. Man kann nur hoffen, dass in beiden Praxen die Akten zumindest teilweise digital geführt worden sind. Man stelle sich ansonsten die Menge an Kopien für die wechselnden Patienten vor!

Da absehbar ist, dass weitere Praxisaufgaben zu einem Problem für die gesundheitliche Versorgung in Bönen führen werden, kann man nur hoffen, dass Verwaltung und Politiker Einfluss auf die Niederlassung von jungen Ärzten nehmen können. Ein Versuch wäre es wert, auch wenn die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe einräumt, dass die Aussicht darauf nicht gut steht.

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