Zora Aufdemkamp tauscht Studienplatz gegen Tischlerausbildung ein

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Zora Aufdemkamp und Innungsobermeister und Chef Günther Leidecker in der betriebseigenen Werkstatt in Oberaden.

Bergkamen - Zora Aufdemkamp ist zwar keine Exotin, aber viel fehlt nicht. Kurz vor dem Abschluss ihres Anglistik- und Philosophie-Studiums an der Ruhr-Universität Bochum machte sie ein Praktikum in der Tischlerei von Günther Leidecker. Und der fragte schnell, ob die handwerklich geschickte junge Frau nicht eine Ausbildung bei ihm beginnen wolle. „Ich hab dann nicht lange überlegt und zugesagt“, erinnert sich die heute 29-Jährige.

Inzwischen ist Zora Aufdemkamp im zweiten Lehrjahr – und hat ihren Entschluss, das Studium kurz vor dem Ende abzubrechen, nicht bereut. Im Gegenteil. „Ich hatte aus Interesse an den Themen studiert. Ich wollte definitiv nicht Lehrer werden – und in meinen Augen muss ein Studium auch nicht zwingend zu einem Job führen, auch wenn die meisten das so machen.“ Sie selbst sei im Studium unzufrieden gewesen, erinnert sie sich. „Ich konnte mich nicht mehr wiederfinden.“

Statt Hausarbeiten zu schreiben und „nur das zu wiederholen, was andere vorher schon einmal gesagt haben“ baut sie nun Küchen auf, erstellt Möbel und hat ein Faible für Betten und Einbauschränke unter Schrägen entwickelt. „Natürlich haben auch schon andere Schubladen gebaut“, sagt sie. „Aber meine baue ich eben von Anfang bis Ende wirklich selbst.“

Holz, so die junge Frau, sei einer der schönsten Werkstoffe überhaupt, aber am Handwerk liegt ihr besonders, „dass man hier Gestalten kann, je nach Kundenwunsch auch Einfluss auf das Produkt nehmen kann.“ Obwohl sie erst in der Ausbildung ist, mache sie schon Vieles eigenständig, mit mal mehr, mal weniger Führung, sagt die junge Frau, die von ihren Kollegen aufgrund ihrer roten Haare liebevoll nur „die rote Zora“ genannt wird. Für sie ist das kein Problem: „Das ist ein ganz tolles Buch“, sagt sie lachend.

Überhaupt kommt sie mit den Kollegen gut klar und würde auch nach der Ausbildung gern im Unternehmen bleiben. „Frauen im Handwerk sind wichtig“, sagt sie. „Aber ich bin halt auch keine 16 oder 18 mehr. Das eigene Auftreten ist schon sehr wichtig.“ In ihrem Betrieb werde sie weder unter- noch überschätzt.

Die Berufsschule dagegen sei ein Kulturschock gewesen. „Ich kam ja aus dieser Uni-Blase.“ Die anderen vier Mitschüler sind zehn Jahre und mehr jünger. „Den Generationsunterschied merke ich schon sehr deutlich. Aber wir haben Spaß, das ist wichtig.“

Ihre Vorbildung ist in den Augen des Chefs eher ein Plus denn ein Nachteil: „Sie hat es natürlich leichter, die ganze Theorie in den Kopf zu bekommen. Und was das Praktische anbelangt, das ist Üben, Üben, Üben“, sagt Günther Leidecker. Der stellvertretende Innungs-Obermeister weiß, dass Frauen im Tischlerhandwerk keine Seltenheit mehr sind. „Pro Jahrgang sind eine bis zwei Frauen dabei“, sagt Leidecker – und: „Ich glaube auch, das wird mehr werden.“

Denn nach der ersten Revolution im Handwerk durch die Nutzung von Strom steht mit der Digitalisierung derzeit die zweite Revolution vor der Tür. Schon jetzt wird viel im Vorfeld programmiert, in der Zukunft wird man nicht mehr darumkommen. Und gerade, wenn es um die Gefälligkeit von Möbeln ginge, um das Praktische und Zweckmäßige, da hätten Frauen – so zeigten die Gesellenstücke der Vergangenheit – oft die Nase vorn, weiß der Innungsmeister zu berichten.

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