Tag drei im Schneechaos

Winterdienst in Bergkamen nach Pannen beeinträchtigt – Auch „Private“ im Dauereinsatz

Der Fuhrpark des Landschaftsbaubetriebs Blass ist für den Wintereinsatz umgerüstet worden.
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Der Fuhrpark des Landschaftsbaubetriebs Blass ist für den Wintereinsatz umgerüstet worden.

Das kommt wirklich zur Unzeit: Mitten im größten Schneegestöber seit vielen Jahren bremsen technische Probleme und ein kleiner Rutscher den Winterdienst des Entsorgungsbetriebs Bergkamen (EBB) aus. Derweil können die Menschen in der Stadt die weiße Winterpracht endlich auch bei blauem Himmel genießen. Herrlich!

Bergkamen – Die ersten Pannen gab‘s schon am Sonntagabend, die weiteren folgten tags drauf. Insgesamt zählte der EBB vier Defekte an drei Fahrzeugen. Zeitgleich fielen gleich drei Fahrzeuge aus, fast die Hälfte des in diesen Tagen zur Verfügung stehenden Fuhrparks. „Ein Fahrzeug haben wir aber zunächst selbst wieder gangbar bekommen“, berichtete Bauhofleiter Stephan Polplatz am Dienstagmorgen.

Zwei Fahrzeuge noch in der Werkstatt

Alle drei mussten aber auch zur Reparatur: ein Abrollkipper mit beschädigtem Kühler, der nun in Hamm auf sein Ersatzteil wartet, sowie ein kleiner und ein großer Schlepper. „Wir hoffen, dass wir zumindest den großen im Laufe des Dienstags wieder einsetzen können“, sagte Polplatz am Morgen. Und so kam es auch: Das Fahrzeug hatte mit Hydraulikproblemen zu kämpfen, seit Dienstag, 14 Uhr, ist es aber wieder auf der Straße.

Eindrücke aus dem winterlichen Bergkamen

Schnee Bergkamen
Schnee Bergkamen
Schnee Bergkamen
Schnee Bergkamen
Eindrücke aus dem winterlichen Bergkamen

Der kleine Schlepper steht derweil in einer Werkstatt in Lünen. Er war im Bereich Parkstraße/Zweihausen bei Glatteis in den Straßengraben gerutscht und drohte umzukippen. Die hiesige Feuerwehr kam zur Hilfe und zog das Vehikel mit einer Seilwinde wieder auf die Fahrbahn. Vorläufige Diagnose: Getriebeschaden.

Auch in der Nacht zu Mittwoch im Einsatz

„Ärgerlich“, nannte Polplatz die Vorfälle. Die Bemühungen, wieder für freie und sichere Straßen zu sorgen, seien erheblich erschwert worden. Vorerst könnten daher auch weiterhin nur die Hauptstraßen und die größeren Straßen zu den Wohngebieten geräumt werden.

Der durchgängige Einsatz eines der intakten Fahrzeuge auch in der Nacht zu Mittwoch sollte die Lücke beim Winterdienst auffangen. Der Versuch, Leihfahrzeuge für die ausgefallene Technik zu bekommen, schlug laut Polplatz fehl. In diesen Zeiten würden die Verleiher nur milde lächeln, wenn man derlei Ansinnen vortrage. Bei insgesamt acht Firmen habe er sein Glück versucht, dann aber aufgegeben.

In diesen Tagen Unterstützung von Privat-Firmen oder Landwirten zu bekommen, sei auch kein leichtes Unterfangen, weiß Polplatz. Diese hätten derzeit selbst viel zu tun, müssten ihre Zusagen und Termine einhalten.

Familien nutzen den Schnee für Rodeltouren, hier auf der Adener Höhe.

Einer der „Privaten“, die mit an vorderster Winterfront kämpfen, ist Holger Blass (52 Jahre), Inhaber des Garten- und Landschaftsbaubetriebs an der Oberen Erlentiefenstraße. „In den vergangenen drei Tage sind wir komplett durchgefahren, auch nachts“, berichtet er. „Neue Aufträge können wird derzeit nicht mehr annehmen.“

Blass hat 14 Angestellte und neun Fahrzeuge, die er so umrüsten kann, dass sie fürs Schneeräumen taugen. Bis Samstag haben alle Kollegen noch Grünflächen gestaltet oder Pflastersteine gelegt. Mit den ersten Schneeflocken switchten sie von heute auf morgen um. „Ich glaube, so viel ist zuletzt 2010/2011 runtergekommen.“

Zu Blass’ Kunden zählen die Stadt Bergkamen, für die er Geh- und Radwege sowie Flächen in Rünthe und Overberge räumt, aber auch Geschäfte und Immobilienbesitzer. Der Parkplatz am Nordberg-Center etwa wäre ohne seinen Einsatz nicht nutzbar, etliche Objekte der Wohnungsbaugesellschaft Lünen in umliegenden Kommunen wären wohl weiterhin vom Verkehr abgeschnitten. „Um alles abzuarbeiten, beschäftigen wir zudem einige Subunternehmer.“

Mehr Schnee – gleiches Geld

Der Winterdienst sei ein willkommenes Zubrot und kompensiere den Arbeitsausfall infolge der kalten Jahreszeit, verdeutlicht Blass. Doch je mehr Schnee fällt, desto weniger lukrativ wird er. Der Grund: Bezahlt wird nach Größe der zu räumenden Fläche, nicht danach, wie viel Masse am Ende auch bewegt wird. „Über die Jahre gleicht sich das aber wieder aus“, betont der Landschaftsgärtner.

