Zechenkolonie Schönhausen

Wegen Schäden durch Wurzeln: Stadt Bergkamen will 83 alte Bäume fällen

Ein imposanter Baumbestand kennzeichnet die Bergarbeitersiedlung Schönhausen in Mitte. Auch an der Russelstraße stehen riesige Platanen. Allerdings sorgen deren Wurzeln offenbar für Schäden an Straßen, Leitungen und Gebäuden.
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Ein imposanter Baumbestand kennzeichnet die Bergarbeitersiedlung Schönhausen in Mitte. Auch an der Russelstraße stehen riesige Platanen. Allerdings sorgen deren Wurzeln offenbar für Schäden an Straßen, Leitungen und Gebäuden.

In der Bergarbeitersiedlung Schönhausen in Bergkamen-Mitte beschädigen Straßenbäume mit ihren ausufernden Wurzeln Wege, Leitungen und Wohngebäude. Anwohner beklagen das seit Jahren. Jetzt will die Stadt viel Geld ausgeben, um der Sache Herr zu werden.

Bergkamen – Die Bergarbeitersiedlung Schönhausen in Mitte ist hübsch anzusehen mit ihrem üppigen Baumbestand. Doch die Idylle trügt. Die Wurzeln der Platanen und einzelner Ahorne verursachen immense Schäden an Straßen, Gehwegen, unterirdischen Leitungen und auch an Privat-Gebäuden. Der Ärger von Anwohnern ist groß; teils sind sie vor Gericht gezogen. Die Stadt will das Problem nun angehen – mit umfangreichen Baumfällungen und Neuanpflanzungen an zunächst zwei Straßen. Das kostet laut einem Gutachten 1,5 Millionen Euro.

Es geht um die Hansemann- und die Russelstraße, jeweils zwischen Landwehr- und Lentstraße. An der Hansemannstraße steht das Elternhaus von Carina Meyer. Die 38-Jährige führt hinein, zeigt Risse in den Wänden und abgeplatzte Bodenfliesen im Wohn- und Essbereich. „Meine Eltern beseitigen diese Schäden regelmäßig, aber sie treten immer wieder auf“, erläutert sie.

Carina Meyer sieht in den Wurzeleinwüchsen unter anderem die Ursache für abgeplatzte Bodenfliesen in ihrem Elternhaus an der Hansemannstraße.

Vor dem Gebäude – auf öffentlichem Grund – steht eine riesige Platane, keine zwei Meter von der Hauswand entfernt. Meyer und ihre Eltern gehen davon aus, das dieser und ein zweiter Baum Urheber der Schäden sind. Ihre Wurzeln führten unter das Wohngebäude hindurch bis in den rückwärtigen Garten, zerschnitten dabei auch Abwasserrohre. „Und die Einfahrt kann man wegen des angehobenen Pflasters nur eingeschränkt nutzen.“

Vor rund zehn Jahren habe es mit den Schäden angefangen, schildert Meyer. „Als die Bäume nicht mehr ordentlich gestutzt wurden und ungehemmt die Höhe schossen.“ Seither fordere ihre Mutter die Stadtverwaltung regelmäßig auf, etwas zu unternehmen. Von einer Schadenersatzklage hätten ihre Eltern bislang abgesehen, so Meyer – weil ein anderer Anwohner damit keinen Erfolg erzielt und dafür teuer bezahlt habe. Nichtsdestotrotz wollten sie weiter für ein unversehrtes Zuhause kämpfen.

Nur „Baumtore“ sollen stehen bleiben

Die Stadt war spätestens Ende 2017 aufgerufen, sich die Sache genauer anzuschauen. Damals hatte die Politik die Verwaltung aufgerufen, eine Konzeption zum „Umbau des Gehölzbestandes“ in der Wohnsiedlung zu erarbeiten. Jetzt, dreieinhalb Jahre später, liegt diese vor, erstellt von einem externen Landschaftsarchitekten. In der Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Klimaschutz am Donnerstag, 17. Juni, ab 17 Uhr in der Römerberg-Sporthalle in Oberaden wird über das Thema beraten.

