Zweckverband gibt erste Einschätzung

Aus für Hamm-Osterfelder-Bahn: Anschluss Bergkamens wohl nur über Kamen realisierbar

Die Hamm-Osterfelder-Bahn (hier im Bereich der Jahnstraßen-Brücke) hat das Nachsehen, wenn es um den Anschluss Bergkamens an den Schienenpersonennahverkehr geht. Wegen der Kosten-Nutzen-Rechnung sei eine Strecke über Kamen leichter zu realisieren, heißt es beim Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe.
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Die Hamm-Osterfelder-Bahn (hier im Bereich der Jahnstraßen-Brücke) hat das Nachsehen, wenn es um den Anschluss Bergkamens an den Schienenpersonennahverkehr geht. Wegen der Kosten-Nutzen-Rechnung sei eine Strecke über Kamen leichter zu realisieren, heißt es beim Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe.

Der erhoffte Anschluss der Stadt Bergkamen an den Schienenpersonennahverkehr kann wohl nur über Kamen realisiert werden. Zu dieser Einschätzung kommt der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL).

Bergkamen – Die Politik muss sich nun über die Sommerpause hinweg klar werden, ob sie solch einen Anschluss überhaupt will. Bislang wurde die Hamm-Osterfelder-Bahn als Anbindung favorisiert.

Über diese Strecke waren bis 1983 auch Personenzüge gefahren; sie hielten in Oberaden und an der Werner Straße. Doch dann wurde die Linie für den Personenverkehr stillgelegt. Seither nutzen ausschließlich Güterzüge die Gleise, wenn bei der Deutschen Bahn (DB) nicht gerade Not am Mann ist und die Trasse als Ausweichstrecke für den Nah- und Fernverkehr benötigt wird wie etwa im Sommer 2018. Damals gab’s andernorts monatelange Baustellen.

Eine alte Ansicht des Bahnhofs Oberaden von 1905: Im Jahr 1983 hielten die letzten Personenzüge in Bergkamen. Seither verkehren auf der Hamm-Osterfelder-Bahnlinie in der Regel nur noch Güterzüge.

Der NWL hat sich beide Anschlussvarianten genau angeschaut und die Politik in seiner letzten Sitzungsrunde vor der Pause über die jeweiligen Realisierungschancen informiert. Ausschlaggebend für die Präferenz Kamen waren am Ende weder technische noch zeitliche Aspekte, sondern finanzielle.

Drittes Gleis erforderlich

Zwar ergebe sich für eine Weiterführung der Züge von Dortmund in Richtung Kamen erheblicher Infrastrukturbedarf, wie es heißt. Das für das Projekt erforderliche dritte Gleis in diesem Abschnitt sei aber bereits als wesentlicher Bestandteil in den Planungen des Deutschlandtaktes enthalten. Das bedeutet: Von dessen Bau würde Bergkamen profitieren, ohne die Ausgaben auf der eigenen Kosten-Nutzen-Rechnung zu haben. Mit einer Anbindung über Lünen wäre das anders.

Überall in Deutschland werden Bahnstrecken wieder flott gemacht, auch mit Blick auf den Klimawandel. Mit einer Reaktivierung des Personennahverkehrs in Bergkamen werde es aber wohl Jahre bis Jahrzehnte dauern, sagt Thomas Ressel, Leitung Planung beim NWL.

Blick auf die Fahrzeiten

Sollte sich die Stadt für einen Bahnanschluss über Kamen aussprechen, müssten auf Basis der jetzt vorgelegten „groben Vorbetrachtung“ weitere Gutachten und Studien erstellt werden. „Wir drücken aber niemandem eine Reaktivierung auf“, betont Ressel. „Solch ein Projekt benötigt vor Ort eine hohe Akzeptanz. Wir machen das nicht, wenn Sie dagegen sind“, so Ressels Worte in Richtung Kommunalpolitik.

Mehr als eine Stunde dauerte jüngst sein Vortrag zum Thema in einem Ausschuss. Dabei warf Ressel einen Blick auf die zu erwartenden Fahrzeiten gen Dortmund, dem traditionell wichtigsten Ziel der Bergkamener. Wer aktuell vom hiesigen Busbahnhof in die Westfalenmetropole will, benötigt mit dem Schnellbus beziehungsweise über den Bahnhof Kamen 33 bis 37 Minuten, mit Umstieg in Lünen sogar 41 Minuten.

Über Lünen: Mit einem direkten Zug über Lünen wäre mit einer Fahrzeit von 26 Minuten ab einem neuen Bahnhof Monopol in Bergkamen-Mitte zu rechnen. Dieser wäre über eine Stichstrecke auf der Trasse der ehemaligen Anschlussstrecke des ehemaligen Bergwerks zu erreichen. 24 Minuten dauert es ab einem möglichen Haltepunkt direkt an der Hamm-Osterfelder-Bahn auf Höhe der B 233. Allerdings müssen hier noch etwa zwölf Minuten Bustransfer hinzugerechnet werden.

Über Kamen: Über eine Strecke via Kamen rechnet der NWL mit Fahrzeiten zwischen 21 und 25 Minuten bis Dortmund-Hauptbahnhof. Das hängt davon ab, ob noch ein bis zwei weitere Haltestellen eingerichtet werden. Gegebenenfalls muss noch ein Bustransfer zu einem Bahnhof „Bergkamen Stadt“ eingeplant werden. Dieser Bahnhof könnte – je nach Streckenvariante – etwa im Bereich Heinrichstraße, Augustweg und Nordfeldstraße liegen oder im Bereich Hüchtstraße im Ortsteil Overberge.

Ausfädelung in Fahrtrichtung Hamm

Während bei Führung über die Hamm-Osterfelder-Bahn in Teilabschnitten ein Gleis und eventuell eine Brücke ergänzt werden müssten, bedürfte es bei einer Anbindung über Kamen zudem einer neuen Trasse. Im Bereich Bahnhof Kamen könnte es laut NWL eine Ausfädelung in Fahrtrichtung Hamm geben samt Brücke über die Hauptstrecke, weiter könnte die Strecke entlang der Autobahn 1 mit Ziel Hammer Straße verlaufen und dort parallel zur ehemaligen Klöcknerbahn-Trasse. Auf Bergkamener Gebiet würde die Trasse die B 233 auf Höhe „An der Schützenheide“ queren und gen Heinrichstraße verlaufen oder auf östlicher Seite der Bundesstraße zum möglichen Bahnhof in Overberge.

„Der Kosten-Nutzen-Faktor muss über eins liegen“

Am Ende würden Bahnstrecken nur reaktiviert, wenn es einen volkswirtschaftlichen Nutzen gebe, sagt NWL-Fachmann Ressel. „Der Kosten-Nutzen-Faktor muss über eins liegen.“ Infrastrukturprojekte seien keine Selbstläufer. Zudem, das sei bei der Entscheidung zu bedenken, hätten sie Einfluss auf die zukünftige städtebauliche Entwicklung einer Kommune.

Die Politik will einen Bahnanschluss unbedingt realisieren und versteht ihr Ansinnen auch als einen Beitrag zur Verkehrswende. Ressels Einschätzung, die Hamm-Osterfelder-Bahn tauge dazu nicht, sorgt allerdings für Ernüchterung. „Das muss man erst mal sacken lassen“, lautet eine der Reaktionen. Bergkamens Erster Beigeordneter Dr. Hans-Joachim Peters sagt, das Thema sei zu wichtig, um eine Entscheidung übers Knie zu brechen.

Wunsch: Haltestelle zur IGA 2027

Im Jahr 2000 hat der Regionalverbands Ruhr im Auftrag des Kreises Unna eine Machbarkeitsstudie über eine regionale Stadtbahn erstellt. Ressel betont, dass sich der NWL an derlei Planungen nicht beteilige. Dazu habe der Verband kein Mandat. Bei den Untersuchungen zur Anbindung Bergkamens habe man ausschließlich Produkte des SPNV untersucht, also etwa Regionalexpress, Regionalbahn oder S-Bahn.

Die Hoffnung, dass wieder Züge in Bergkamen halten, hegt die Stadt übrigens auch im Zusammenhang mit der Internationalen Gartenausstellung 2027. Per Schiene sollen Besucher zum künftigen „Zukunftsgarten“ im Bereich zwischen Kanal und Halde Großes Holz gelangen können. Eine Genehmigung dafür steht noch aus – und wäre auch nicht dauerhaft.

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