Auch die Landwirte in der Region fassen, wenn nötig, mit an. Oftmals bieten sie über den landwirtschaftlichen Maschinenring Winterdienste an oder sie helfen ganz unkonventionell Autofahrern, die im Schnee stecken bleiben. „Mein Sohn hat noch am Montagabend jemanden mit dem Trecker rausgezogen. Der Mann war mit seinem Hund zum Gassi gehen gefahren“, berichtet etwa Heinz-Dieter Kortenbruck, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins. „Versuchen Sie mal, in diesen Tagen einen Abschleppdienst zu bekommen.“

Wenn man mit dem Radlader gegen einen Gully fährt, geht in der Regel beides kaputt.

Heinz-Dieter Kortenbruck, Landwirt

Kortenbruck war mit seinem kleinen Radlader schon mal für die Kirche im Wintereinsatz, auch kümmert er sich zumeist darum, dass die Zuwegung zu seinem Hof in Heil und zu den Gebäuden der Nachbarn passierbar bleibt. Grundsätzlich sei er gerne für andere aktiv, allerdings müssten solche Arbeiten auch durch eine Versicherung abgedeckt sein, unterstreicht er. Darauf habe jüngst auch der Kreisverband Ruhr-Lippe des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband in einer Rundmail hingewiesen. „Da ist schnell was passiert“, sagt Kortenbruck. „Wenn man mit dem Radlader gegen einen Gully fährt, geht in der Regel beides kaputt.“

Ohnehin gehe der eisige Winter auch an den Betrieben selbst nicht spurlos vorbei, sagt Kortenbruck. Er selbst etwa halte Milchkühe in einem nach Süden hin offenen Stall. „Da kommt zwar schön die Sonne rein, aber auch der Wind.“ Und dieser brachte seit Samstag viele Schneeflocken mit.

Müllabfuhr kämpft sich durch

„Kälte können die Tiere gut verkraften, Feuchtigkeit aber nicht“, weiß Kortenbruck. Daher habe er im großen Stil Quaderballen aus Stroh aufgetürmt, um den Wind zu brechen. Überdies müsse er sich darum kümmern, dass die Wasserversorgung trotz der Minusgrade funktioniert und kein gefrorenes Futter in die Tröge kommt. „Auch das wäre nicht gut.“

Derweil hält der EBB weiterhin die Müllabfuhr in Bergkamen aufrecht, während sie andernorts eingestellt wurde. Es werde versucht, alle Touren abzufahren, teilte der städtische Eigenbetrieb am Dienstag mit. Gleichzeitig bat er darum, Gefäße, die nicht geleert wurden, stehen zu lassen, damit ein Extra-Fahrzeug sie am selben Tag oder unter Umständen am Folgetag ansteuern kann. Auch die zugesagten Sperrmülltermine versuche das Team des EBB abzufahren, hieß es. Gefäße an Straßen, in denen kein Winterdienst stattgefunden hat und die daher nicht befahren werden können, könnten indes nicht geleert werden, hieß es.

Bauhofleiter Stephan Polplatz schätzt den Anteil der Tonnen, bei denen der erste Leerungsversuch gescheitert ist, auf lediglich zehn bis 15 Prozent. Er bedankte sich bei allen Bürgern, die dem EBB entgegenkommen, indem sie zum Beispiel Tonnen dorthin rollen, wo sie für die Fahrzeuge gut erreichbar sind.

Polizei kann nicht immer helfen

Mit steckengebliebenen Fahrzeugen hatte auch die Kreispolizei zu tun. Für Sprecher Bernd Pentrop waren das „normale winterliche Probleme“. Das Fahrverbot für Lkw auf den Autobahnen sowie die zeitweise Mahnung an Autofahrer, die A2 zu meiden, habe nicht zu erhöhten Aufkommen an anderer Stelle geführt, sagte Pentrop. Er vermutet, dass viele Menschen sicherheitshalber zu Hause geblieben sind.

Anrufe bei der Polizei habe es trotzdem gegeben. „Aber uns waren in vielen Bereichen die Hände gebunden. Wir sind ja kein Abschleppunternehmen“, betonte der Polizeisprecher. Er zollt den Menschen im Kreis Unna auch ein dickes Lob. „Wir erleben in der Gesellschaft eine große Hilfsbereitschaft.“ Auch Passanten hätten spontan eingegriffen, um Autos freizuschieben.

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