Der Gutachter schlägt Fällungen vor allem jener Bäume vor, die sehr dicht an Gebäuden stehen. In den oberen und unteren Bereichen beider Straßen könnten die vorhandenen Platanen aber als Baumtor stehen bleiben.

  • Hansemannstraße: Es werden zwei Ansätze aufgezeigt, wobei der Gutachter die sogenannte „große“ Lösung (770.000 Euro) favorisiert. Diese sieht das Fällen von 42 der aktuell 51 Bäume vor. Dafür würden 14 neue Bäume sowie etwa 22 Großsträucher neu gepflanzt. Bei der „kleinen“ Lösung könnten sechs Bäume mehr stehen bleiben. Allerdings könne nicht garantiert werden, dass deren Wurzeln nicht auch irgendwann in Gebäude, Leitungen und Wege einwüchsen, heißt es.
  • Russelstraße: Hier stehen derzeit 48 Bäume. Demnächst sollen es 18 sein, von denen elf neu gepflanzt würden. Zudem sollen auch hier an Standorten, die für größere Bäume ungeeignet sind, künftig Großsträucher wachsen, etwa 19 Stück. Kostenpunkt: rund 740.000 Euro.

Baumstandorte, die vor Haustüren oder Zufahrten stehen, sollen aufgegeben werden; die Flächen werden gepflastert. Bei den Neuanpflanzungen von Bäumen soll auf schmalkronigere und „sehr gut schnittverträgliche“ Arten zurückgegriffen werden. Zudem werden die Standorte mit Bodendeckern (Rose) versehen. Der Gutachter schlägt zudem vor, Ver- und Entsorgungsleitungen durch eine Ummantelung oder Trennwände zu schützen.

„Endlich passiert hier was“

Carina Meyer hört dies gern. „Endlich passiert hier was“, sagt sie, zumal sie nach Rücksprache mit einem Fachmann davon ausgeht, dass die große Platane vor ihrer Haustür auch noch von einem Pilz befallen ist. „Wenn wir die Einfahrt fegen, brauchen wir einen Atemschutz“, verweist sie auf die Sporen, die den heruntergefallenen Blättern anhafteten.

Mit den Fällungen werde auch verhindert, dass – wie häufiger geschehen – Keller infolge verwurzelter Entwässerungsleitungen vollliefen, meint Meyer. Bei einem direkten Nachbarn habe sie sehen können, was das Verschwinden eines Baumes bewirkt habe. „Dort senkt sich das Pflaster auf der Einfahrt wieder, weil die Wurzeln darunter morsch werden.“

CDU: Erst Anlieger-Info, dann Beschluss

Sollte die Politik Ja sagen zur Konzeption, will die Stadt den Bewohnern der Siedlung das Papier vorstellen. Die CDU indes wünscht sich einen anderen Weg. Mit einem Antrag will sich durchsetzen, dass die Meinung der Bürger eingeholt wird, bevor die Politik beschließt. Weil die Siedlung „vom Baumbestand geprägt“ sei und einen „besonderen Charakter“ habe, sei die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger bei allen Verfahrensschritten „zwingend notwendig“.

Die Siedlung Schönhausen entstand in den Jahren 1900 bis 1919. Die Gebäude aus dieser Zeit besitzen laut Gutachten größtenteils einen Kellerboden aus gestampftem Lehmboden oder trocken gesetzten Ziegeln. Was die Schäden an Entwässerungsleitungen betrifft, so werden die Wurzeleinwüchse dem Papier nach „zunächst verursacht oder zumindest verstärkt“ durch bergbaubedingte Versätze von Muffen beziehungsweise die Zerstörung von Rohren.

Vor diesem Hintergrund dürfte Schadenersatz doppelt schwer einzufordern sein.

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