Bönener Kreuzbund-Gruppe feiert Geburtstag

Gemeinsam stark gegen die Sucht

Wilfried Dworak (rechts), Geschäftsführer des Kreuzbund-Diözesanverbands Paderborn gehörte zu den Gratulanten, die Peter Heinert (links) und die anderen Mitglieder zu der gemütlichen Geburtstagsfeier in die Gaststätte Böinghoff eingeladen hatten.
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Wilfried Dworak (rechts), Geschäftsführer des Kreuzbund-Diözesanverbands Paderborn gehörte zu den Gratulanten, die Peter Heinert (links) und die anderen Mitglieder zu der gemütlichen Geburtstagsfeier eingeladen hatten.

Bönen – Herzlich und offen: So empfingen die Mitglieder des Kreuzbundes jetzt ihre Gäste in der Gaststätte Böinghoff in Flierich. Dort gab es ein leckeres Büfett, kurze und humorvolle Reden, einen Rückblick und genügend Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das „Gläschen“ zum Anstoßen auf den 40. Geburtstag der Gruppe gab es hingegen nicht. Alkohol ist nämlich genau das Problem, das die Mitglieder zusammengeführt hat. Gemeinsam geben sie sich Halt und Kraft, um ihre Sucht zu bekämpfen.

Wie wichtig ihm die Gemeinschaft ist, erzählte zum Beispiel Lothar Strukamp. Seit mehr als 40 Jahren ist er „trocken“ und gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bönener Kreuzbund-Gruppe. „Wenn ich damals so weitergemacht hätte, wäre ich heute nicht mehr da“, ist der 78-Jährige überzeugt. Heute genießt der ehemalige Bönener sein Rentnerdasein, lebt inzwischen mit seiner Lebensgefährtin in Unna-Königsborn und kommt noch immer regelmäßig mit dem Fahrrad zu den Gruppentreffen ins Fritz-von-Bodelschwingh-Haus nach Altenbögge. An die Anfänge der Gruppe kann er sich gut erinnern. „Wir haben mit zehn Leuten angefangen. Später kamen dann auch die Partner mit dazu.“ Mittlerweile zählt der Selbsthilfekreis zwölf feste Mitglieder, meistens sitzen etwa acht Männer und Frauen bei den Treffen zusammen.

Entstanden ist die Gruppe durch die Initiative eines hiesigen Arztes und eines Pfarrers. Den beiden war klar, dass Alkoholkranke nach einer Therapie in der Klinik nicht alleingelassen werden sollten. Allerdings war es ihnen wichtig, dass sich Betroffenen auf Augenhöhe begegnen und Erfahrungen austauschen können. Drei Bönener, die sich ihrer Sucht gestellt und sie bekämpft hatten, waren bereit, andere Alkoholiker dabei zu unterstützen. Und so starteten sie am 25. September 1980 ganz offiziell mit der Selbsthilfegruppe.

Den passenden Partner dafür fanden sie im Kreuzbund des Caritas-Verbandes der katholischen Kirche, der seit Ende der 1960er Jahre überall in Deutschland Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft gründete. In Bönen wurde aus dem Projekt direkt ein ökumenisches: Die Evangelische Kirchengemeinde stellte nicht nur einen passenden Raum zur Verfügung, sondern die jeweiligen Pfarrer im Bodelschwingh-Haus nahmen und nehmen sich immer mal wieder Zeit, um an den wöchentlichen Treffen teilzunehmen und zuzuhören.

Reden oder Zuhören - jeder entscheidet für sich

Das Zuhören ist überhaupt ein ganz wichtiger Bestandteil der Zusammenkünfte – nach wie vor. In einem kleinen Kreis offene Gespräche führen zu können, auf Verständnis und Akzeptanz zu stoßen, gibt den Teilnehmern unheimlich viel, wie sie sagen. Und selbstverständlich darf dabei gelacht werden – auch über die Sucht. „Man kann über das Thema nicht mit Leuten sprechen, die selbst zu viel trinken. Und die anderen interessiert es nicht. Wir sind hier unter Menschen, die dasselbe erlebt haben und müssen kein Blatt vor den Mund nehmen“, brachte es einer der Mitglieder am Freitagabend auf den Punkt.

So sieht es auch Peter Heinert. Er ist Vorsitzender der Gruppe und geht ganz offen mit seiner Krankheit um. „Ich habe nicht getrunken, ich habe gesoffen. Ich hatte nur noch Zeit zum Trinken, für etwas anderes gar nicht mehr“, räumte er unumwunden ein. Jetzt kann er anderen Menschen von seinem Weg aus der Alkoholhölle erzählen, sie darin bestärken, „Nein“ zu dem flüssigen Gift zu sagen. „Wir sind keine Ärzte und Therapeuten, wir können auch keine Therapieplätze vermitteln, aber wir können zuhören und unsere Erfahrungen teilen und bei Bedarf Ansprechpartner nennen“, so Heinert.

Zwar kommen die Frauen und Männer aus unterschiedlichem Umfeld, sind alleinstehend oder haben Familien, doch ihre Trinkerkarrieren“ gleichen sich auffallend. Das Verstecken, Täuschen und Leugnen ihrer Sucht ist zum Beispiel allen bekannt. „Rund 4 000 Menschen sind seit der Gründung in der Gruppe gewesen. Wie viele davon trocken geblieben sind, weiß ich allerdings nicht“, berichtete Heinert. Tatsächlich gehen Fachleute von einer 80-prozentigen Rückfallquote aus. Die, die es geschafft haben, führen jedoch ein „neues“ Leben, in dem wieder andere Dinge und vor allem Menschen eine Rolle spielen.

Jeder ist im Kreis willkommen

Und deshalb soll es beim Kreuzbund nicht nur um die Krankheit gehen. Gemeinsam haben die Mitglieder und ihre Angehörigen in den vier Jahrzehnten schon etliche Ausflüge unternommen, sind gewandert, mit dem Boot gefahren, feiern Weihnachten und Karneval oder kegeln gemeinsam – Letzteres sogar ziemlich regelmäßig. Natürlich sind solche Veranstaltung nicht Pflicht, aber inzwischen haben einige ein freundschaftliches Verhältnis zueinander.

Willkommen im Kreis ist jeder, egal ob er reden oder nur zuhören möchte, ob er selber Fragen hat und Hilfe benötigt oder vielleicht anderen helfen möchte. Lothar Strukamp kommt etwa auch nach 40 Jahren immer noch gerne zu den Treffen. „Da fühle ich mich wohl“, sagte er. Und über den Scherz, den er sich erlaubt, als er von Peter Heinert mit einer Urkunde und einem Präsentkorb für die langjährige Treue zum Verein geehrt wird, können eben vor allem die Mitglieder lachen. „Hast du da eine Flasche drin versteckt“, fragte er mit Blick auf den üppig mit allerhand Spezialitäten gefüllten Korb.

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