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WM-Fieber? Fehlanzeige! Fußballer verzichten auf Fifa-Turnier

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Von: Jan-Niklas Dalley

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Seit Jahren stehen Sven Nagel und Dennis Franke selbst auf dem Fußballfeld.
Seit Jahren stehen Sven Nagel und Dennis Franke selbst auf dem Fußballfeld. © Dalley

Fußballbegeistert sind alle Spieler in der ersten Mannschaft des SuS Rünthe. Doch die Weltmeisterschaft in Katar löst nur bei den wenigsten Vorfreude aus. Obwohl am Mittwoch die erste Begegnung der deutschen Nationalmannschaft im Turnier angepfiffen wird, ist keiner der Spieler des B-Kreisligisten im WM-Fieber.

Rünthe – „Dieses WM-Gefühl überträgt sich gar nicht“, findet Kapitän Dennis Franke. Die bisherigen Weltmeisterschaften hat er immer verfolgt. Die „Heim-WM“ 2006, die in Deutschland stattfand, ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. „Da sind alle in der Umgebung zusammengewachsen, um Fußball gemeinsam zu erleben. Auch die Fan-Meile in Berlin war allgegenwärtig, weil man sie jeden Tag im Fernsehen gesehen hat“, erinnert sich der 28-Jährige zurück. Einige Partien verfolgte er damals auf der großen Leinwand am Dortmunder Friedensplatz. Auf das Public Viewing wird bei dieser WM zum Großteil verzichtet. Das liegt auch an der ungewöhnlichen Jahreszeit.

Mit der Ansetzung des Turniers im Winter kann sich sein Trainer ebenso wenig anfreunden. „Ich bin absoluter WM-Fan“, erklärt Björn Ziegert, doch Public Viewing im Winter, womöglich noch auf dem Weihnachtsmarkt, fühle sich falsch an. Neben den offensichtlichsten Kritikpunkten, wie der Menschenrechtsverletzungen am Austragungsort, stört ihn, wie das Turnier in den sozialen Netzen vom Gastgeber geschönt wird. Vor dem ersten Anpfiff kursierten einige Videos verschiedener Fangruppen, die bereits vor Ort feiern. Der Vorwurf von Ziegert: „Das weiß ich aber nur vom Hörensagen: Die haben die Gastarbeiter von den Baustellen geholt und dann als Fans eingekleidet. Da war ein Fan, der tauchte in verschiedenen Videos auf, hatte aber jedes Mal eine andere Fahne in der Hand.“ Dass im Gastgeberland ein „Fangefühl“ aufkommen wird, bestreitet der Übungsleiter wegen der „extremen“ Fan-Auflagen vor Ort.

Das weiß ich aber nur vom Hörensagen: Die haben die Gastarbeiter von den Baustellen geholt und dann als Fans eingekleidet. Da war ein Fan, der tauchte in verschiedenen Videos auf, hatte aber jedes Mal eine andere Fahne in der Hand.“

Björn Ziegert

Sven Nagel lehnt die WM ebenfalls ab. Dass Spieler trotzdem am umstrittenen Turnier teilnehmen, kann er etwas nachvollziehen. „Als Profi träumt man davon und arbeitet sein ganzes Leben darauf hin, bei einer WM zu spielen“, weiß der Mittelfeldspieler. Dass die DFB-Akteure sich vor Ort für Menschenrechte einsetzen sollen, findet er ein bisschen scheinheilig. Stattdessen würde es begrüßen, wenn die Spieler ihre erhaltenen Prämien spenden würden. Wie die WM in Deutschland ankommen wird, hänge auch mit dem Abschneiden der DFB-Elf zusammen: „Wenn Deutschland nach der Vorrunde rausfliegt, ist die Nachfrage eher geringer.“ In Nagels Umfeld gehen die Meinungen über die WM auseinander. „Es gibt zwei Fanlager“: eine Gruppe, die komplett das Turnier boykottiert, und eine weitere Gruppe, die versucht, weniger Spiele zu verfolgen. Vereinzelt gibt es ebenso Personen, die dem Turnier entgegenfiebern: „Einer ist zum Beispiel im Deutschland-Fanclub. Der ist da komplett anderes eingestellt.“

Zeigen kaum Interesse: (von links): Sven Nagel, Björn Ziegert und Dennis Franke.
Zeigen kaum Interesse: (von links): Sven Nagel, Björn Ziegert und Dennis Franke. © Dalley, Jan-Niklas

Zumindest für die drei SuS-Akteure steht fest: Keiner werde aktiv einschalten oder sich für Partien extra Zeit frei schaffen. Ziegert gesteht aber ein: „Im Hintergrund werden wohl einige Spiele laufen. Im Endeffekt lässt sich das nicht verhindern.“ Dass ein „Wegschauen“ oder ein Boykott etwas ändern würde, bezweifelt der Trainer: „Das Turnier wird stattfinden. Das sind Automatismen, die wir nicht steuern können. Der BVB wäre eher ein Sprachrohr als der SuS Rünthe. Im Vorfeld, nach der Vergabe, hätte man was machen müssen. So ist jetzt eine faule Frucht gereift.“

Dennis Franke sieht das etwas anders. Er glaubt an das Tropfenprinzip, dass jeder Einzelne einen Unterschied machen kann. „So kann jeder ein Zeichen setzen. Aber das ist meine persönliche Meinung und das muss jeder frei für sich entscheiden.“

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