In Zeitlupe geht es dem Spargel an den Kragen

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WA-Mitarbeiter Markus Liesegang versucht sich beim Spargelstechen auf dem Hof Schulze Elberg und ist erfolgreich.

Rünthe – Die Zeit: 6.30 Uhr. Der Auftrag: Punkt 8 Uhr Spargelstechen. Wo? Auf den Feldern des Bauern Schulze Elberg an der Dortmunder Straße, nahe der Gaststätte Kronenstübchen. WA-Mitarbeiter Markus Liesegang wollte es wissen: Wie Mühsam ist die Arbeit auf den Spargelfeldern wirklich?

Die Vorbereitung: Wachwerden, Frühstück mit viel Kaffee, ein Blick in die Übersetzungs-App. Was heißt eigentlich Spargel auf Englisch? Asparagus ist die Antwort. Kurz bei Youtube geschaut, was mich erwartet. Sieht so schwer nicht aus. Englisch übrigens deswegen, weil Seniorchefin Heidemarie Schulze Elberg erzählt, dass eine Person in der Ernte-Brigade aus Polen die Sprache spricht, eine weitere ein bisschen Deutsch. Die, Ala, ist zu schüchtern. 

Also Englisch mit Klaudia. Die will erst mal wissen, ob ich denn Handschuh dabei hätte. Warum? Spargel wächst schließlich im sandigen Boden. Der Vormacher bei Youtube hatte auch keine an. Test: Der Boden haftet gut an meinen Fingern. Kurze Nachfrage von Klaudia bei den Kollegen – ein Paar „Gloves“ ist über.

„I had a shop. I was a boss like Anti“, erklärt sie auf Nachfrage, wie sie denn in Bergkamen gelandet sei. Danach ging die 23-Jährige für ein Jahr in die Produktion nach England, stellte Fertigsalatgebinde zusammen. Jetzt arbeitet sie eben als Spargelstecherin. 

Zuerst lüften wir den Wall. Zwei Lagen Folie schützen das Edelgemüse noch vor der nächtlichen Kälte. Klaudia entdeckt einen weißen Kopf. Einen auf fünf Metern. Die früh begonnene Saison läuft durch die Kälte der vergangenen Tage schleppend weiter. Der Spargel liebt konstante Wärme. 

Klaudia vergisst kurz ihren Lehrauftrag. Schwupps landet die weiße Stange im Korb. Wir decken den Abschnitt wieder zu und den nächsten auf. Die sieben anderen Ernter sind inzwischen schon durch mit den ersten 50-Meter-Reihen. 

Antje und Heidemarie Schulze Elberg mit dem geernteten Spargel im Hofladen.

Ob ich denn Links- oder Rechtshänder sei, fragt Klaudia. Rechts, entgegne ich. „Dann musst du so stehen“, stellt sie sich breitbeinig in die Furche, den linken Fuß lotrecht zum Wall mit dem nächsten Trieb. Den legt sie mit zwei Fingern frei. Ein linker Zeigefinger Abstand, das Stecheisen wird senkrecht 20 Zentimeter versenkt. Der Mittelfinger kommt dazu, bestimmt den Stechwinkel. Kurz gedrückt, die Stange wird herausgezogen. Das Loch mit der Glättkelle geschlossen. Einfach! 

Auch ich schaffe es. Der Unterschied ist eben die Geschwindigkeit. Ich muss mich konzentrieren bei den Arbeitsschritten, die Profis haben sie verinnerlicht. Klaudia fotografiert mich bei der Arbeit. Kein Problem, weil Zeitlupe. Sie hingegen ist bei meinem ersten Ablichtungsversuch einfach zu schnell. Das erzählt sie anschließend lachend „Anti“. Antje Schulze Elberg meint nur, dass Klaudia sehr geschickt sei, ein Naturtalent. Sie habe die obligatorische Schulung durch Ralf Große Dankbar von der Landwirtschaftskammer sofort verinnerlicht. 

Seit acht Tagen sind die Polen auf dem Bergkamener Hof. Ala, die in der Saison 2018 erstmals bei Schulze Elberg aktiv war, brachte die Erntebrigade, auch Klaudia mit Freund und Bruder, aus der masurischen Stadt Barzewo mit. So laufe das immer, erklärt Antje Schulze Elberg. Ob denn die Polen „Stand by“ stünden. „Wir wissen frühzeitig, wer kommt. Es geht bei uns ja alles über persönliche Beziehungen“, erklärt die Juniorchefin. 

Der Erntebeginn sei ebenfalls absehbar. Der Hof baut auf fünfeinhalb Hektar verschiedene Spargelsorten an, die zu unterschiedlichen Zeiten sprießen. Schulze Elberg genieße einen guten Ruf unter den Stechern im östlichen Nachbarland. Vor 30 Jahren fing es mit dem polnischen Praktikanten Stanislaw an. Der brachte dann 20 Jahre „seine Cousinen“ mit. „Das waren allerdings Männer“, erklärt Antje Schulze Elberg schmunzelnd. 

Ala sortiert den Spargel nach verschiedenen Qualitätsmerkmalen.

Vor vier Jahren war Sophie, eine weitere Erntehelferin, schon einmal auf dem Hof. Zwischenzeitlich arbeitete sie woanders. „Das gefiel ihr wohl nicht“, so Antje Schulze Elberg. Nicht nur die Leistung, auch das Menschliche müsse stimmen, auch untereinander. „Leute, die zwar gut stechen, aber danach saufen und krakelen und die anderen nicht schlafen lassen – das geht nicht.“ 

Personalprobleme habe der Betrieb nicht. „Bei uns wird nachgefragt“, sagt Antje Schulze Elberg. Bezahlt wird Mindestlohn. Akkord gebe es in Bergkamen nicht. Sophie und Ala fahren mit uns auf den Hof um den weiteren Gang des Spargels bis zur Verkaufstheke zu demonstrieren. Es ist zwar noch nicht Hochsaison. Trotzdem liegen nach einer halben Stunde Stechen bestimmt 30 Kilogramm in den Körben. Kurz abgespritzt werden die Stangen von Sophie per Hand auf ein Förderband gelegt, maschinell beschnitten und von Ala nach Qualität sortiert. 

Bei Schulze Elberg sind es sechs verschiedene Qualitätsmerkmale. Die Sortiermaschine gebe es auch computergesteuert. Die sei aber zu groß für diesen Raum, erklärt Antje Schulze Elberg. Handarbeit geht schließlich auch. Ala und Sophie beenden nach zehn Minuten ihr Werk. Die Kunden des Hofladens sehen es anders: Eine Spargelschälmaschine steht nebenan. Kochfertiges Gemüse ist gefragt. 

Auch auf dem Feld hat sich viel getan in den letzten 30 Jahren. „Früher mussten wir zum Beispiel die Taschen der schwarz-weißen Folie noch mit dem Schäufelchen mit Sand beschweren, heute sind sie schon ab Werk gefüllt“, erinnert sich Heidemarie Schulze Elberg. 

Handarbeit bleibt hingegen das Stechen an sich und die Ungewissheit, wieviel Ertrag die Felder bringen werden. „Unterschiede in der Temperatur mag der Spargel eben nicht.“

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