Helferteam wünscht sich mehr Aufmerksamkeit

Abgeordneter Kaczmarek bei der Tafel: Helfen, wo andere wegschauen

Helfer der Tafel Bönen und Oliver Kaczmarek füllen Tüten
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Ran an die Kisten: Bundestagsabgeordneter Oliver Kaczmarek darf als Praktikant gleich mal Tüten packen.

Die Helfer der Bönener Tafel sind auch in Coronazeiten im Einsatz, damit diejenigen, die auf die Gaben angewiesen sind, auch in schwierigen Zeiten über die Runden kommen. Der Bundestagsabgeordnete Oliver Kaczmarek besuchte jetzt die Ehrenamtler und packte mit an.

Bönen – Ein gutes Dutzend Freiwillige sind an diesem Morgen zur Stelle. Fast das gesamte Team der Tafel-Ausgabestelle Bönen. Höchstens drei oder vier fassen heute nicht mit an. Schließlich wird die wöchentliche Verteilung der Lebensmittel im Schichtsystem gestemmt, damit es niemandem zu viel wird. Nur auf den ersten Blick wuseln die Helfer in der Awo-Begegnungsstätte wild durcheinander, der zweite offenbart Routine: Hier weiß jeder, was er zu tun hat. Insofern hätte es die Verstärkung durch Oliver Kaczmarek nicht gebraucht.

Aber der „Praktikant“ in Gestalt des hiesigen Bundestagsabgeordneten von der SPD bringt etwas mit, was das Bönener Tafel-Team vermisst: Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Nicht nur Zucker und Mehl, auch Aufmerksamkeit im Gepäck

Dass der gute Zweck ihr ideeller und einziger Lohn ist, wissen die Ehrenamtler nur zu gut. Einige von ihnen haben hier selber angestanden, damit sie jeden Monat über die Runden kommen – und sich dann aus dankbarer Erfahrung überlegt, sich für andere in ihrer prekären Lage einzusetzen.

„Wir haben den ganzen Lockdown über weitergemacht“, berichtet Dirk Presch, der mit Helen Menzies-Eßkuchen die Koordination der Ausgabe übernommen hat. „Solange die Zentrale in Unna uns beliefert, haben wir geöffnet. Nur ein oder zwei Mal hatten wir geschlossen, weil keine Ware kam.“ Die gut 60 als Kunden registrierten Familien wissen das sicher zu schätzen.

Mitarbeiterin Nicole prüft die Liste der angemeldeten Familien und kassiert den Obolus, Helfer Atef regelt den Zugang, vergibt die Wartenummern und übersetzt mehrsprachig, wenn es nötig ist.

Aber ansonsten kümmere das in Bönen keinen. „Es wird einfach angenommen, dass wir da sind und unsere Arbeit machen“, sagt Menzies-Eßkuchen. Da sei beispielsweise einer im Team, der mit seinem Online-Kurs Deutsch viel Zeit mit lernen verbringe, aber aus Engagement und Pflichtgefühl verlässlich zum Dienst bei der Tafel antrete. „Aber er erfährt von der Gesellschaft keine Wertschätzung dafür, dass er sich einbringt und um Integration bemüht.“

Keine Unterstützung in schwierigen Zeiten

Von Einzelnen abgesehen, habe niemand gefragt, wie das Tafelteam und die Menschen in ohnehin schwieriger Lebenslage durch die Pandemie kommen. Keine Fürsorge aus dem Rathaus, keine Aufmerksamkeit aus der Politik. So sehen sie das hier: mit Verdruss.

„Ich schließe da auch unsere eigenen Leute mit ein“, beteuert Presch. Denn dass er und die Gattin von Ex-Bürgermeister Rainer Eßkuchen altgediente Genossen sind, weiß quasi jeder. Nur wollen sie in diese SPD-Schublade nicht gesteckt werden, wenn sie Verwaltung und Politik vorhalten, den Blick auf die Tafel als ein Pfeiler für das Miteinander und den sozialen Frieden im Ort zu vernachlässigen. Hier gehe es um die Sache.

Die Helfer der Bönener Tafel sind inzwischen ein eingespieltes Team, wie Oliver Kaczmarek (hinten) feststellt.

Wo die Menschen hier der sprichwörtliche Schuh drückt, will Oliver Kaczmarek erfahren. Er hat schon Ausgaben in anderen Orten und die Zentrale der Tafel Unna e.V. besucht. „Hier passieren Dinge, von denen wir in Berlin nichts erfahren, wenn wir Entscheidungen treffen“, erläutert der Abgeordnete seine Motivation, hier ein wenig mit anzufassen.

Respekt für die Helfer und ihr Engagement

„Es gibt Armut in dieser Gesellschaft, das dürfen wir nicht ausblenden.“ Und so ist Kaczmarek heute auch hier, um schlicht den Blick darauf zu lenken, dass trotz sozialer Sicherung Menschen mit dem Nötigsten auskommen müssen. „Wenn gleich etwas Ruhe eingekehrt ist, möchte ich im Gespräch mit den Helfern mehr darüber erfahren.“

Den Helfern zollt der 50-Jährige aus Kamen Dank und Respekt. „Dass die Leute alle freiwillig hier sind, sich sogar Kunden dem Team anschließen, ist einfach tolles ehrenamtliches Engagement.“

Oliver Kaczmarek ist nicht mit leeren Händen gekommen, sondern bringt Mehl, Zucker und Öl mit.

Aber der „Praktikant“ hat nicht nur warme Worte mitgebracht, sondern auch den Kofferraum beladen: Je 50 Tüten Mehl und Zucker sowie 40 Flaschen Sonnenblumenöl spendet Kaczmarek. „Das geht ins Lager und wird ausgegeben, wenn mal wenig frische Ware da ist“, erläutert Dirk Presch. Haltbares gäben die Geschäfte fast gar nicht ab, ebenso wenig Hygieneartikel. Derlei muss ja nicht wegen ablaufender Haltbarkeit irgendwann aus dem Sortiment geräumt werden.

Freude über unerwartete Spende

„Solche Dinge bekommen wir nur durch Sachspenden oder wenn wir die kaufen können“, betont der Koordinator. Deshalb sei die von den Bönener Bürgern so gut unterstützte Aktion der „Tafel-Tüten“ im Rewe-Markt so wichtig. Wie überhaupt jede Gabe. Denn über Geld verfügt das Ausgabeteam kaum. Der Obolus der Kunden geht an die Zentrale, damit die ihre Ausgaben decken kann.

Und so ist die Freude groß, als später noch eine junge Frau vorbeibringt, was sie über längere Zeit für die Bedürftigen gesammelt hat, wenn es sich gerade fügte: Zahnbürsten, Kinderbücher und anderes, was es sonst nicht gibt. Einfach so, in dem Wissen, dass einigen fehlt, was für viele selbstverständlich ist.

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