Kraft für die Seele

In Zeiten des Coronavirus: Diese Bücher sind perfekt zum Schmökern

+
Bücher sollen helfen, in schwierigen Zeiten nicht den Überblick zu verlieren.

Momentan haben viele aufgrund des Corona-Virus mehr Zeit als zuvor. Wer in eine andere Welt eintauchen und fernab der Pandemie seine Gedanken mal um etwas anderes kreisen lassen möchte, kann sich in das ein oder andere Buch vertiefen. Annemarie Berg aus der Bönener Lesebrillen-Redaktion gibt ein paar Tipps zum Schmökern.

Von Annemarie Berg 

Bönen – „Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu leihen vermag“ – eine Erkenntnis von Wilhelm von Humboldt. Damit die Seele diese Kraft entwickeln kann, braucht sie Stärkung und so wird gerade in diesen Zeiten eine über 200 Jahre alte Forderung Goethes hochaktuell: „Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“ Momentan wird von Dächern geblasen, von Balkonen trompetet, in den Vorgärten geflötet, was die Noten hergeben und die kleine Buchhandlung um die Ecke ist plötzlich wieder gefragt. All das geschieht, um den Menschen in schwieriger Zeit zu zeigen, welche Ressourcen in Musik, Literatur und Kunst stecken und wie sie uns helfen können, über allem nicht den Verstand zu verlieren. Wir grübeln viel in diesen Tagen: wie konnte es soweit kommen? Antworten gibt zum Beispiel der niederländische Publizist Geert Mak. „Wie Gott verschwand aus Jorwerd“ erzählt die Geschichte vom Untergang des Dorfes in Europa. „Zum Angelus-Läuten bist du wieder zu Hause“ hieß es in Kindertagen. Der Geruch des Sommers, die Orientierung an der Kirchenglocke, die Geräusche einer Sichel, die Gemeinschaft der Dorfbewohner – momentan sehnen sich viele dahin zurück. Aber war die Idylle so wie sie schien und warum konnten wir sie nicht bewahren? Sein Buch „Das Jahrhundert meines Vaters“ erzählt in einem großen Bogen den Verlauf des 20. Jahrhunderts anhand des Lebens seines Vaters nach. Individuelles Schicksal und Weltgeschichte hängen oft auf sehr tragische Weise zusammen, Geert Mak macht das erlebbar.

„Der Fisch und der Vogel können sich verlieben. Aber wo werden sie ihr Nest bauen?“ Das ist die Kernfrage in Richard Powers Roman „Der Klang der Zeit“.  Der Fisch und der Vogel, das sind ein deutscher Jude, der vor den Nazis nach Amerika geflüchtet ist und eine farbige Amerikanerin. Beide verbindet die Liebe zur Musik. Ihr persönliches Schicksal verbindet sich mit der Rassentrennung in Amerika und ihren Auswüchsen. Ein Buch, das im Gedächtnis bleibt.

John Williams "Stoner"

Als ich John Williams „Stoner“ gelesen habe, musste ich das Buch immer wieder aus der Hand legen. Ich hatte Angst, es überwältigt mich. Noch nie hat mir ein Buch so klar vor Augen geführt, was Bildung bedeutet und was auch nicht. Vor einigen Jahren wurde dieser Roman wieder entdeckt, er ist über 50 Jahre alt.

Ein Krimi ist oft nicht die schlechteste Art, Themen und Fragen unserer Zeit anschaulich, spannend, wendungsreich und eindrücklich zu schildern. Dem früheren Musikjournalisten Tony Parsons  gelingt das wunderbar in seiner Reihe um den alleinerziehenden Vater Max Wolfe, der sich in London mit allen Spielarten des Verbrechens beschäftigen muss. Sechs Krimis sind bisher erschienen, der letzte „Die ohne Schuld sind“ erst vor wenigen Wochen. Manchen Schriftstellern gelingt es, mit wenigen Worten eine solche Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen, dass man sich aus ihren Büchern gar nicht mehr verabschieden möchte. Dieses Talent besaß die Schriftstellerin Rosamunde Pilcher. Bitte kein Vorurteil und bitte nicht beurteilen nach den Kurzgeschichten, die im ZDF zu 90-Minuten-Filmen aufgeblasen werden. Pilchers „Die Muschelsucher“ und „September“ sind wunderbare Unterhaltungs-Romane, nicht seicht, nicht eindimensional. Bei Rosamunde Pilcher sitzt man im Salon am behaglichen Kaminfeuer.

Herzerwärmend und voll interessanter Charaktere

Gemütlich kann es aber auch in der Wohnküche sein und dort nimmt man mit der irischen Autorin Maeve Binchy Platz. All ihre Bücher sind sogenannte Frauen- oder Familienromane, herzerwärmend und voll interessanter Charaktere. Das gilt auch für die Autorin Marcia Willet. Ihre Reihe „Zeit der Verheißung“, „Jahre der Sehnsucht“, „Stunden des Glücks“ hört sich sehr kitschig an, aber die Geschichte um Frederica Chadwick ist gute Unterhaltung im besten Sinne des Wortes. Auch Judith Lennox schreibt mit schöner Regelmäßigkeit einen „Frauenroman“ nach dem anderen, aber nie einförmig. Über ihre historischen Romane kann ich nicht urteilen, aber die übrigen Bücher sind alle empfehlenswert.

Damit sollten Sie durch die Corona-Wochen kommen, in der Vielfalt liegt die Stärke. Man braucht Goethe, Fontane und all die anderen, aber allein mit ihnen wäre die Lese-Welt nicht so anregend und spannend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare