Mängel laut Gutachter deutlich geringer

Wieder nach Hause? Wende für Bewohner der evakuierten Häuser

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Blicken zuversichtlich nach vorn: Eigentümer Mario Keller, Eigentümer Ludwig Moskaluk, Anwalt André Picker, Eigentümer Jörg Suttrop, Brandschutzsachverständiger Thomas Albrecht und der neue Verwalter K-Jörg Berchem.

Seit zwei Monate dürfen die Bewohner der geräumten Häuser an der Töddinghauser Straße jetzt nicht mehr in ihre Wohnungen. Zwei Monate Leben in improvisierten Unterkünften: bei Freunden, auf dem Campingplatz, in der Notunterkunft. Es gab viel Zorn, doch jetzt kann es zur großen Wende kommen.

Bergkamen – „Ich glaube, dass ich für alle Eigentümer spreche, wenn ich sage, dass ich heute zum ersten Mal seit der Evakuierung das Gefühl habe, dass wir durch den neuen Verwalter und den neuen Anwalt in unserem Sinne vertreten werden.“ Mario Keller ist Eigentümer einer Wohnung in den Häusern Töddinghauser Straße 135 und 137 – und nicht der einzige, der die Eigentümerversammlung am Dienstagabend mit einem guten Gefühl verließ. 

Auch Beiratsvorsitzender Ludwig Moskaluk war mehr als nur zufrieden: „Die Eigentümergemeinschaft hat Vertrauen zu uns. Das ist gut.“ Keller ergänzte: „So ruhig wie heute war es auf einer Eigentümerversammlung noch nie.“ Und dabei gab es noch nie so viel zu besprechen und so wichtige Entscheidungen zu treffen wie dieses Mal. 

Was war die wichtigste Nachricht des Abends? 

Nach Einschätzung des Brandschutzsachverständigen Thomas Albrecht sind die in der Räumungsverfügung der Stadt benannten Mängel nicht nur schnell zu beheben, es kommen dabei auch längst nicht so hohe Kosten auf die Eigentümer zu, wie zunächst in Aussicht gestellt worden war. Erledigt werden müssten lediglich kleinere Maßnahmen, denn mit Blick auf das Ganze argumentiert Albrecht an vielen Stellen mit Bestandsschutz, während der Erstgutachter sich am heutigen Stand der Technik orientierte. 

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Den herzustellen hieße natürlich, in die Bausubstanz des Gebäudes einzugreifen. „Aber wenn sie mit einem Oldtimer zum TÜV fahren, kann der auch nicht verlangen, dass Sicherheitsgurte und Airbags eingebaut werden“, zog Albrecht einen Vergleich und sagte weiter: „Dann dürften die meisten Altbauten in Deutschland nicht mehr bewohnt werden.“ 

Ist damit ein Ende der Evakuierungsphase in Sicht? 

Es gibt zumindest Hoffnung. Bereits in der Vorwoche hatte es wie berichtet ein gemeinsames Gespräch zwischen Albrecht und Eigentümer-Vertretern auf der einen und Stadtverwaltung und Brandschutzdienststelle auf der anderen Seite geben. 

Vor zwei Monaten wurden die Häuser evakuiert.

Dabei waren in konstruktivem Austausch mögliche Wege der Vorgehensweise ausgelotet worden. Nachdem jetzt die Eigentümergemeinschaft getagt und alle handelnden Personen legitimiert hat, kann nun ein offizielles Sanierungsgutachten eingereicht werden. Inwieweit Brandschutzdienststelle und letztlich Bauordnungsamt dem jedoch zustimmen werden, bleibt abzuwarten. 

Welche Kosten würden dann auf die Eigentümer zukommen? 

Die Kosten der dann notwendigen Sanierungen wären ein Bruchteil des Millionenbetrags, der zunächst in den Raum geworfen wurde. Albrecht geht von einem mittleren fünfstelligen Betrag aus - und die Eigentümergemeinschaft entschied am Dienstagabend, dass die aus der finanziellen Rücklage der Hausgemeinschaft genommen werden sollen. Ursprünglich hatte es geheißen, dass jede Partei zusätzlich noch mindestens 25.000 Euro investieren müsse. 

Was passierte sonst noch in der Eigentümerversammlung? 

Das gemeinsame Ziel aller lautet nun: Die Bewohner, ob Mieter oder Eigentümer, sollen so schnell wie möglich zurück in ihre Wohnungen. Nicht nur Albrecht wurde in der fast dreistündigen Sitzung, bei der die Anwesenden mehr als 75 Prozent der Miteigentumsanteile abdeckten, offiziell einstimmig als neuer Sachverständiger bestellt, es gibt nun auch einen neuen Verwalter. 

Brand in den Turmarkaden

Brand in den Turmarkaden

Turmarkaden in Bergkamen vor dem Abriss 

Turmarkaden in Bergkamen vor dem Abriss 

Evakuierung in Bergkamen an der Töddinghauser Straße

Evakuierung in Bergkamen an der Töddinghauser Straße

Nach einstimmigem Beschluss bei einer Enthaltung wird K.-Jörg Berchem, Inhaber der Immowert24 GmbH aus Lünen, künftig die Eigentümergemeinschaft als Verwalter vertreten. Seine erste Amtshandlung wird es sein, alle notwendigen Unterlagen anzufordern. Zudem wurde einstimmig ein Fachanwalt für Verwaltungs- und Strafrecht damit beauftragt, sich mit den rechtlichen Fragen zu befassen: André Picker aus Witten. 

Was war passiert? 

Seit der Evakuierung der beiden achtgeschossigen Häuser am 15. Mai gingen die Eigentümer durch ein Wechselbad der Gefühle. Nach der ersten Eigentümerversammlung am 18. Juni waren sie völlig am Boden zerstört, weil sie fürchten mussten, alles zu verlieren. Sanierungskosten von mehr als einer Million Euro standen im Raum. 

Mit einem Video voller Spekulationen erregte ein Eigentümer dann öffentliche Aufmerksamkeit, es entbrannten heftige Diskussionen, vor allem in den sozialen Medien und einzelne Eigentümer verpflichteten mit Albrecht einen privaten Brandschutzsachverständigen. Viele Eigentümer erfuhren allerdings erst im Bauausschuss am 9. Juli durch Bergkamens Ersten Beigeordneten Dr. Hans-Joachim Peters, welche Umstände in den Häusern bemängelt worden waren – und dass der Anfang des Jahres neu gewählte Immobilienverwalter und ein Rechtsbeistand keine Klage gegen die Räumungsverfügung eingereicht hatten. Da war jede Frist längst verstrichen – und die Wut der Wohnungsbesitzer entsprechend groß. 

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In den folgenden Auseinandersetzungen legte der Verwalter aus Unna das Verwalteramt nieder und kündigte Mitte Juli den bestehenden Verwaltervertrag außerordentlich. Was wird der Fachanwalt tun? „Bei den bisherigen Vorarbeiten ging es nur um eine rechtliche Einschätzung der Situation“, erklärte Picker, der hofft, dass dem neuen Verwalter nun schnellstens alle notwendigen Unterlagen – sowohl seitens der Stadt als auch durch den alten Verwalter – übergeben werden. „Es wäre schön, wenn wir die nicht einklagen müssten“, setzt Picker auf die Kooperation aller beteiligten Stellen. Denn: „Das Elende an der ganzen Geschichte ist, dass die Frist versäumt wurde.“ 

Warum ist das Verstreichen der Frist so schlimm? 

Der Fachanwalt ist überzeugt, dass die Probleme sonst schon längst hätten aus der Welt geschafft werden können. „Bei einem solch massiven Eingriff in die Grundrechte“ – Picker bezieht sich dabei auf die Artikel 14 und 13 des Grundgesetzes – „wäre ein ordentliches verwaltungsrechtliches Verfahren wünschenswert gewesen.“

Wie werden die Eigentümer nun weiter vorgehen? 

Während der Anwalt jetzt „auf weitere Aufträge“ warte, machten die Eigentümer an anderer Stelle Nägel mit Köpfen: Einstimmig wurde die Vereinbarung getroffen, dass der Beirat, die Fachleute und einige weitere Eigentümer eine Art Krisenstab bilden, der punktuell, aber schlagkräftig ermächtigt und handlungsfähig ist, alle notwendigen Schritte für eine baldige Rückkehr in die Wohnungen einzuleiten. 

Außerdem fanden sich Handwerker, die die anstehenden Aufgaben übernehmen werden. Zudem soll der Stab Gespräche mit den GSW, dem Stadtbetrieb Entwässerung sowie den Investoren und Bauherren der Turmarkaden führen, um das Wohnhaus ordentlich vom Gewerbebereich trennen zu können. Eine Aufgabe, die aufgrund der begonnen Abrissarbeiten an den Turmarkaden in jedem Fall anfällt, denn sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen des achtgeschossige Wohnhauses laufen durch einen Versorgungsraum in den Turmarkaden.

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