Mutter erleichtert

„Wir sahen einen Jungen im Eis bis zur Brust“: Ersthelfer berichten über Rettung eines Zehnjährigen

Teich Eis zugefroren
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Auf diesem zugefrorenen Teich an der Bruktererstraße in Bergkamen war der Junge eingebrochen.

Es waren schreckliche lange Minuten für alle Beteiligten, bis am Dienstag ein zehnjähriger Junge gerettet war. Er war über den zugefrorenen Ententeich am Wieckenbusch gelaufen und ziemlich genau in der Mitte zwischen den Ufern und an der mutmaßlich tiefsten Stelle des Teichs eingebrochen. Nun sprechen die Retter und die Mutter des Jungen.

Bergkamen - An der Stelle, an der der Junge einbrach, könnte ein Erwachsener aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr stehen, ein Kind erst Recht nicht. Doch der Junge konnte sich mit den Oberarmen auf der Eiskante über Wasser halten – und schrie lautstark um Hilfe.

Dass sofort etliche Erwachsene auf das Unglück aufmerksam wurden, war reiner Zufall. Im Sonnenschein war auf dem benachbarten Spielplatz viel los und zur Unglückszeit kurz vor Einbruch der Dunkelheit nutzen auch noch viele Hundehalter die letzten Sonnenstrahlen für einen Spazierweg um den Ententeich.

„Im Nachhinein habe ich mich geärgert“, sagt eine Spaziergängerin, die zwei Jungen an der Wasserkante stehen gesehen hatte. Sie ärgerte sich über den Jungen und seinen Leichtsinn, aber auch über sich selbst: „Dass ich nicht vorher die Kinder angesprochen habe, dass sie da weggehen sollen.“

Auch die Retter brachen teilweise ein

Als das Unglück dann aber passiert war, und sie die auftretende Unruhe am Ufer bemerkte, eilte sie mit Anwohnern sofort zum Ufer. „Wir sahen einen Jungen im Eis bis zur Brust. Der Anwohner lief los und holte seine Leiter. Da der Junge zu weit draußen eingebrochen war und die Leiter zu kurz war, ging ich vorsichtig aufs Eis und näherte mich dem Jungen. Er hielt sich fest und ich konnte ihn an der Leiter herausziehen“, schildert sie die Ereignisse.

Für andere waren diese Minuten die längsten ihres Lebens, denn der Junge drohte plötzlich, von der Leiter zu rutschen. „Wir schrien alle: Halt Dich fest“, erinnert sich Anwohner Alexander Purwin, der ebenfalls zur Hilfe eilte, als er auf das Unglück aufmerksam wurde. „Am Ufer nahmen ihn sofort starke Männer auf, die allerdings dann auch mit den Beinen im Eis einbrachen.“

Doch auch für die Retter gab es helfende Hände und nach wenigen Sekunden im eiskalten Wasser waren alle Erwachsenen wieder am sicheren Ufer. Dort zogen andere Helfer den Jungen die nassen Sachen aus, er bekam von weiteren Helfern Jacke und Hose und wurde in Decken gewickelt. „Es war alles in allem ein super Zusammenspiel und eine große Bereitschaft“, sagt die Spaziergängerin. „Jeder hat seinen Löwenanteil dazu gegeben. Es ist genauso wichtig, derjenige auf dem Eis zu sein, wie der, der ihn aus dem Wasser zieht oder ihm seine Anziehsachen spendet“, meint die Ersthelferin.

Dass Menschen sofort geholfen und nicht einfach gewartet haben, das ist so großartig.

Mutter des zehnjährigen Jungen

Wirklich allen Helfern ist deshalb auch die Mutter des Zehnjährigen unendlich dankbar. „Das kann man gar nicht in Worte fassen, was ich empfinde“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Er ist mein einziges Kind, er hat einen unbeschreiblichen Wert für mich. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Dass Menschen sofort geholfen und nicht einfach gewartet haben, das ist so großartig.“

Am Folgetag schrieb und telefonierte sie mit denjenigen, deren Namen sie kannte. Darunter waren der Ersthelfer am Ufer und die Frau, die sich mit der Leiter aufs Eis wagte. Die kannte Kind und Mutter noch aus gemeinsamen Zeiten bei der Tagesmutter und fragte noch am Abend von sich aus nach, wie es dem Jungen ging. Er war nur leicht unterkühlt und hatte das Krankenhaus wieder verlassen können.

Doch der Schreck saß tief. Auch bei der Mutter und den Rettern. „Da bleibt einem das Herz stehen, auch wenn man sofort hört, dass er gerettet wurde“, schildert die Mutter den Moment, als sie die Nachricht am Telefon bekam. Auch die Retter schütteln sich beim Gedanken an die bangen Minuten. „Ist ja zum Glück gut ausgegangen“, sagen sie. „Aber einmal in zehn Jahren reicht“, sagt ein Anwohner – wenn nicht sogar für ein ganzes Leben.

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